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Das lange deutsche Jahr

Ein Wunder, dass daraus eine Demokratie entstand

Von Dr. Aide Rehbaum

Der ehemalige Korrespondent am Bundesverfassungsgericht und Jurist, Bommarius, präsentiert in der vorliegenden Dokumentation das Entstehungsjahr der Demokratie in Deutschland.

Christian Bommarius ©Hans Edinger

Zwar wussten schon die “68er” mehr oder weniger oberflächlich, dass die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gräuel gleich nach dem Zweiten Weltkrieg mangelhaft war. Das Frankfurter Psychiater-Ehepaar Mitscherlich, Hannah Arendt und etliche andere prangerten die Unfähigkeit der Deutschen an, zu trauern, zu bereuen und überhaupt ihr Gewissen mal unter die Lupe zu nehmen statt zu negieren, zu beschönigen, wegzudiskutieren und zu verdrängen, was sie zu verantworten hatten. Nicht nur, aber auch dem Beginn des Kalten Krieges ist geschuldet, dass die Besatzungsmächte zu früh die juristische Verfolgung einstellten, weil sie meinten, den früheren Beelzebub als Bündnispartner gegen den Kommunismus zu brauchen. Berührungsängste sind ihnen bis heute weltweit fremd. Der Zweck heiligt die Mittel, die Methode und die Handlanger. Nur sehr wenige, wie der durch den Film aus dem Vergessen geholte Generalbundesanwalt Fritz Bauer, schwammen gegen den Strom.

Der Stil des Buches ist gewöhnungsbedürftig, da es weder thematische Ordnung noch Analyse der Materialsammlung gibt, sondern rein chronologisch Rechercheergebnisse wie einzelne kleine Zeitungsmeldungen hintereinander gereiht werden. Die Darstellung ist stellenweise sehr emotional, z.T. ätzend polemisch. Zeigt die Weiterentwicklung einer Geschichte eine ganz andere Richtung als ursprünglich beabsichtigt, dann ist der Text kursiv gesetzt: Wurde z.B. ein Nazi zu 15 Jahren Haft verurteilt, aber tatsächlich – und vermutlich von der Öffentlichkeit unbemerkt – nach kurzer Zeit freigelassen. Die Entwicklung einzelner Personen wird öfter zugunsten der Chronologie auseinandergerissen. Da wäre ein Personenverzeichnis am Ende hilfreich gewesen.

Die Masse an Details und Richtigstellungen, die Bommarius zusammengetragen hat, lässt einen fassungslos und fast gelähmt zurück (Aufdeckung von Verschleierungstaktik in der ganzen Gesellschaft, Lügen bei der Entnazifizierung, Postenschacher von Altnazis bei Stellenbesetzungen, bis zu falschen Identitäten und Diskriminierung von Opfern und Widerstand). Ein Wunder, dass aus den Voraussetzungen eine brauchbare Demokratie entstanden ist.

Christian Bommarius, Jahrgang 1958, studierte Germanistik und Rechtswissenschaft. Nach journalistischen Stationen, etwa als Korrespondent beim Bundesverfassungsgericht, war er von 1998 bis 2017 Redakteur der Berliner Zeitung. Seit 2018 ist er Kolumnist der Süddeutschen Zeitung. Für sein publizistisches Werk wurde Bommarius der Heinrich-Mann-Preis verliehen.

 

 

Christian Bommarius:

1949. Das lange deutsche Jahr

Hardcover, Droemer HC
03.09.2018, 320 S.

ISBN: 978-3-426-27761-4


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