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Bruno bei den Wölfen

Scheitern am digitalen Detox

Der niederländisch-schwedische Kinderfilm erzählt die Geschichte des neunjährigen Brunos, der sich vor seinen Eltern im Wald versteckt, mit einem Wolf anfreundet und mit ihm gemeinsam Abenteuer erlebt.

Bruno (Pepijn van der Sman) Copyright 2020 Koch Films

Als der Familienurlaub ansteht, beschließt Brunos Mutter, den Urlaub zum „Digitalen Detox“, also dem Verzicht auf alle digitalen Medien, zu verwenden. Für den neunjährigen Bruno, der am liebsten virtuelle Abenteuer erlebt, ist das die Höchststrafe. Als er von seinen Freunden während der Autofahrt eine böse Nachricht erhält, weil er ein wichtiges Online-Rollenspiel-Turnier abbrechen musste, ist es mit der Laune ganz vorbei. Seine Eltern, die selbst sehr oft mit ihrem Handy beschäftigt sind, kriegen davon zunächst gar nichts mit.

Doch der Streitpegel im Auto wird stärker und stärker. Bis Brunos Vater völlig entnervt beschließt, seinem Sohn eine Lektion zu erteilen. Er setzt ihn einfach am Rand des Waldes, durch den sie fahren, aus. Natürlich kommen die Eltern schnell wieder zurück. Doch da hat sich Bruno, um den Eltern einen Denkzettel zu verpassen, längst im Wald versteckt.

Freunde in der Wildnis

Während die Eltern in heilloser Panik nach Bruno suchen, muss sich dieser allein in der Wildnis durchschlagen. Als er einem Wolf begegnet, hat er große Angst. Aber irgendwie scheint der Wolf doch zutraulicher zu sein als gedacht. Und so werden die beiden zu Freunden, die sich gemeinsam den Abenteuern in der Wildnis des Waldes stellen.

Der niederländisch-schwedische Kinderfilm von Mirjam de With behandelt ein für viele Familien nachvollziehbares Thema: Die übersteigerte Nutzung von Computern und Handys – ein Problem, was in vielen Familien auf der Tagesordnung steht und schon die Kinder betrifft. Dabei zeigt der Film immer wieder auch auf humorvolle Weise, dass gerade die Erwachsenen, die den Kindern doch eigentlich ein Vorbild sein sollten, mit ihrer ständigen Ablenkung durch das Digitale den Blick für das Wichtige verlieren.

Einfach eine gute Portion Spannung

Der Film erzählt ohne erhobenen Zeigefinger, die Figuren werden nie vorgeführt und ihre Konflikte werden ernstgenommen. Der Film bringt sensibel und klug die Erfahrungswelt der Kinder in der digitalen Welt und die Sehnsucht nach dem „echten Leben“ in eine gute Balance und zeigt die Welt von heute als eine Medaille mit zwei Seiten.

Und Bruno spiegelt die für das Alter typische kindliche und spielerische Naivität, die das Abenteuer zu einem spannenden Spiel werden lässt. Der Film lässt sich für seine Geschichte Zeit und erlaubt trotz einer guten Portion Spannung auch immer wieder ruhige Momente. So können auch schon junge Zuschauer der Geschichte folgen und in Bruno auch eine für die Zielgruppe sympathische Identifikationsfigur finden. Ein wunderbarer Beweis für gut erzählte Kinderfilmunterhaltung, die ihre Zielgruppe und die Themen, die sie interessieren, ernst nimmt.

Die Jury der Deutsche Film- und Medienbewertung hat für diesen Film das „Prädikat besonders wertvoll“ vergeben. Die Jury formuliert ihre Begründung u.a. wie folgt:

Der neunjährige Bruno ist ein “Digital Native“, dem die Kunstwelten seiner Computerspiele wichtiger sind als die Realität seines ihn nervenden Familienlebens. Und seine Eltern sind ebenfalls nie ganz da, so sehr werden sie durch ihre Smartphones, das Navi im Auto und andere elektronische Helferlein abgelenkt.

Aufregender als virtuelle Spiele

Auf einer langen Autofahrt in die Ferien in Schweden nervt Bruno seine Eltern und seine kleine Schwester so sehr, dass der Vater ihn mitten im Wald aus dem Auto wirft und wegfährt. Als er ihn kurz danach wieder einsammeln will, ist Bruno aus Trotz in den Wald gelaufen, wo er sich schnell verirrt. Bald wird eine große Suchaktion nach ihm organisiert, und Bruno trifft im Wald auf einen Wolf. Durch seine Abenteuer mit ihm lernt er, dass das reale Leben viel aufregender sein kann als seine virtuellen Spiele.

„Bruno bei den Wölfen“ ist ein Kinderfilm“, der sein junges Publikum ernstnimmt. Die Familiensituation wird komplex und psychologisch plausibel beschrieben. Sowohl die Eltern als auch die Kinder treffen falsche Entscheidungen und müssen lernen, mit deren Konsequenzen umzugehen. Keine Figur wird idealisiert und es gibt kein Gut und Böse. So wird der Film all seinen Figuren gerecht, und wenn er gesellschafts- und medienkritisch wird, indem er etwa die Abhängigkeit von elektronischen Geräten oder die Hasskampagne der schwedischen Massenmedien auf die vermeintlichen Rabeneltern schildert, wirkt diese nie forciert oder aufgesetzt.

Familie kommt sich näher

Auch Brunos Abenteuer im Wald bleibt immer plausibel, und der Film zeigt dabei, dass die spielerische Neugier und Offenheit des Neunjährigen eine Stärke sein kann. Das Tier aus dem Wald (bei dem es zum Schluss noch einen sehr überraschenden dramaturgischen Kniff gibt) bringt die Wildnis in die Familie und führt sie durch diese gemeinsame Erfahrung näher zueinander.

„Bruno bei den Wölfen“ ist stimmig inszeniert, die Kinder, Erwachsenen und auch das Tier sind in ihren Rollen überzeugend und so wird hier mit viel filmhandwerklichem Geschick und Intelligenz eine packende Geschichte erzählt. Da verzeiht die Jury auch gerne den vielleicht etwas irreführenden deutschen Titel.

 

Infos

Gattung: Spielfilm; Abenteuerfilm; Familienfilm
Regie: Mirjam de With
Darsteller: Pepijn van der Sman; Jennifer Hoffman; Tibor Lukács; Linde van der Storm
Drehbuch: Karin van der Meer
Kamera: Goert Giltay
Schnitt: Herman P. Koerts
Musik: Helge Slikker
Länge: 87 Minuten
VÖ-Datum: 20.05.2020
Verleih: Koch Films
Produktion: Fiction Valley
FSK: 6

 

An dieser Stelle bringen wir gewöhnlich jede Woche die Besprechung eines in den Kinos anlaufenden Films. Leider sind die Kinos wegen der Corona-Krise bis auf weiteres geschlossen. Als Überbrückung veröffentlichen wir – nach Möglichkeit weiter im Wochenrhythmus – Besprechungen von Filmen, die aktuell auf DVD/Bluray VOD veröffentlicht werden. Die Veröffentlichung von „Bruno bei den Wölfen“ ist  zum 20. Mai 2020 vorgesehen.