Wollseifen – im Krieg beschädigt, im Frieden zerstört, heute verschwunden

Von Gisbert Kuhn

Das Dorf Wollseifen, 1930er Jahre

Im Herbst, wenn die Sonne die Frühnebel aufgelöst und nur noch klare Luft hinterlassen hat, reicht der Blick von der Dreiborner Hochfläche besonders weit ins Land hinaus. Über den Talsperren der Eifel-Flüsschen Urft und Rur in rund 500 Metern Höhe gelegen, zieht sich das weitgehend baumlose Plateau tief nach Westen in Richtung Belgien, während sich im Norden und Nordosten, sozusagen zwischen Aachen und Köln, gut erkennbar die weißen Dampfschwaden aus den Kühltürmen der Kraftwerke im rheinischen Braunkohlerevier in die blaue Atmosphäre türmen. Ruhig ist es hier oben, nur Wanderer nutzen die angenehme Wetterlage für Ausflüge in den Naturpark Eifel – freilich meistens verbunden mit einem besonderen Erlebnis.
Dieses Erlebnis besteht allerdings zunächst weitgehend aus – nichts. Allerdings hat dieses Nichts einen Namen: Wollseifen. Denn dort, wo die zahlreichen Wanderwege zuzsammenkommen, existierte einmal ein Dorf. Und zwar beinahe bis in die Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Ein richtiges Bauerndorf mit ungefähr 550 Einwohnern, Höfen, Vieh, einer Volksschule, einer Kirche. Halt praktisch aus allem bestehend, was so ein Dorf ausmacht. Die aktuellen Land- und Wanderkarten versehen diesen Ort freilich mit der Bezeichnung “Wüstung”. Genauer: “Wüstung Wollseifen”. Der eifeler Volksmund, indessen, hat einen anderen Begriff für den Flecken dort oben gefunden: das “tote Dorf”.

Die alte Schule ©seppspiegl

Museum und Mahnmal zugleich
Das “tote Dorf”? Tatsächlich versammelt sich in diesen zwei Worten praktisch alles, was im weitesten Sinn Leben, Streben, Wirken, Leiden und Freude ausmacht. Nur dass, abgesehen von ein paar alten Fotos und zwei restaurierten Gebäuden, nichts mehr darauf deutet. Nichts mehr auf die einstigen bäuerlichen Mühen, dem kargen Boden Kartoffeln und ein wenig Getreide abzutrotzen. Und auch nichts mehr von dem Spaß der Kinder im Winter beim Rodeln im Schnee. Heute trifft der Wanderer – denn nur zu Fuß kann das weite Areal erkundet werden – in Wollseifen nur noch auf die einstige, zweiklassige Volksschule und die Kirche St. Rochus. Aber auch diese Beiden wurden erst vor wenigen Jahren wieder begehbar gemacht – sozusagen als Museum und Mahnmal zugleich.
Die Geschichte des Dorfes Wollseifen geht nachweislich zurück bis ins Jahr 799 – also bis in die Epoche, in der zumeist vom nahen Aachen aus Karl der Große  mit Kreuz und Schwert das Frankenreich schuf. Für die Menschen auf der Höhe der rauen, kalten und windigen Eifel mit ihren steinigen Böden muss das Leben schwer gewesen sein. Darauf deutet, in gewisser Weise, schon der Name hin. Obwohl in den Bergregionen des deutschen Westens immer auch genügsame Tiere wie Schafe gehalten wurden, diente doch nicht deren Wolle als Namensgeber. Genauso wenig, übrigens, wie das allgemein gebräuchliche Säuberungsmittel Seife. Nein, ursprünglich stand (wie die ganz alten Urkunden ausweisen) am Namensanfang “Wolf”, und “seifen” ist quasi bedeutungsgleich mit Quelle oder Wasser. Jedenfalls nannte man Ort ganz am Anfang nach einer Tränke, an der die Raubtiere ihren Durst stillten.

