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Meilensteine der sächsischen Musikgeschichte

Vor 450 Jahren, am 10. April 1570, starb der Komponist und Kantor Johann Walter in Torgau, wo er über 40 Jahre lebte und arbeitete. Walter ging in die Musik- und Reformationsgeschichte ein: Als Gründer der ersten bürgerlichen Kantorei und als Weggefährte Martin Luthers.

Johann Walter (1496 – 25.März 1570)

Im Auftrag von Kurfürst Moritz von Sachsen gründete Johann Walter 1548 die einstige sächsische Hof- und heutige Staatskapelle Dresden – das einzige noch bestehende Orchester, das über eine so lange Tradition hinweg ununterbrochen musiziert hat. Bereits 1524 wurde von Johann Walter das erste evangelische Chorgesangbuch herausgegeben. Gemeinsam mit Martin Luther entwickelte er den neuen Ablauf des evangelischen Gottesdienstes. Die von Luther unter Mitwirkung Walters erarbeitete “Deutsche Messe” erschien 1526 als neue reformatorische Gottesdienstordnung.

Sein Name ist mit der Kirchenmusik untrennbar verbunden

Nach der Studienzeit in Leipzig, während der er zum Anhänger Martin Luthers wurde, trat Walter 1520 in die sächsische Hofkapelle unter Kurfürst Friedrich dem Weisen ein. Schon bald darauf muss Walter mit dem Reformator selbst in Berührung gekommen sein: 1524 erschien die erste Auflage seines Geistlichen Gesangbüchleins, später nur noch Chorgesangbuch genannt, zu dem Martin Luther die Vorrede geschrieben hat. Diese Choralsammlung wurde von Walter im Laufe seines Lebens mehrfach revidiert und neu herausgegeben und markierte somit Beginn und Fortentwicklung protestantischer Mehrstimmigkeit sowie die Bereitstellung neuer Weisen für den Kirchengesang unter sorgsamer Pflege des deutschen geistlichen Liedsatzes.

Johann Walters „Geystliche gesangk Buchleyn“, abgebildet auf einem Gemälde von Hans Holbein d. Jüngeren, London 1533

1525 widmeten sich Luther und Walter in vertrauensvoller Zusammenarbeit in Wittenberg der Umgestaltung der Deutschen Messe. Am Ende stand die Erprobung der neuen Gottesdienstordnung in der Wittenberger Stadtkirche im Oktober 1525, die die Musikalisierung der einstimmigen liturgischen Gesangsformen in deutscher Sprache einleitete. Nach der Auflösung der Hofkapelle begann Walter mit dem Aufbau der Torgauer Stadtkantorei. An die Stelle der Hofkapelle trat die Schul- und stadtbürgerliche Kantorei, die den kirchenmusikalischen Dienst in der gesamten Stadt zu versehen hatte und damit eine Doppelfunktion erfüllte. Mit dem Aufbau dieser Kantorei und der damit verbundenen neuen Organisationsform einer kunstvoll entfalteten Kirchenmusik im städtischen und höfischen Bereich ist Johann Walters Name untrennbar verbunden.

Großer Ruhm wartete auf Johann Walter mit Martin Luther

Christ lag in Todes Banden in Walters Chorgesangbüchlein, 1524

Die Torgauer Stadtkantorei wurde zum Ur- und Vorbild des lutherischen Kantoreiwesens. In die Torgauer Zeit fiel auch die Begründung der deutschsprachigen responsorialen Passion auf den neuen Luthertext, für den Walter einen deutschen Passionston schuf. Etwa zwanzig Jahre später wurde Johann Walter Hofkapellmeister in Dresden. Dort wie nach seiner Pensionierung, die er wieder in Torgau verbrachte, feilte er unablässig am mehrstimmigen Liedsatz, wovon sowohl die Magnificat-Bearbeitungen als auch eine Sammlung deutscher Liedmotetten von 1566 zeugen.

Zu Lebzeiten wurde Johann Walter im Zusammenspiel mit Martin Luther großer Ruhm zuteil. Indem sie entscheidenden Anteil an der Entwicklung protestantischen Melodiengutes hatten und sich gleichermaßen für die Zusammengehörigkeit von Theologie und Musik einsetzten, waren beide wegweisend für die evangelische Kirchenmusik. Umso unverständlicher erscheint die verblassende Nachwirkung Johann Walters. Seine Verdienste als Komponist, Theoretiker, Dichter und Organisator haben zunächst nicht die Anerkennung erfahren, die ihm im Hinblick auf seine reformationsgeschichtliche Bedeutung erst allmählich wieder beigemessen wird – auch wenn das einzig erhaltene Porträt in Torgau seit 1945 verschollen ist.

 

Sein Erbe lebt auch in Torgau weiter: In der musikalischen Tradition der Johann-Walter-Kantorei und in der über die Stadtgrenzen bekannten Torgauer Festwoche der Kirchenmusik, die jährlich im Sommer stattfindet. Johann Walter zu Ehren entstand in Torgau die 2017 eröffnete Ausstellung “Klang & Glaube” im restaurierten Priesterhaus.

Im September 2020 lädt die Verleihung der Johann-Walter-Plakette für besondere musikalische Verdienste in die Torgauer Schlosskirche ein.

Informationen zur Festwoche der evangelischen Kirchenmusik: https://bit.ly/34nP4Tx

Informationen zur Ausstellung “Klang & Glaube”: http://www.museum-torgau.de/index.php/museumspfad/priesterhaus

 

Titelfoto: Zum 450. Todestag von Johann Walter wird dem Werk des Komponisten und Kantors in seiner einstigen Wirkungsstätte Torgau gedacht. Walters Erbe lebt nicht nur in der musikalischen Tradition der Johann-Walter-Kantorei weit über die Torgauer Stadtgrenzen hinaus weiter. © Friedrich Miehe