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“Brüder”

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

Jackie Thomae: Brüder

Jackie Thomae © Urban Zintel

Jackie Thomaes Roman ist vermutlich aufgrund des einheitlich bildhaft prägnanten Stils auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019 gelandet und weil Globalisierung mit dem aktuellen Stichwort Ostherkunft vermischt wird.

Zentrales Thema des Buches ist das Erwachsenwerden von zwei Jungs, die nichts voneinander wissen. Ihr Vater schwängerte 1970 während seines Medizinstudiums in der DDR Monika und Gabriele und ging dann in seine Heimat zurück, ohne weiteres Lebenszeichen. Dass der Vater aus Afrika stammt und die Hautfarbe der Kinder Alleinstellungsmerkmal im Osten war und im Westen vorurteilsbeladen, wird so beiläufig erwähnt, dass man die Tatsache beim Lesen öfter vergisst. Beide leiden weder besonders unter dem Mangel eines Vaters, noch entsteht dadurch eine tiefere Beziehung zu ihren Müttern oder Frauen. Jeder der angedeuteten Konfliktherde böte allein genug Stoff für ein eigenes Buch: Ost-West, Drogen, Rassismus, Erziehung, Rollenzuschreibungen.

Der Roman ist in zwei Teilen angelegt. Im ersten wird das Leben von Michael (geb. 1970) mit seiner Mutter Monika und dann seiner mehr zufälligen Partnerin Delia (Ärztin) beschrieben. Setting ist die Kulisse der 90er Jahre in der Nachtclub- und Drogenszene Berlins. Michael schleudert ziellos durch sein Leben. Ohne Ausbildung und Ehrgeiz, oberflächlich, unangepasst, weitgehend desinteressiert an der Gesellschaft, manchmal überraschend erfolgreich mit dubiosen Unternehmungen, dann wieder naiv realitätsfern.

Der zweite Teil widmet sich Gabriel, der von den Großeltern in Leipzig (Antiquitätenladen) aufgezogen wurde, nachdem Gabriele durch einen Unfall ums Leben kam. Er wird Stararchitekt und Workaholic bis zum Burnout. Verheiratet ist er mit Fleur (Übersetzerin). Wir erfahren von ihren Jetset-Erziehungsproblemen mit dem verhaltensgestörten Albert in London.

Durchgängig springt die Autorin kapitelweise abwechselnd zwischen den Sichtweisen der Protagonisten, die sich im Ton nicht wesentlich unterscheiden. Der Stil ist sehr kursorisch, obwohl detailreich und stellenweise treffend und elegant, teils flapsig, teils nüchtern klischeehaft. Selten passiert etwas unmittelbar, alles ist schon gefiltert und bewertet wie bei einem Tagebuchresümé. In die Tätigkeitsberichte sind sparsam und dann ohne Anführungsstriche Dialoge eingestreut. Die Figuren kommen zwar authentisch rüber, berühren aber erstaunlich wenig.

Der letzte Teil wartet mit mehreren Überraschungen auf. Psychologische Vorbereitung oder Analyse vermeidet die Autorin. Genauso lapidar wie Fortgang und Wandlung Michaels nach dem Absturz 2000 in Thailand zusammengefasst werden, findet das Zusammentreffen der Protagonisten mit dem Vater statt. Emotionen erfährt der Leser höchstens aus der Distanz. Der pilchernahe Schluss befremdet. Nachvollziehbar, aber nicht nacherlebbar.

 

Jackie Thomae, 1972 in Halle an der Saale geboren, ist Journalistin und Fernsehautorin. 2014 erschien ihr Debütroman Momente der Klarheit. Sie lebt in Berlin.

Hanser Berlin

  • Fester Einband
  • ISBN 978-3-446-26415-1
  • Deutschland: 23,00 €
  • Österreich: 23,70 €