--- Anzeige ---
Homepage-Baukasten von Host Europe

Zwischen Worten und Taten

„Klimahysterie“ macht das Negativ-Rennen

Von Dieter Buchholtz

Autor Dieter Buchholtz

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Stimmt. Und bereits in nur einem Wort bündeln sich oft unzählige Gedanken-Netzwerke – nicht selten auch Geisteshaltungen. Somit ist es ein Stück legitime Spurensuche, wenn aus der Tiefe unserer Gesellschaft Begriffe als Unwort des Jahres vorgeschlagen werden. Aus 671 Einsendungen wurde für 2019 „Klimahysterie“ ausgewählt. Der für die Vergabe gültige Grundsatz heißt, dass Wörter gerügt werden, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistische, verschleiernde oder irreführende Formulierungen sind. Mit in der engeren Auswahl standen aktuell auch „Bauernbashing“, „Ökodiktatur“, „Umvolkung“, „Bevölkerungsexplosion“ oder „Ethikmauer“.

Nun mag man der Jury-Entscheidung nicht unbedingt folgen. Die Aktion aber meldet sich verlässlich jedes Jahr zu Wort: Seit 1991 ist sie sozusagen das sprachliche Gewissen, wenn sich Wörter mit einem denkbar schlechten Khama in unser Bewusstsein eingraben, sozusagen unter der Hand hoffähig werden. Schaut man in die Chronik der Bad Words innerhalb der letzten zehn Jahre, so tummeln sich hier „Unwörter“ zwischen „Lügenpresse“ (2014) und „Döner-Morde“ (2011). Kritiker könnten nun einwerfen, dass es sich hier wohl eher um einen akademischen Diskurs handelt, also so etwas wie den Streit einer kleinen Schar von Sprachpuritanern. Es wäre zu schön, wenn man dies einfach so in der Ablage versenken könnte.

Kein wirksamer Schutz

Das verbietet sich leider vor dem Hintergrund einer Vielzahl aktueller Drohungen insbesondere an die Adresse von Menschen, die in unserer freiheitlichen Gesellschaft Verantwortung tragen. Wir haben uns seit Jahren daran gewöhnt, dass Politiker zunehmend über soziale Netzwerke mit Hass und Morddrohungen angegriffen werden. Wir mussten inzwischen auch erleben, dass mehrheitlich aus dem rechtsextremistischen Lager ganz  konkret zur Waffe gegriffen wurde. Stellvertretend steht hier der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Ähnlich wie beim Durchschnittsbürger scheint sich nun auch bei Kommunalpolitikern die Meinung zu verbreiten, dass dieser Staat nicht mehr in der Lage ist, seine Funktionsträger vor derartigen Mordandrohungen wirksam zu schützen. Es muss daher nicht verwundern, wenn der Bürgermeister von Kamp-Lintfort, Christoph Landscheidt, bei der Polizei einen großen Waffenschein beantragt hat. Nach Ablehnung durch die Polizeibehörde klagte der Hoheitsträger vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht und zog die Klage dann aber am 16. Januar zurück, weil die notwendige Diskussion um Hetze, Hass und Bedrohung angestoßen worden sei.

Subkultur des Hasses gefährdet Demokratie

Landscheidt hat schon öfter erlebt, dass polizeiliche Hilfe nicht rechtzeitig zur Verfügung stand. Es geht dem Bürgermeister um ein Exempel, das zeigen soll, dass der Staat hier versagt. Aber dem Politiker ist auch wichtig zu sagen, dass er nicht „in Texas-Manier bewaffnet durch die Straße ziehen“ will. Dennoch macht er durch seine spektakuläre Aktion deutlich, dass ohne Bremsen gegen die Subkultur des Hasses unser demokratisches Gefüge aus den Angeln gerät. Das unausweichliche Aufrüsten zwischen Tätern und Opfern macht den Weg frei für einen schnell nicht mehr steuerbaren Systemumschwung.

Es ist vor diesem Hintergrund unverständlich, dass erst jetzt die Regierung darüber nachdenkt,  Hetze gegen Kommunalpolitiker genauso unter Strafe zu stellen wie Aggressionen gegen Landes- und Bundespolitiker. Mit Verlaub: Jeder Bürger muss vor solchen Angriffen geschützt werden! Denn die Hetze im Netz ist nicht selten eine Vorstufe zur tätlichen Gewalt. Hier köchelt der Brutofen für Entwicklungen, für die einem in der möglichen Katatrophe dann einfach die Worte fehlen.

Wortloses Verständnis

In deutlich abgeschwächter Form ist es mir so in diesen Tagen beim Shoppen in der Stadt ergangen. Der angesteuerte Laden schließt, so signalisieren kleine Plakate. „Warum?“ frage ich die angestellte Dame. „Ich bin selbst Ausländerin“, macht sie sogleich als Statement klar. Sie kritisiert, dass dem deutschen Staat und der Polizei hier in Deutschland zu wenig Respekt entgegengebracht wird. Und weil das so ist, müssen sie den Laden schließen. Denn draußen vor der Ladentür machen sich aus ihrer Sicht immer mehr Menschen breit, die für potentielle Kunden eine wachsende Kaufbarriere sind (Drogen, Alkohol, Pöbeleien usw). Sie ist wütend über die Untätigkeit der deutschen Ordnungskräfte. Sie fühlt sich um ihren Arbeitsplatz betrogen. Ich lächele hilflos und signalisiere wortlos Verständnis. Irgendwie habe ich schon wieder das Gefühl, dass sich genau hier erneut ein Kreislauf schließt. Die Migrantin zieht bedeutungsvoll die Augenbrauen hoch – ohne Worte!

 

Für Kommentare: dieter.buchholtz@rantlos.de