Ein Schritt vor, zwei auf der Stelle

Beim Thema Golfstaaten denken viele an mangelnde Frauenrechte. Klischees und Vorurteile helfen jedoch nicht weiter.

Die Weltmeisterschaft in Katar lenkt die Aufmerksamkeit neben dem sportlichen auch auf verschiedene gesellschaftliche Themen. So ist die Gleichstellung der Geschlechter in den Golfstaaten noch lange nicht erreicht. Obwohl sich die Staaten des Golfkooperationsrates binnen weniger Jahrzehnte wirtschaftlich entwickelt und modernisiert haben, bleiben die Gesellschaften im Kern konservativ. Auch aufgrund von Vormundschaftsgesetzen haben Frauen gegenüber Männern bis heute eine untergeordnete Stellung. Sie sind in ihren Entscheidungen durch das begrenzt, was Familien und Gesellschaft für akzeptabel halten.
Touristen in Katar © Sidhik Keerantakath auf Pixabay.com

Gleichwohl wurden bereits Fortschritte erzielt, nicht nur weil die Regierungen bestimmte Reformen vorantrieben, sondern weil mutige Aktivistinnen sich unentwegt dafür einsetzen. Einerseits ist es legitim und relevant, auf fehlende Gleichstellung in allen Teilen der Welt hinzuweisen, und Kulturrelativismus wäre zynisch. Dennoch sind die Behauptungen und Argumente über die Situation von Frauen in den Golfmonarchien im westlichen Diskurs oft von Desinteresse und orientalisierenden Klischees geprägt.

Die Times of London erweckte in einer Bildunterschrift, die später gelöscht wurde, nachdem sie in den sozialen Medien angeprangert wurde, den Eindruck, Katarer seien es nicht gewohnt, Frauen in westlicher Kleidung in ihrem Land zu sehen. Tatsächlich besteht ein großer Teil der rund drei Millionen Einwohner des Landes aus Ausgewanderten, von denen viele aus dem Westen stammen. Katarer in Doha berichteten laut Qantara.de von Besuchern, die fragten, ob Frauen ein Kopftuch tragen müssten. Ein Tweet, der mittlerweile gelöscht wurde, stellte infrage, dass bei den ersten Partien überhaupt Frauen im Stadion gewesen waren, und entfachte eine Diskussion auf Twitter.

Ohne Zweifel ermöglichen weitreichende Reformen in den vergangenen Jahren den Frauen in den Golfstaaten mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das bekannteste Beispiel ist sicher Saudi-Arabien, wo etwa Gesetze gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz oder für das Recht der Frauen, den Führerschein zu machen und selbst Auto zu fahren, als große Fortschritte gewertet wurden. Dafür feierten vor allem junge Saudis den Kronprinzen Mohammed bin Salman.

Frauen sind in ihren Entscheidungen durch das begrenzt, was Familien und Gesellschaft für akzeptabel halten.

Bei diesen Reformen ging es jedoch weniger um Gleichstellung als um Eigeninteresse. Saudi-Arabiens Bevölkerung ist jung und wächst schnell. Im Zuge der „Vision 2030“ will der Kronprinz die Wirtschaft einem grundlegenden Wandel unterziehen, um das Land unabhängiger von Öleinnahmen zu machen. Die Eingliederung der gut ausgebildeten Frauen in den Arbeitsmarkt ist dabei unverzichtbar. Es handelte sich also eher um graduelle und selektive Reformen, als um einen umfassenden gesellschaftlichen Fortschritt.

Festzuhalten ist zudem, dass Aktivismus weiterhin kriminalisiert wird. Zu nennen ist etwa der Fall von Loujain al-Hathloul, die 2018 inhaftiert worden war. Zuvor hatte sie eine Petition für die Abschaffung der männlichen Vormundschaft in Saudi-Arabien unterzeichnet und sich gegen das Frauenfahrverbot eingesetzt.

