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Jubelnd ins Inferno

 „Weltenbrand“ – der 1. Weltkrieg auf der Bühne der Alanus-Hochschule

Von Gisbert Kuhn

Mit “Hurra” ins Feld der Ehre

Ins „Feld“ sind sie gezogen. Jubelnd auf das „Feld der Ehre“, das sie dann sehr bald als Inferno erleben sollten. Millionenfach. Am 4. August 1914. Deutsche, Österreicher aus vielen slawischen Nationalitäten, Franzosen, Briten, Russen – später auch noch Kanadier, Australier und Amerikaner sowie ungezählte Angehörige afrikanischer wie asiatischer Kolonialvölker. Mit „Hurra“ zunächst die meisten Soldaten aus den europäischen Großmächten. Die farbigen Hilfstruppen waren wohl eher weniger froh. Nicht sie hatten ja schließlich die „mit dem Schwert“ zu entscheidende „finale Schlacht um die Vorherrschaft“ auf dem Alten Kontinent herbeigesehnt. Jenen Waffengang, von dem man in Berlin, Paris, London, Wien oder Moskau überzeugt war, dass er in ein paar Monaten entschieden und damit auch vorbei sein werde. Kein Kaiser, König, Zar oder Präsident glaubte in jenen Augusttagen an einen Weltkrieg, gar an eine „Ur-Katastrophe“ für das 20. Jahrhundert oder auch daran, dass bereits Ende des Jahres die Schlachtfelder Europas von mehr als einer Million Toten bedeckt sein würden.

Ganz sparsame Ausstattung

Das „Feld“ auf der zur Probebühne gestalteten ehemaligen Tenne auf dem Gelände der privaten Alanus-Hochschule in Alfter vor den Toren Bonns weist, auf den ersten Blick, keinen Zusammenhang mit dem grausamen Geschehen vor 100 Jahren aus. Die Ausstattung ist betont sparsam. Weiße Tücher bedecken, scheinbar achtlos verteilt, die Bodenfläche. Als Hintergrund erhebt sich eine breite, ebenfalls gewollt wahllos mit hellen Textilteilen behängte Wand. Erst allmählich formt sich in der Vorstellung des Betrachters der Gedanke, dass damit womöglich symbolhaft Leichentücher gemeint sind, die sich über weite Landstrecken, ja vielleicht sogar ganze Länder erstrecken.

Regisseur Michael Barfuss (mitte) bei den Proben

Hier wird fleißig geübt, wird Theater gemacht. Angehörige des 2. und 3. Diplomstudiengangs Schauspiel sollen (und wollen) alles daran setzen, um – sozusagen spielerisch – 100 Jahre nach dem von 1914 bis 1918 tobenden Völkermorden den heute Lebenden das damalige Geschehen nachvollziehbar werden zu lassen. Nicht zuletzt denen, die jetzt so um die zwanzig sind und damit im Alter derjenigen Jahrgänge, die seinerzeit auf allen Seiten sinnlos verheizt wurden. Nur wenige Requisiten liegen über die Bühne verteilt – ein paar Rucksäcke, fünf Karabiner, die eine oder andere Wolldecke. Immer wieder Regieanweisungen von außen, bis zur Perfektion entwickelte Positionswechsel, schier endlose Wiederholungen von Monologen und Dialogen, bis die Stimmfärbungen und –modulationen der Akteure mit den auszudrückenden Inhalten zu stimmigen Einheiten verschmelzen.

„Zum Denken anregen“

Die Stimme von außen gehört Michael Barfuß. Er ist der Regisseur. Aber bei weitem nicht nur das. Der 1957 in Oldenburg geborene Künstler ist ein Multitalent, dessen auch international schon häufig und vielerorts bewiesene Fähigkeiten vom Schreiben über das Inszenieren, Komponieren, Arrangieren und sogar noch darüber hinaus reichen. So ist es fast logisch, dass sowohl die Idee zu dem Stück mit dem gewiss nicht zufällig der nordischen „Edda“ entlehnten Namen „Weltenbrand“ als auch Textbuch und szenische Umsetzung in seinem Kopf entstanden und aus seiner Feder flossen. An dieser Stelle ist allerdings eine Anmerkung erforderlich. Was in diesem Theaterstück gesagt, von den Schauspielern also dem Publikum vermittelt werden soll, ist nicht etwa der Phantasie eines Autors entsprungen. Es basiert vielmehr sämtlich auf Briefen und Tagebüchern, aus den Jahren 1914 bis 1918, die deutsche wie französische Soldaten und deren Angehörige geschrieben haben. So gesehen ist jedes Wort, jeder Seufzer, jede patriotische Überhöhung wie auch jeder Vermerk von Verzweiflung absolut authentisch.

