Rezension von Dr. Aide Rehbaum

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Monika Helfer: Die Bagage

Die österreichische Autorin, die mit Vorliebe schwierige Familienbeziehungen thematisiert, hat anscheinend autobiographisches Material verarbeitet.

Sie schildert in diesem Roman eine Bauernfamilie, die sich mehr oder weniger freiwillig absondert, was allein schon der abgelegen am Talende bewohnte Hof verdeutlicht. Von der Gemeinde werden sie abfällig als „Bagage“ bezeichnet, weil sie sich nicht anpassen. Dabei spielt Neid eine Rolle. Denn sie sind zwar arm, aber Maria, die Mutter, zeichnet sich durch besondere Schönheit aus, während der Vater Josef besser rechnen kann als alle anderen und undurchsichtige Geschäfte mit dem Bürgermeister macht.

1914 wird Josef mit den ersten Soldaten einberufen. Er gibt dem verheirateten Bürgermeister, den Auftrag, während seiner Abwesenheit auf seine Frau aufzupassen und sie mit den nötigsten Lebensmitteln zu versorgen. Der erfüllt seine Pflicht mit Hintergedanken. Sein Erpressungsversuch scheitert. Die Reaktionen ihrer Kinder hat die Autorin durch Erzählungen ihrer Onkel und Tanten rekonstruiert.

Maria wird nach einem Fronturlaub ihres Mannes schwanger, behält es aber unerklärlicherweise für sich. Diese Unterlassungssünde wirkt sich bis in die Generation der Autorin aus. Das ganze Dorf schürt nämlich beim Vater den Glauben, das Kind sei nicht von ihm. So viel Schönheit gehört bestraft und der ehemalige Bürgermeister rächt sich für die Abfuhr. Josef ignoriert die kleine Grete völlig und zeugt wortlos weitere Kinder. Wenig nach Kriegsende sterben die Eltern kurz nacheinander, die Kinder werden von ebenso armen Verwandten großgezogen.

Bedrückend ist die mangelnde Empathie zwischen den Geschlechtern, die wir auch aus anderen Romanen im Gebirgsbauernmilieu kennen. Wenn wundert es, wenn fremdes Mitgefühl einen Sog entfaltet. Der Kampf gegen Natur und Konvention macht die Menschen wortkarg, genussarm und freudlos. Die 1947 geborene Autorin nimmt nicht nur die Kinderperspektive ein, sondern benutzt durchgehend einen kindlichen Sprachestil. Auch wenn sie aus der Gegenwart zurückblickt auf ihre Interviews der letzten Zeitzeugen, meint man, eine naive Jugendliche erzählen zu hören, mitsamt Wiederholungen, Bekräftigungen, ungeordneten Zeit- und Gedankensprüngen und Beurteilungen. Überzeugend.

Erscheinungsdatum: 01.02.2020
160 Seiten
Hanser Verlag
Fester Einband
ISBN 978-3-446-26562-2
Deutschland: 19,00 €
Österreich: 19,60 €

ePUB-Format
E-Book ISBN 978-3-446-26732-9
E-Book Deutschland: 14,99 €

 

Monika Helfer, geboren 1947 in Au/Bregenzerwald, lebt als Schriftstellerin mit ihrer Familie in Vorarlberg. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Robert-Musil-Stipendium, dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur und dem Solothurner Literaturpreis ausgezeichnet. Mit dem Roman Schau mich an, wenn ich mit dir rede (2017) war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zuletzt erschien von ihr bei Hanser Die Bagage (2020).  

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