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Die perfekte Kandidatin

Schattierungen einer fremden Kultur

Mila Alzahrani kandidiert für den Posten als Gemeinderätin © Razor Film

Nach „Das Mädchen Wajdja“, der zweite Film von Haifaa Al-Mansour, der von einer jungen Frau erzählt, die in Saui-Arabien eher per Zufall für den Posten als Gemeinderätin kandidiert. Weil sie in dem Krankenhaus, in dem sie als Ärztin arbeitet, von den männlichen Patienten einfach nicht akzeptiert wird, will Dr. Maryam (Mila Al Zahrani) die Klinik verlassen und sich in Dubai in einem größeren Krankenhaus bewerben. Doch am Flughafen muss Maryam feststellen, dass ihr Vater ihre Reiseerlaubnis, ohne die Frauen in Saudi-Arabien nicht reisen dürfen, nicht verlängert hat.

Wütend marschiert Maryam ins Rathaus zu ihrem Cousin, den sie darum bitten möchte, das Dokument zu verlängern. Durch ein Missverständnis jedoch füllt Maryam eine Bewerbung als Gemeinderätin aus. Und befindet sich, ob sie es will oder nicht, ab sofort im Wahlkampf.

Aufbrechen von Verkrustungen

Schon mit ihrem ersten Film „Das Mädchen Wajdja“ stellte die Regisseurin Haifaa Al-Mansour unter Beweis, mit welcher Kraft und großer Sensibilität sie ihre Geschichten starker Mädchen und Frauen erzählen kann. Und genau das gelingt ihr auch mit „Die perfekte Kandidatin“. Dabei bringt der Film dem Zuschauer eine fremde Kultur näher und zeigt diese in all ihren Schattierungen, ohne jegliche Schwarz/Weiß-Malerei.

Mila Alzahrani als Dr. Maryam © Razor Film

Al-Mansour zeigt, wie sehr die Frauen unterdrückt werden in einem System, das sich nur schwer lösen kann von all den Traditionen und Glaubensvorgaben. Doch es zeigt auch, dass es Möglichkeiten gibt, diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Das alles macht der Film auf ruhige unaufgeregte Art. Das Spiel der Darsteller ist natürlich, authentisch und das Drehbuch lässt bei aller Schwere des Konflikts auch Raum für feine Humornuancen. „Die perfekte Kandidatin“ liefert auf sensible, aber doch eindrückliche Art einen spannenden, vielschichtigen Blick in eine fremde Kultur.

Die Deutsche Film- und Medienbewertung hat das Prädikat „besonders wertvoll“ vergeben und formuliert in ihrer Jury-Begründung u.a. wie folgt:

Stationen einer langsamen Emanzipation

Schon das erste Bild dieses Films ist ein Statement: Vor kurzem war es in Saudi-Arabien für eine Frau noch gegen das Gesetz, ein Automobil zu steuern. Doch in „Die perfekte Kandidatin“ fährt die Protagonistin Maryam tief verschleiert, aber ganz selbstverständlich mit dem Auto zu ihrem Arbeitsplatz. Sie arbeitet als Ärztin, ihre Schwester als Kamerafrau – auch dies sind Zeichen dafür, dass eine langsame Emanzipation der Frauen in dem erzkonservativen Land möglich ist.

Mila Alzahrani als Dr. Maryam © Razor Film

Und auch, dass mit Haifas Al-Mansour eine Frau in Saudi-Arabien einen Film inszenieren kann, ist ein Zeichen dieser neuen Öffnung. Die Existenz des Films selber ist also Teil seiner Botschaft. Haifas Al-Mansour erzählt hier konsequent aus der Perspektive dieser jungen Frau, wie mühsam es ist, sich als moderne, gut ausgebildete und kluge Frau in dieser extrem patriarchalisch geprägten Gesellschaft zu behaupten. Sie darf ohne die Erlaubnis eines männlichen Verwandten keine Flugreise unternehmen oder bei einer Versammlung von Männern nicht vor diesen erscheinen und sie ansprechen.

Gendergerechtigkeit und miserable Straßen

Haifas Al-Manour hat einen extrem realistischen, oft fast dokumentarisch wirkenden Film darüber gemacht, in welchem Ausmaß und gegen welche Widerstände Frauen in Saudi-Arabien selbstbestimmt leben können. Dabei zeigt sie, wie komplex das Problem der Gendergerechtigkeit in ihrem Heimatland heute ist.

Außerdem erzählt die Regisseurin davon, welchen Wert Kultur und Kunst in Saudi-Arabien haben. Maryams Vater ist Musiker und wird einerseits hofiert, andererseits aber von vielen reichen und mächtigen Männern mit Herablassung behandelt. Seine Frau war Hochzeitssängerin, und auch dadurch sind er und seine Familie Außenseiter der Gesellschaft.

Haifas Al-Mansour erzählt die Geschichte ihrer jungen Heldin, die sich entschließt, bei einer Wahl für ein regionales Amt gegen den etablierten männlichen Kandidaten anzutreten. Sie will ganz konkret Missstände wie den Zustand der Straßen im Stadtviertel verbessern. Sie transportiert ihre Botschaften sachlich und ohne etwa die Vertreter der herrschenden Zustände allzu negativ zu zeichnen.

Unaufgeregte Erzählweise

Mit der gleichen Umsicht, die ihre Protagonistin an den Tag legt und so kleine Siege gegen das System erringt, hat die Regisseurin in einem Land mit strengen Zensurbestimmunen diesen Film gedreht. Auch auf dieser Ebene bilden hier also Form und Inhalt eine harmonische Einheit. „Die perfekte Kandidatin“ bietet eine authentische Innensicht in eine Gesellschaft, die so wohl selten gezeigt werden kann. Und mit ihrer subtilen, unaufgeregten Erzählweise zeigt Haifad Al-Mansour auch, dass sie eine talentierte Filmemacherin ist.

 

Filminfos

Gattung: Drama; Spielfilm
Regie: Haifaa Al-Mansour
Darsteller: Mila Al Zahrani; Nora Al Awadh; Dae Al Hilali
Drehbuch: Haifaa Al-Mansour; Brad Niemann
Kamera: Patrick Orth
Schnitt: Andreas Wodraschke
Musik: Volker Bertelmann
Länge: 105 Minuten
Kinostart: 12.03.2020
Verleih: Neue Visionen
Produktion: Razor Film Produktion GmbH, Al Mansour Est. for Audiovisual Media; NDR;
Förderer: FFA; MBB; MDM