Ein Soldat spricht zu seinem Sohn, Szene des Theaterstücks

Das, freilich, relativiert in keiner Weise, die der Inszenierung von „Weltenbrand“ bereits vorausgegangenen Leistung des Regisseurs. Denn er musste schließlich in akribischer Kleinarbeit, Suche und Gewichtung aus jenen schriftlichen Hinterlassenschaften auswählen, die jetzt die Seele des Stücks ausmachen – aus deutschen wie französischen Quellen gleichermaßen. Hier wurde nicht versucht, den ungezählten alten und neuen Analysen über diesen Krieg noch eine weitere hinzuzufügen. Vielmehr gaben die Macher des Stücks ganz einfach jenen Menschen noch einmal Gestalt und Sprache zurück, die als Soldaten, Ehefrauen, Söhne, Töchter, kurz Leidende vor 100 Jahren um ihr Leben betrogen wurden. Gleichgültig, auf welcher Seite.

Authentisches Theater 

Was die jungen Männer und Frauen mit „Weltenbrand“ hier aufführen, ist ohne Einschränkung das, was man als „authentisches Theater“ bezeichnen kann – ein lebendiges, auch provozierendes Theaterstück. Es lässt die Leichtigkeit ahnen, mit der Menschen – gleichgültig wo – damals wie zu allen Zeiten verführt werden konnten und (tägliche Beispiele zeigen uns das) noch immer fehlgeleitet werden können. Und es führt gleichzeitig vor Augen, dass solches keineswegs national begrenzt ist. Beispiel, der Brief des französischen Poilu („Kosewort“ für Soldat), Maurice Marechel, von 1915:  „Gestern oder vorgestern, beim Rapport, wurden Briefe der gefangenen Deutschen gelesen. Warum? Ich habe keine Ahnung, denn sie schreiben dasselbe wie wir: Das Unglück, die vergebliche Hoffnung auf Frieden, die ungeheure Dummheit all dieser Dinge. Diese unglücklichen boches sind wie wir! Sie sind wie wir, und das Unglück ist für alle gleich…“

Proben des Theaterstückes

Wie weit ist im heutigen deutschen Bewusstsein der 1. Weltkrieg weg! Anders als bei den einstigen Kriegsgegnern. In Frankreich und Belgien ist „la grande guerre“ (der große Krieg) noch genauso präsent wie „the great war“ in Großbritannien, Neuseeland oder Australien. In Ypern, einem seinerzeit total zerstörten flandrischen Städtchen an der Westfront, wird noch immer jeden (!) Abend der „last post“ geblasen – eine Art Zapfenstreich zu Ehren der vor 100 Jahren Gefallenen und Vermissten. Wer jemals die endlosen Gräberfelder in „Flanders Fields“ – den flandrischen Feldern – besucht hat, dem wird in aller Regel besonders bewusst, was für eine wahrhaft historische Leistung es war, die über Jahrhunderte gepflegten und zumeist in Kriege mündenden Gegensätze in Europa in eine politische Gemeinsamkeit umzumünzen. Und dem gruselt vor dem Gedanken, dass durch Leichtfertigkeiten, fehlendes Geschichtsbewusstsein, wieder aufkeimende Nationalismen und Überlegenheitsgefühle dieses hart und schwer errungene „Europa“ wieder zerstört werden könnte.

Nicht zuletzt deshalb ist „Weltenbrand“ gerade jetzt notwendig. Vielleicht als Weck- und Warnruf für einen gefährlichen Rückfall in längst überkommen geglaubte Verhaltensmuster. Es ist zwar Zufall, aber dennoch irgendwie  symptomatisch: Am 11. 11. um 11 Uhr beginnt in Deutschland traditionsgemäß der Karneval. In den Ländern der ehemaligen Kriegsgegner ringsum wird genau um die Zeit auch gefeiert – der Waffenstillstand nämlich vor exakt 100 Jahren…

 

Name des Stücks: „Weltenbrand“

Inszenierung und Buch: Michael Barfuß

Es spielen Studierende des 2. Und 3. Jahrgangs des Diplomstudienganges Schauspiel an der Alanus-Hochschule in Alfter:

Marcus Chiwaeze, Rosa Dahm, Marsha Miessner, Elena Nicodemus, Matthias Pieper, Philipp Andriottis, Nima Bazrafkan, Florian Hausen, Lukas Metzinger, Christa Wouters.

Bühnenbild: Martina Diez und Elise Richter

Kostümbild: Romy Rexheuser

Gewandmeisterin: Luana Andreotti

 Karten Brotfabrik: Vorverkauf 15,– €//9,–€ ermäßigt//bonnticket.de, Abendkasse 17,– €//10,– ermäßigt

Termine Hoftheater Alanus Hochschule:  9./10. November je 19,30 h, 11. November 18 h.