Die erhaltene Dorfkirche St. Rochus ©seppspiegl

Segen und Fluch: Vogelsang
Das wirkliche Schicksal des kleinen Eifeldorfes und seiner Menschen aber hatte weder etwas mit Wölfen noch mit Wasser etwa in Form einer Flutkatastrophe zu tun. Vielmehr war (und ist uinverändert) Wollseifens Geschichte untrennbar verbunden mit dem Namen “Vogelsang”. Knapp drei Kilometer von dem Dörfchen entfernt, ebenfalls auf der Höhe und mit Blick auf den Urftsee, baute die nationalsozialistische Führung nämlich in den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts auf rund 50 000 Quadratmeter Fläche eine von ursprünglich vier im “Reich” geplanten “Ordensburgen”. Hier sollten “Junker” herangezogen werden, junge Männer als künftige Elite der Partei. Daraus wurde, bekanntermaßen, nichts. Aber die Gebäude sind nach wie vor vorhanden und – unter anderem als ein höchst bemerkentswertes Museum – zu besichtigen (vgl.: rantlos: Vogelsang – Trauma und Idylle).
Für die ganze Gegend, besonders jedoch für das kleine Dorf auf dem Plateau, schien das Mammut-Projekt Vogelsang zunächst ein Glücksgriff ohnegleichen zu sein. Es gab Arbeit in Menge und sichere Löhne, die Bauern konnten Zimmer vermieten. Und vermutlich hat es auch die eine oder andere Tochter geschafft, sich einen der nicht selten feschen Junker in spe zu angeln? Doch der scheinbare Segen war nicht von Dauer. Nicht nur, dass die (mittlerweile zu einem großen Lazarett umfunktionierte) Burg Vogelsang und deren Umgebung immer wieder Ziel von verheerenden Bombenangriffen waren. Vor allem während der eiskalten Wintermonaten 1944/45 tobten in der Westeifel entsetzliche Kämpfe, die als “Ardennenofffensive” und “Allerseelenschlacht” in die Geschichte eingegangen sind (vgl. rantlos “Die Hölle im Hürtgenwald“). Vogelsang wurde damit auch für Wollseifen zum Fluch. Oder, wie Franz-Josef Sistig, bei Kriegsende 17 Jahre alt, einmal zu einem Rundfunkreporter sagte: “Die Burg Vogelsang war unser Untergang. Wenn die Nazis 1934 die Burg nicht gebaut hätten, wären wir zu Hause geblieben”.

Foto: Nahkampfübung der britischen Soldaten im zerstörten Dorf (Foto in der alten Schule)

Vertrieben, nicht evakuiert
Damit, dass Wollseifen durch die Kriegsereignisse weitgehend zerstört wurde, stand das Dörfchen auf der Höhe freilich nicht allein. Tatsächlich waren in der letzten Phase des Krieges an der Westfront ungezählte Ortschaften praktisch dem Boden gleichgemacht worden. Doch die vor dem Gemetzel geflüchteten Bewohner kehrten bald zurück in ihre Heimatstätten und begannen mit dem Wiederaufbau. Das tägliche Überleben wurde nicht selten mit dem – durchaus gefährlichen – Schmuggel hauptsächlich von Kaffee aus dem ja nur wenige Kilometer entfernten Belgien organisiert. So taten es auch die Wollseifener. Jedenfalls bis zu dem für sie verhängnisvollen 18. August 1946. Franz-Josef Sistig erinnert sich: “Nach dem Hochamt am Sonntag brachte der von den Alliierten eingesetzte Bürgermeister die Nachricht”.
“Die Alliierten”, das waren dort zunächst die Briten. Und die hatten beschlossen, die Dreiborner Hochfläche in einen Übungsplatz für ihre Soldaten umzuwandeln. Einschließlich des Dorfes Wollseifen, dessen Einwohner gerade wieder die Strom- und Wasserversorgung hingekriegt hatten. “Bis zum 1. September”, lautete der Befehl der Besatzungsmacht, müsse das Dorf geräumt sein. Vor dem Hintergrund der Härte dieser Verfügung mutet die höfliche Formulierung der Besatzer geradezu zynisch an. “You are requestet…”, heißt es da auf Englisch.” Sie werden ersucht”, bis in spätestens 12 Tagen alles zu verlassen, was für die Menschen Heimat bedeutete. Die Räumung traf 120 Familien mit 550 Personen. Auch die heute 85-jährige Christel Küpper denkt noch mit Entsetzen an die damaligen Ereignisse. “Wir wurden”, sagt sie, “vertrieben, nicht evakuiert”. Ihre Schwester habe vor dem Auszug sogar noch das ganze Haus putzen müssen.