Saudi-Arabien ist das prominenteste Beispiel, aber auch andere Golfstaaten unternehmen gezielte Schritte zur Stärkung der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten oder in Katar beispielsweise werden gezielte Schritte zur Gleichstellung der Geschlechter unternommen, etwa um Frauen in der Arbeitswelt oder der Politik sichtbarer zu machen. Insbesondere gegenüber westlichem Publikum betonen Vertreter der Golfstaaten deren Bemühungen in Sachen Frauenförderung und die Fortschritte, die in relativ kurzer Zeit erzielt wurden.

Dabei geht es teilweise jedoch nicht um Feminismus, sondern um außenpolitisches Kalkül und Nation Branding. Der Sport spielt in dieser Inszenierung eine wichtige Rolle. Das Fotoprojekt „Hey ya“ sollte bereits 2012 im Auftrag der katarischen Regierung deren Bemühungen, Frauen im Sport zu fördern, auch nach außen versinnbildlichen. Die knapp 30 Sportlerinnen auf den Bildern seien „so vielfältig wie das Land selbst“ und die Bilder „feierten die Stärke und den Stolz von Sportlerinnen aus der arabischen Welt“, wie es auf der Homepage der staatlichen Museen Katars hieß.

Festzuhalten ist zudem, dass Aktivismus weiterhin kriminalisiert wird.

Für den Versuch von Staaten, mittels Sport das eigene Image aufzubessern, bildete sich der Begriff „Sportswashing“ in Anlehnung an „Greenwashing“ oder „Whitewashing“ heraus. Auch Saudi-Arabien nutzt gezielt Bilder von Pionierinnen im Sport: So sollen etwa PR-Fotos der saudischen Fußballnationalmannschaft mit dem im Westen vorherrschenden Klischee der Frau hinter dem Schleier brechen. Bilder von Profisportlerinnen lassen sich gut nutzen, um ein im Westen positiv besetztes Frauenbild zu stärken, das gleichzeitig mit Vorurteilen bricht.

In Katar förderte man im Zuge der WM-Vergabe auch eine Fußballnationalmannschaft der Frauen, allerdings waren diese Bemühungen nicht nachhaltig. Bewirbt sich ein Land um die Austragung der Weltmeisterschaft, sehen die FIFA-Regularien vor, dass der nationale Verband auch eine bestimme Summe für die Förderung von Frauenfußball ausgibt. Doch die katarische Nationalelf der Frauen hat seit Jahren kein offizielles Länderspiel bestritten und ist deshalb nicht mehr in der offiziellen Weltrangliste zu finden. Die FIFA führt die Mannschaft daher als „inaktiv“ auf.

Die Wissenschaftlerin Charlotte Lysa beschreibt in einer Studie Rollenerwartungen an Fußballerinnen in den Golfstaaten. Darin argumentiert sie, Frauen würden in den Golfstaaten als Projektionsfläche für Tradition und Identität betrachtet. Insofern biete der Sport den Frauen durchaus Chancen, neue Freiräume innerhalb der Gesellschaft zu erobern, in denen sie etablierte Traditionen anfechten könnten und gesellschaftlichen Rollenerwartungen nicht entsprechen müssten.

Im Kontext der WM-Vergabe an Katar wurde die gesellschaftliche Stellung der Frau auch dort immer wieder thematisiert. Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch werden katarische Frauen strukturell daran gehindert, unabhängige Entscheidungen zu treffen. Bei einer möglichen Bewerbung Saudi-Arabiens um die Austragung einer künftigen Weltmeisterschaft würde dies sicherlich auch hier die Debatte um den Stellenwert von Frauen- und Menschenrechten generell, ähnlich wie sie vor der diesjährigen WM geführt wurde, entfachten. Es wäre allerdings zu wünschen, dass die Debatte in westlichen Ländern in ein paar Jahren zwar kontrovers, aber mit mehr Interesse an den Menschen in der Region geführt wird, und dass sie auch die Fortschritte widerspiegelt, die die Frauen in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten bereits erkämpft haben.  

Anna Reuß ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Internationale Politik und Konfliktforschung der Universität der Bundeswehr München. Sie forscht zu der Versicherheitlichung, Bedrohungswahrnehmungen und Sicherheitsnarrativen der Staaten des Golfkooperationsrates.

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