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Archipel

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

Inger-Maria Mahlke

Inger-Maria Mahlke hat mit dem Roman «Archipel» den Deutschen Buchpreis gewonnen. Abgehackte, assoziative Splittertexte scheinen derzeit bei Juroren en vogue zu sein. Furore machen Minisequenzen, damit sich nur ja niemand zu lange konzentrieren muss. Des Öfteren steht man ratlos vor dem, was im Deutschunterricht noch als hässlicher Nachklapp verdammt wurde, und sucht den Zusammenhang. Und das liegt hier nicht an einer schlechten Übersetzung.

Die deutsche Autorin wählte als Schauplatz die Insel Teneriffa, auf der sie zeitweise aufgewachsen ist. Gewiss hat sie verarbeitet, was ihr an Schicksalen erzählt wurde. Eindrucksvoll gelingen ihr Schilderungen von Stimmungen (z.B. in einem Altenheim), exotischer Landschaft und Inseltypischem. Was der Kommentar der Jury zur Preisvergabe an Neugier weckt, läuft jedoch schnell ins Leere. Erwarten Sie nicht, einen Zugang zur Historie der Inselgruppe zu finden. Anscheinend will Mahlke ihre Leser nicht mit Geschichtsdetails belasten, das könnte womöglich ihre gleichaltrigen Leser langweilen. Sie füttert Andeutungen.

Der Text steigt ein beim Müllproblem des aktuellen Massentourismus und verliert sich in großen zeitlichen Sprüngen rückwärts bis zum Ersten Weltkrieg. Man sollte das Buch in einem Rutsch von hinten nach vorn lesen, denn erst im letzten Kapitel klärt sich der Rahmen ein wenig. Anhand einiger Familien stellt Mahlke unterschiedliche gesellschaftliche Schichten vor. Innerhalb der Kapitel schleudert man von einer fragmentarischen Szene zur nächsten. Die rückläufige Chronologie durchbricht jede Logik der sparsamen Handlung. Der Stil hält auf Distanz . Die Oberfläche wird gekonnt beleuchtet aber nirgends hinterfragt. Obwohl die Autorin am Lehrstuhl für Kriminologie arbeitete, interessieren sie Motive und Psychologie nicht.

Das (unvollständige) Personenverzeichnis hilft, eingestreute einheimische Begriffe machen den Text authentisch und sind in einem Glossar erläutert. Der Verlag hätte einen sachlichen Abriss zur Geschichte oder wenigstens eine Zeittafel anhängen können, die erklärt hätte, was zwischen den Epochen weggefallen ist. Warum wanderten Iren und Engländer im 19. Jahrhundert ausgerechnet nach Teneriffa aus? Auch Deutsche verschlug es schon früh beruflich dorthin. Wie hängt die Insel mit den Problemen der Westsahara zusammen? Welches Interesse hatte Spanien an Teneriffa? Wie beeinflusste die Kolonialzeit die Bewohner? Die politischen Brosamen sind vage und bleiben diffus ohne Zusammenhang. Man braucht Vorkenntnisse, um sie einigermaßen einordnen zu können. So wie die Protagonistin Rosa nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, so ratlos lässt den Leser dieses. „ Album voll schmerzhaft schöner Bilder“ – ohne Beschriftung. Ob man den Roman als beglückende Lektüre empfindet, wie ein Zitat von „Zeit online“ auf dem Buchrücken meint, sei dahingestellt.

 

Rowohlt Verlag GmbH

 

© Dagmar Morath

Inger-Maria Mahlke wuchs in Lübeck und auf Teneriffa auf, studierte Rechtswissenschaften an der FU Berlin und arbeitete dort am Lehrstuhl für Kriminologie. 2009 gewann sie den Berliner Open Mike. Ihr Debütroman “Silberfischchen” wurde ein Jahr später mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis ausgezeichnet.