Auf dem Gelände des ehemaligen Dorfs errichtete das belgische Militär zahlreiche Kulissenhäuser, um den Häuserkampf üben zu können. ©seppspiegl

An die Belgier übergeben
Immerhin durften (oder mussten?) die Bauern in der verbleibenden Zeit noch “die Frucht” einholen. Also die restliche Ernte – Getreide und Kartoffel. Für die Alten und die Erwachsenen war dies natürlich eine Zeit der Aufregung, der Trauer, der Wut und Verzweiflung. Manche Kinder von damals verbanden damit allerdings auch so etwas wie Spannung und Abenteuer. Obwohl die Briten eine Rückkehr ins Dorf streng untersagt hatten, schlichen sich die Jungs des Nachts hinauf. “Wir hatten”, berichtet einer, “ein kleines Pferd, mit dem bin ich nachts hier rüber und habe quasi unser Eigentum gestohlen”. So wie andere eben auch “organisierten”, was noch brauchbar war: Fenster, Türen, Dachziegel… Es wäre ja sowieso alles in Trümmer geschossen worden.
1950 wurde das Übungsgelände “Camp Vogelsang” samt der unvollendeten Ordensburg von den Briten an die Belgier übergeben. Die brauchten ihre Panzer und schweren Waffen gar nicht weit zu bewegen. Denn nur ein paar Kilometer westlich befindet sich, jenseits der Grenze, das Militärareal Elsenborn – einst (1895) für das preußische VIII. Armeekorps angelegt, als jener heutige Ostbereich Belgiens noch zur preußischen Rheinprovinz gehörte. Als in Wollseifen die alten, verlassenen Häuser und Gehöfte völlig zerschossen waren, baute das belgische Verteidigungsministerium eine ganze Anzahl steinerner Kubusse – eine Art Als-ob-Häuser, in denen Spezialtruppen den Häuserkampf übten. Später nutzen auch andere NATO-Armeen (darunter die Bundeswehr) das rund 40 Quadratkilometer große Gelände, bis es schließlich 2005 aufgegeben wurde. Der Kalte Krieg war ja vorbei.

Luftbild der Wuestung Wollseifen

Immer zum St-Rochus-Fest wird gefeiert
Und heute? Eingezäunt mit Stacheldraht ist die weite Hochebene noch immer. Aber sie ist inzuwischen für jedermann zugänglich. Hölzerne Wegweiser zeigen auf speziell interessante Punkte, und nicht selten erblickt man auch Wandergruppen, deren Führer an ihren “kanadischen” Hüten als besonders orts- und geschichtskundige Ranger erkennbar sind. Denn der einstige Truppenübungsplatz, einschließlich der “Wüstung Wollseifen” ist inzwischen ein beliebter Teil des Naturparks Eifel. Mehr als 75 Jahre nach den dramatischen Geschehnissen von damals ist für die einstigen Bewohner des “toten Dorfes” das Kapitel Vertreibung weitgehend abgeschlossen. Wenngleich dem einen oder anderen mitunter doch nochmal die Galle hochkommt, wenn er daran denkt, dass “in den 50-er Jahren die Bundesrepublik Deutschland den alten Besitzern die Grundstücke abgekauft hat – zu gedrückten Preisen”.
Sie haben, vor Jahren schon, einen “Traditionsverein Wollseifen” gegründet. Der baute die – natürlich ebenfalls zerschossene – Kirche und die alte Volksschule mit ihren zwei Klassenzimmern wieder auf. In dieser geben großflächige Texttafeln und zahlreiche Fotos Auskunft darüber, wie hart das Leben einstmals war für die Menschen hier auf der Höhe der Eifel. Und einmal im Jahr, am St.-Rochus-Tag dem 16. August, wird in der Kirche, die einst diesem Heiligen aus dem französischen Montpellier geweiht war, wieder die Messe gesungen. Und danach draußen kräftig gefeiert.

Auskünfte über
info@nationalpark-eifel.de
Urftseestraße 34
53937 Schleiden
Tel: 02444 9510-0

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