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Systemsprenger

Ist es denn das System?

Gabriela Maria Schmeide (Frau Bafané), Helena Zengel (Benni) © Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

Dieser Film hat hohe Themenaktualität. Uns geht es in Deutschland einerseits richtig gut. Andererseits türmen sich Probleme auf, die von einer Mehrheit als durchaus bedrohlich angesehen werden. Da macht sich Greta aus Schweden mit ihren 16 Jahren auf und rüttelt Politik und Bürgergesellschaften rund um das Thema Klimawandel zutiefst auf. Und angesichts vieler unbestreitbarer Ungereimheiten in unserem und anderen Ländern taucht immer häufiger die Frage auf, ob das gesellschaftspolitische System von bis in die Familien hinein durchgewebter Demokratie noch tragfähig ist. Ein riskanter Weg aus dem Gefühl von Unverstandenheit und Unverständnis heraus.

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die Widersprüche im Großen auch in der Familie – also im Kleinen – ziemliche Katastrophen erzeugen können. Die erst neunjährige Systemsprengerin Benni steht im Mittelpunkt der filmischen Sozialstory. Die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe macht das Mädchen zu einer tobenden Totalverweigerin. Der Titel des Films ist dem Sprachgebrauch der Jugendhilfe entlehnt. Dort fallen immer wieder besonders Betroffene durch die Hilfsnetze. Sie scheitern an der Notwendigkeit, ihr Leben im jeweiligen sozialen Umfeld für sich und die anderen verträglich zu gestalten.

Eine überforderte Mutter und die Angst vor Verantwortung

Binca, ihre Mutter, ist einfach rundherum mit der Situation überfordert. Zwei weitere minderjährige Kinder verschärfen die komplizierte Lage. Und schlussendlich ängstigt sie sich vor ihrer eigenen Tochter. In dieser verzweifelten Lage engagiert eine Frau vom Jugendamt den Anti-Gewalt-Trainer Micha. Drei Wochen verbringt er mit der Widerspenstigen im Wald – und findet Zugang zu ihrer schwierigen Psyche. Im Kontakt zur Mutter keimt Hoffnung auf die Rückkehr der Tochter auf, die sich aber schnell zerschlägt. Bianca scheut die Verantwortung. Und das Rad von Wutausbrüchen, Fehlversuchen, dreht sich auf tragische Weise in der alten Geschwindigkeit.

Die Regisseurin Nora Fingscheidt präsentiert „Systemsprenger“ sehr authentisch. Ihr Drehbuch schrieb sie nach einer jünfjährigen Recherche in Wohngruppen, in einer Schule für Erziehungshilfe, einer Obhutnahmenstelle, einer Kinderpsychatrie. Sie nahm sich viel Zeit für Gespräche mit Mitarbeitern von Institutionen oder Ämtern. Auch Kinder- und Jugendpsychologen gehörten dazu. „Ich wollte ein wildes energiegeladenes audiovisuelles Kinoerlebnis erschaffen, das keinen Anspruch auf Realitätswiedergabe erhebt. Denn die Realität ist viel schlimmer“, so berichtet Fingscheidt.

Zwischen Aggression und Depression

Exzellent im Sinne der Story ist die Hauptrolle mit der Berliner Kinderdarstellerin Helena Zengel besetzt. Fingscheidt suchte sie unter 150 Bewerberinnen aus. Sie war nach Auskunft von Fingscheidt das einzige Kind, das Aggression gemeinsam mit Not spielen konnte: „Da war nie etwas rein Verzogenes oder Freches zu sehen, es war immer mit Fragilität und Verletzlichkeit verknüpft“.

Bei der Bienale 2017 wurde Fingscheidts noch unverfilmtes Drehbuch mit dem Kompagnon-Förderpreis des Programms Berlinale Talents prämiert. Bei der Uraufführung erhielt Systemsprenger im internationalen Kritikenspiegel der britischen Fachzeitschrift Screen International zwei von vier möglichen Sternen. Bei der Berlinale 2019 wurde „Systemsprenger“ mit dem Alfred-Bauer-Preis und dem Preis der Leserjury der Berliner Morgenpost ausgezeichnet.

Fazit: Ein ergreifendes Sozialdrama mit viel authentischer Tiefe.

 

Filminfos

Gattung: Drama; Spielfilm
Regie: Nora Fingscheidt
Darsteller: Helena Zengel; Albrecht Schuch; Gabriela M. Schmeide; Lisa Hagmeister; Melanie Straub; Victoria Trauttmansdorff; Maryam Zaree; Tedros Teclebrhan; Julia Becker; Roland Bonjour; Till Butterbach; Gisa Flake; Axel Werner; Matthias Brenner; Steffi Kühnert
Drehbuch: Nora Fingscheidt
Kamera: Yunus Roy Imer
Schnitt: Stephan Bechinger; Julia Kovalenko
Musik: John Gürtler
Länge: 118 Minuten
Kinostart: 19.09.2019
Verleih: Port au Prince Pictures
Produktion: Weydemann Bros. GmbH, kineo Filmproduktion; Oma Inge Film; ZDF;
FSK: 12
Förderer: BKM; MBB; Nordmedia; DFFF; KJDF; FFH