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Ich bin Circe

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

www.kreativ-schreibstudio.de

 

Madeline Miller: Ich bin Circe

Die Altphilologin Miller erzählt die Geschichte aus der Sicht der aus der Odyssee bekannten Zauberin Circe. Der Durchschnittsleser, dem die griechische Mythologie eher nicht geläufig ist, sollte die Sagen des klassischen Altertums danebenlegen, sonst werden ihn die Verwandtschaftsverhältnisse und Namen verwirren, denn ein Glossar fehlt.

Der Roman ist der zweite der Autorin. Nun ist es ein gewagtes Unterfangen, sich in göttliche Gedanken und Verhaltensweisen hineinversetzen zu wollen. Miller, die sich einem sehr umfassenden Stoff nähert, könnte sich natürlich damit herausreden, dass sie sich so die Charaktere von Göttern eben vorstellt: untereinander nur bösartig und nach Strich und Faden auf Schaden und die Erzeugung von Ungeheuern bedacht. Da der Götterkosmos aber nun mal von Menschen erfunden wurde, handeln die Gestalten auch nach deren Mustern und Motiven. Gerade dieser Bruch zwischen Vorstellung hehren Abgehoben-seins und Allzu-menschlichem macht sonst den Reiz solcher Nacherzählungen aus.

Miller wählte vermutlich diese Figur, um an ihr exemplarisch die Entwicklung einer Frau vom bemitleideten abgelehnten Kind zur selbstbewussten Kräuterkundigen darzustellen. Der Stil des Buches lebt von seiner Überfülle an bildhaften Vergleichen. Immer wieder stolpert man aber über schräge Metaphern: z. B. „Der Gedanke brannte wie ein glühendes Kohlestück in meinem Hals.“ Oder: „Ein Mann möchte seine Frau wie frisches Gras, unberührt und grün.“

Der Leser vermisst jegliche psychologische Dimension, die brutalsten Vorkommnisse werden lapidar beschrieben. Empathie kann sich Miller bei Göttern anscheinend nicht vorstellen, auch nicht, wenn sie sich mit Sterblichen beschäftigen. Damit unterbindet sie erfolgreich Mitgefühl und Identifikation mit irgendeiner Figur. Wer zu dem Roman greift, weil er an modernen Bearbeitungen antiker altbekannter Stoffe Vergnügen findet (wie etwa Christa Wolfs „Kassandra“ oder Inge Merkels, „Eine ganz gewöhnliche Ehe“), der wird wahrscheinlich enttäuscht sein.

 

Eisele-Verlag

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Frauke Brodd

Originaltitel: Circe, Little Brown USA 2018

520 Seiten

Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen

13,5 x 21,5 cm

€ 24,00 (D) | € 24,70 (A)

ISBN: 978-3-96161-068-6

 

MADELINE MILLER, 1978 in Boston geboren, wuchs in New York und Philadelphia auf, studierte Altphilologie und unterrichtete in Cambridge Latein und Griechisch. Für ihren Debütroman Das Lied des Achill wurde sie 2012 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet; er wurde in 25 Sprachen übersetzt. In ihrem zweiten Roman Ich bin Circe erzählt sie Circes Geschichte aus Homers Odyssee noch einmal neu – als die einer weiblichen Selbstermächtigung. Madeline Miller lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in der Nähe von Philadelphia, Pennsylvania.