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Äquatoria

Rezension von Dr. Aide Rehbaum

Patrick Deville: Äquatoria

Patrick Deville

Es ist nicht das erste Buch von Patrick Deville, in dem er sich einen historischen Aufhänger sucht, um sein Detailwissen über politische Machtzusammenhänge der letzten hundert Jahre auszubreiten. In „Äquatoria“ ist dies die Biographie eines italienischen Adeligen, Pierre Savorgnan de Brazza, nach dem eine Stadt im heutigen Kongo benannt wurde.

Nachdem Brazza eine militärische Ausbildung in Brest absolvierte, nahm er die französische Staatsbürgerschaft an. Bei der Marine diente er ab 1870 an der Küste von Amerika sowie in den französischen Kolonien am Senegal und Gabun. Für die Erforschung mehrerer Flussläufe erhielt er großzügige finanzielle Förderung des Staates, um Handelsstationen zu errichten, gewaltfrei die politischen Ansprüche Frankreichs durchzusetzen und den Fluss Kongo als Handelsroute zu erschließen. 1905 reiste er offiziell in den Kongo, um Gerüchten von Gräueltaten nachzugehen. Französische Soldaten und Firmen sollten -wie König Leopold II. von Belgien in seinem Teil des Kongo – Afrikaner brutalst zu einer gesteigerten Kautschukablieferung gepresst haben. Kurze Zeit später verstarb Brazza im Alter von 53 Jahren in Dakar (Senegal). Sein Leichnam wurde in Paris beigesetzt, später nach Algier überführt, sein Bericht wurde bis 2014 als Geheimsache behandelt.

Deville nimmt die absurde Errichtung eines Mausoleums für Brazza 2006 in Brazzaville als Anlass, die Geschichte ganz Zentralafrikas von der Entdeckung bis in die Gegenwart darzustellen. Fast wirkt es wie Namedropping, wenn er Albert Schweizer, Stanley, Livingstone, den Sklavenhändler Tippo Tip, den Sachsen Emin Pascha, Jules Verne, Gordon, die Rebellenführer und Diktatoren der Neuzeit des erbarmungslos gebeutelten Kontinents atemlos hin- und herspringend durchleuchtet. Die Ausbreitung des Kalten Krieges auf afrikanischem Boden wird angerissen, das Beziehungsgeflecht, Grüppchen, Interessen kollidierten in Bürgerkriegen, geschürt und unterstützt von außen und vor Ort u.a. auch von Che Guevara.

Der preisgekrönte Autor lebte in den 1980er Jahren im Nahen Osten, in Nigeria und Algerien. Seine Reisen nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems (u.a. Cuba, Uruguay, und den Ostblock) verwertet er in seinen Romanen. Hinz und Kunz kennt er zumindest aus der einheimischen und internationalen Presse und Zeitzeugen. Macht ihn allein das schon glaubwürdig?

Der Stil des Buches ist ein Konglomerat aus Landschafts- und Situationsbeschreibungen, dokumentarischen Versatzstücken und den ausgebrannten, fatalistischen Emotionen des z.T. gelangweilten Verfassers, der mehr dem Alkohol als dem Archivmaterial zuzusprechen scheint. Verwirrenderweise ist der Text fast durchgängig im Präsens gehalten, egal, ob der Autor gerade mit abgehalfterten Rebellen, Massenschlächtern, Offizieren, Schmugglern, Flüchtlingen oder Machthabern am Tisch sitzt oder ein Geschehen aus der Vergangenheit schildert. Psychologisches wird mit kernigen Sätzen abgeurteilt. Wiederholungen häufen sich. Hat der Autor den Überblick über die verzwickte Materie verloren? So scheint es mitunter.

Mit Brazza hat es nur insofern zu tun, als er zu den mehr oder weniger unfreiwilligen Wegbereitern des aktuellen Chaos gehörte. Der Klappentext ließ anderes erwarten. Immer wieder erwähnt Deville beiläufig Forscher, Literaten oder Briefpartner, deren Erlebnisse Brazza inspirierten, die er bewunderte, traf oder bekämpfte. Leider bleibt der Autor dort bei lapidaren Andeutungen stecken.

 

Patrick Deville, geboren 1957, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften und Philosophie in Nantes und arbeitete dort anfänglich als Dozent. Er lebte in den 1980er Jahren im Nahen Osten, in Nigeria und Algerien. In den 1990er Jahren besuchte er Kuba, Uruguay, Mittelamerikanische Staaten und Staaten des ehemaligen Ostblocks. Er gründete und leitet die »Maison des écrivains étrangers et des traducteurs« und deren Zeitschrift Meet.

Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem als »bester Roman des Jahres« der Zeitschrift Lire, mit dem Fnac-Preis und dem Prix Fémina.