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“Eva schläft”

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

“Eva schläft” von Francesca Melandri

Francesca Melandri

Eva, eine Frau Anfang vierzig, ist auf dem Weg zu dem sterbenden Mann, der in ihrer Kindheit beinahe ihr Adoptivvater geworden wäre. Während sie mit dem Zug durch ganz Italien fährt, rollt das Leben ihrer Familie vor ihr ab. Eng verwoben mit ihrer ist die Geschichte ihres Heimattales in Südtirol. Als Zankapfel zwischen Österreich und Italien galt die Gegend lange als rückständig. Ihre deutschsprachigen Bewohner sollten im Faschismus umsiedeln, wurden später wegen ihrer Sprache diskriminiert, behördlicherseits mit Italienisch in Formularen und Behörden schikaniert. Sie wehrten sich bis in die 1960er Jahre durch Sprengstoffanschläge auf staatliche Institutionen und Einrichtungen. Wurden die italienischen Gastarbeiter, die auf der Durchreise nach Deutschland zur Arbeit fuhren, noch bestaunt, so erkannten manche Hinterwäldler schon bald ihre Chance im Tourismus, der vielen Wohlstand brachte.

Kargheit, Gefühlsarmut, Sprachlosigkeit zeichnen die Mitglieder von Evas Sippe aus. Als Gerda schwanger wird, wirft sie der Vater raus. Nachbarn ziehen das uneheliche Kind als gottgegeben formlos auf. Unhinterfragte Vorurteile gegen Homosexualität treiben einen in den Selbstmord, eine geschlossene Apotheke verhindert denjenigen Gerdas. Wie schießen die Hoffnungen in den Himmel, als sich ein junger Carabiniere aus Sizilien, der seinen Militärdienst unter den widerspenstigen Bergbewohnern ableistet, in Gerda verliebt. Doch Ehrvorstellungen seiner Sippe korrespondieren mit den Militärvorschriften im Falle einer Anstoß erregenden „Mischehe“.

Das Ende kommt versöhnlich über nicht nachholbare verpasste Gelegenheiten. Wie anders hätte ein Leben verlaufen können, wenn ein Päckchen angenommen und nicht zurückgeschickt worden wäre.

Die Autorin hat mit Zeitzeugen aus den 1960er Jahren gesprochen und deren Aufzeichnungen verwendet, um ein plastisches Bild zu vermitteln. Wer nicht nur unbedarft über die Almen wandern will, sondern sich für Hintergründe seiner Urlaubsregion interessiert, dem sei dieser Roman empfohlen. Am Beispiel einer Menschengruppe macht Melandri über trockene Daten hinaus Geschichte nachempfindbar ohne Heimatgefühlsduselei im Stile Trenkers oder Ganghofers.

 

© Elisabetta Claudio

Francesca Melandri, geboren in Rom, hat sich in Italien zunächst als Autorin von Drehbüchern für Kino- und Fernsehfilme einen Namen gemacht. Mit ihrem ersten Roman »Eva schläft« wurde sie auch einem breiten deutschsprachigen Lesepublikum bekannt.