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Der verlorene Sohn

Auslöschen im Umerziehungscamp

Lucas Hedges, Nicole Kidman und Russell Crowe ©Universal Pictures International Germany GmbH

Als Baptistenprediger Marshall Eamons erfährt, dass sein 18-jähriger Sohn Jared schwul ist, bricht für ihn eine Welt zusammen. Aus Verzweiflung tut er, was er bislang immer getan hat, wenn er nicht weiter wusste. Er folgt seinen religiösen Grundsätzen und wendet sich an die Kirchenältesten. Die raten zur „Conversion Therapy“, einer mehr als umstrittenen Behandlungsmethode der fundamentalen christlichen Kirchen Amerikas. Aus Liebe zu seinen Eltern willigt auch Jared ein, in das Umerziehungscamp zu gehen, auch wenn seine Persönlichkeit dort „erased“, also ausgelöscht werden soll.

Regisseur Joel Eggerton hält sich dicht an die autobiographische Vorlage Garrard Conleys aus dem Jahr 2016. Buch und Film begehen nicht den Fehler, die Eltern als grausame Sektierer zu brandmarken. Immer bleiben die engen Familienbande spürbar, immer die Liebe zueinander fühlbar.

Roter Faden ist die Hilflosigkeit

Der Film lebt von seiner unaufdringlichen-stillen Dramaturgie. 115 Minuten Spielzeit mögen zunächst als ein wenig lang empfunden werden. Die Länge muss wohl ausgehalten werden, um das ganze Leid der Familie greifbar werden zu lassen. Hilflosigkeit ist der rote Faden durch das Familiendrama. Heterosexualität scheint für alle Beteiligten zunächst alternativlos. Die ausgeprägte Religiosität im amerikanischen Bible-Belt verstellt der frommen Familie den Blick auf jedwede zeitgenössisch-lebensweltliche Perspektive zu ihrem traditionellen, religiösen Familienbild. Vater Marsall Eamons fürchtet um seinen Ruf, seine Frau um die Familie und Sohn Jared wagt nicht seinen Selbstfindungsprozess und ein Coming-out anzugehen.

Es ist ein sensibler Film zum Gender-Thema, in dem Schuldgefühle eine nicht zu übersehene Rolle einnehmen. Jared fühlt sich seiner Familie verpflichtet, der Vater seinem Glauben und die Mutter ist hin- und hergerissen zwischen traditioneller Rolle und ihrem Gewissen. Der psychische Druck ist immens und immer muss seelischer Verzicht geübt werden, immer kommt etwas persönlich Wesentliches zu kurz.

Große Glaubwürdigkeit

Lucas Hedges und Nicole Kidman ©Universal Pictures International Germany GmbH

Dass das Szenario funktioniert, ist auch der hervorragenden Besetzung zu verdanken. Sogar in deren finstersten Momenten können die Zuschauer immer mit den Charakteren mitfühlen. Russell Crowe, der hier ganz uncharakteristisch unphysisch als Vater auftritt, und Lucas Hedges als selbstzweifelnder Sohn Jared agieren dabei mit so großer Glaubwürdigkeit, dass Nicole Kidman als genauso liebende wie wasserstoffperoxydblonde Mutter beinahe ein wenig blass in ihrer Rolle wirkt.

Dementsprechend herausragend sind auch die inszenatorischen Faktoren des Films. Regisseur Edgerton findet überaus adäquate Bilder für das stets unausgesprochene Leid der Familie. Die Charaktere umgibt beständig eine gewisse Schwermut, die der Film farblich mit einem leichten Graustich begleitet. Und auch der durchaus umfangreiche Score übt sich in zurückhaltenden, sanften Klängen. Das wirkt weder überzogen noch kitschig, sondern zielt genau auf den Punkt, weil es das zugrunde liegende Gefühl des Lebendig-begraben-seins unterstützt.

Das Drama erinnert auch daran, dass es bis heute Einrichtungen gibt, die fragwürdige Therapieformen anbieten, die „umerziehen“ wollen und letztlich darauf abzielen, Persönlichkeit und damit Persönlichkeiten zu vernichten.

Dies sind in etwa die Argumente von der Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW), um dem Film das Prädikat „besonders wertvoll“ zu verleihen.

Gefangen in den Vorgaben des Glaubens

Joel Edgerton verfilmt die wahre Geschichte des Garrard Conley, der als einer von fast einer Million US-Amerikaner eine solche Reparativtherapie durchlaufen musste, die selbst heute erst in einer Handvoll US-Bundesstaaten verboten ist. Der Film zeigt klar seine Haltung gegenüber dieser Methode, verurteilt aber nicht die Eltern, die in ihrer Verzweiflung und den Vorgaben ihres Glaubens gefangen sind und nur das Beste für ihren Sohn wollen.

Nicole Kidman und Russell Crowe arbeiten die Ambivalenz der Figuren gekonnt und glaubwürdig heraus. Beide leiden und wissen nicht, was wirklich richtig ist. Lucas Hedges überzeugt in seiner zurückgenommenen Art, die trotz aller Ruhe, die er ausstrahlt, auch die innere Angst und Unsicherheit erkennen lässt. Denn Jared leidet, vor allem unter der psychischen Gewalt des Leiter Sykes, den Edgerton selbst auf stoisch hartherzige Weise spielt.

Die Bilder sind farbreduziert, die Tristesse der klinischen Umgebung spiegelt sich in der Landschaft und im Setting wieder. So kann auch der Zuschauer dem Camp nicht entkommen, was auch an der Kamera liegt, die vor allem für Momente ohne Worte genau die richtigen Bilder findet. So entwickelt der Film eine stille und doch unfassbar eindringliche Kraft, mit der sich auch Jared am Ende befreien kann, um endlich er selbst zu sein.

Fazit: Der Film ist ein weiteres und ergreifendes Beispiel für idologisch aufgeladene Grausamkeiten gegen die menschliche Natur. Einfühlsam und gekonnt umgesetzt.

bu

 

Info

Orginaltitel: Boy Erased

Kinostart: 21.02.2019

Dauer: 115 Min

Genre: Drama

FSK: ab 12 Jahre

Jahr: 2018

Produktionsland: USA

Filmverleih: Universal