--- Anzeige ---
Homepage-Baukasten von Host Europe

Das melancholische Mädchen

Gesellschaftliche Depression als Motor

Marie Rathscheck © Salzgeber & Co. Medien GmbH

Irgendwie fühlt sich Deutschland in einem depressiven Tal. Mehrheitliches Kopfnicken kann man bei diesem Befund in der Gesellschaft vermuten. Und in der Tat: Die Wissenschaft belegt, dass politische Ereignisse eine nachhaltige Wirkung auf das Gemüt vieler Bürger haben. Beispiele dafür sind 9/11 in den USA, die Flüchtlingswelle in Europa, der Brexit in Großbritannien. 

In Folge haben damit Wut und die Antipode Depression die selben Quellen. Dazu kommen wachsende und negative Gefühle über eine sich zunehmend spaltende Gesellschaft. Viele Bürgerinnen und Bürger fühlen sich in der Komplexität insbesondere global agierender Wohlstandsgesellschaften nicht mehr wohl, nicht mehr sicher, irgendwie orientierungs- und auch kraftlos.

Performance der Sinnentleerung

Vor diesem Hintergrund lässt sich in etwa herleiten, warum vermutlich der angelaufene Film „Das melancholische Mädchen“ entstanden und teilweise zu erklären ist. Vorweg sei gesagt: Am Horizont ist bereits Anarchie zu erkennen. Sie kommt im Mantel einer teilweise sinn- und emotional entleerten Performance über die kineastische Rampe. 

Marie Rathscheck und Monika Freinberger © Salzgeber & Co. Medien GmbH

Getragen wird die Story von einer namenlosen jungen Frau. In der anonymen XXL-Urbanität sucht sie vordergründig zwar eine Schlafgelegenheit. In Wirklichkeit aber ist sie auf verzweifelt komischer Art auf Sinnsuche. Dabei holpert sie auf surreale Art durch die scharfkantigen Wahnsinnsklippen der Postmoderne und eines überbordenden Neoliberalismus. Dazu kommen comicartige Tritte gegen unsere vermeintlich kaputte Gesellschaft. gegen Kapitalismus,  aber auch Themen wie Feminismus, Begehren und Verweigern werden angriffsfröhlich und gekonnt durch die Mangel gedreht.. 

Märchen im Gewand der 60er Jahre

Es ist ein herrlich verrücktes, philosophisches Märchen, so bunt und voller Einfälle wie die Popvisionen der 60er-Jahre. Wir sehen das Regie-Debüt von Susanne Heinrich. Sie mischt gekonnt zwischen den Sujets Spiel- und Essay-Film. Kino-Zeit lobt: Der Film „gehört zum Aufregendsten, was das gegenwärtige deutsche Kino zu bieten hat.“ Hintergrund: Auf dem Festival in Saarbrücken wurde der Film mit dem Preis für den besten Spielfilm ausgezeichnet. Bemerkenswert außerdem: Die Produktion hat nur 25.000 Euro „verschlungen“ – meisterhaft. 

Der Film reiht, teilweise fast beziehungslos, szenische Sequenzen aneinander. Die Melancholie des Streifens kommt konsequenterweise denn auch ohne Höhepunkte aus. Das melancholische Mädchen (Marie Rathscheck) ist eine selbst ernannte Schriftstellerin. Mehr als den ersten Satz im zweiten Kapitel ihres Buches schafft sie nicht – Schreibblockade!.

Konsequent reglos

Dafür aber ist sie Meisterin, gegen alles zu stänkern, was Berliner Großstädter als sinnvoll für sich deklarieren. Seriell ziehen dann am Zuschauer 15 Szenen vorbei, in denen fast religiös aufgeladene Jungmütter durch diesen Status zusammengefunden haben. Wir treffen einen Existentialisten, der sich Abstinenz verordnet hat, weil für ihn Sex nur ein Markt ist. 

Und nicht zuletzt bekommt auch Yoga sein Fett weg. Die Melancholikerin verteufelt die Entspannungsübungen als systemstützende Selbstoptimierung. Es gibt dennoch einen durchlaufenden Faden, der die 15 Episoden in den Farben Rosa und Blau zusammenknüpft. Ganz traditionell sind damit die Aussagen zu Mann oder Frau mit den jeweils bekannten Farbzuordnungen zu erkennen.

Konsequent reglos kommt die Hauptdarstellerin über die filmische Bühne. Anschaulich und glaubwürdig inszeniert sie ihre Depression und überhöht sie zu einem Politikum. 

Fazit

Eine bittersüße Depressions-Komödie. (tagesspiegel)

Biografie Susanne Heinrich
Die Pfarrerstochter aus Ostdeutschland hat im Alter von 19 bis 25 vier Bücher geschrieben, trat u. a. beim Bachmannpreis in Klagenfurt auf und hatte Aufenthalte in der Villa Aurora L.A. und der Casa Baldi Olevano Romano (Villa Massimo). Sie studiert an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN ist ihr erster Film.

Zitate aus dem Trailer

Ich hasse melancholische Mädchen. 

Ich frage mich, wie bin ich all das geworden, was ich nie werden wollte. 

Ich warte auf das Ende des Kapitalismus. 

Ich fange an, meine Depression als Politikum zu betrachten. 

Ich bin happy. 

Die Langeweile der Abstraktion fließt in den Fick.

 

Details

Dauer

1 Std. 20 Min

Regie

Susanne Heinrich

Buch

Susanne Heinrich

Kamera

Agnesh Pakozdi

Montage

Susanne Heinrich, Benjamin Mirguet

Musik

Moritz Sembritzki, Mathias Bloech

Ton

Silvio Nauman, Wiebke Köplin, Niklas Kammertöns

Produktion

Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb)

Koproduktion

Essential Films

Weltvertrieb

Coproduction Office

Altersfreigabe

freigegeben ab 12 Jahren