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Zurück zum alten Trott?

Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Es werden eher die Älteren sein (also jene, die im Moment ja besonders auf ihre Gesundheit achten sollen), die sich noch an diesen Gassenhauer erinnern können: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai“. Lale Andersen (Frage auch hier: Wer erinnert sich noch an den Namen?) hatte das  Lied während des Krieges gesungen. In der Bevölkerung sollte es die einen zum Durchhalten bewegen, andere empfanden es als Hoffnung auf einen irgendwann kommenden Frieden, dritte schrieben es als bittere Parodie um“…es geht alles vorbei. Zuerst Adolf Hitler, dann seine Partei“.

Der Krieg, selbst schon eine Katastrophe, endete in einer Katastrophe. Aber dieses Ende war zugleich ein neuer Anfang und begründete (nicht nur, aber vor allem  hierzulande) völlig neue Lebensumstände, erzwang bis dahin oft nicht gekannte Formen von Selbstverantwortung sowie gegenseitiger Hilfe und Solidarität. Dass diese Zeit gerade jetzt häufig bemüht wird, ist – einerseits – befremdlich, weil weder die äußeren, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Umstände auch nur annähernd miteinander vergleichbar sind. Es ist – andererseits – auf eine gewisse Weise allerdings auch nicht ganz verwunderlich, weil mittlerweile zwei (oder gar drei) Generationen nachgewachsen sind, für die Frieden, Wohlstand, Bildung, umfassende innere, äußere sowie soziale Sicherheit absolute Normalität bedeuten und die jede Abweichung davon als Bedrohung empfinden.

Nur in einem einzigen Punkt besteht so etwas wie Deckungsgleichheit von damals und heute: „Wie wird es wohl weitergehen?“ Aber schon die Antworten gehen wieder weit auseinander. Während die Menschen vor 75 Jahren einem riesengroßen Fragezeichen gegenüber standen, verengt sich die Thematik jetzt auf die simple Fragestellung: Werden der Schock über und die Erfahrung mit der weltweiten Corona-Virus-Krise so nachhaltig sein, dass die Staaten, Politiker, Wirtschaft und – nicht zuletzt – die Menschen daraus Lehren ziehen und (vielleicht sogar drastische) Veränderungen bei sich selbst und ihrem Handeln vornehmen? Oder aber wird sich „danach“ – vielleicht sogar ziemlich schnell – wieder Normalität mit einem Leben wie bisher einstellen?

Der bekannte Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx ist überzeugt davon, dass nichts mehr so sein werde wie bisher: „Die Welt, wie wir sie kennen, löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können“. Nach seiner Deutung „werden wir uns wundern“, zu welch nachhaltigen Verhaltensänderungen das Erlebnis der weltumspannenden Ansteckungsgefahr mit dem neuen Virus führen werde. Nun muss man tatsächlich nicht unbedingt berufsmäßiger Futurologe sein, um jetzt schon zu erkennen, wie plötzlich bestimmte Dinge ganz neue Bedeutungen bekommen oder mit einem Mal die alten zurück erhalten. Gewiss hat in nicht wenigen Fällen die staatlich verordnete Ausgangs- und Besuchsbeschränkung zu einer Zunahme von Einsamkeit geführt. Doch (um erneut den Forscher zu zitieren) bedeuteten Verzichte keineswegs zwangsläufig immer auch Verluste. So erzeugte, paradoxerweise, die durch das Virus erzeugte körperliche Distanz gleichzeitig neue Nähe. Man hat allein schon durch Zurufe über die Straße neue Menschen kennengelernt. Alte Freunde, Familien, Nachbarn sind einander wieder näher gerückt. Und, täuscht die Beobachtung? Der Ton im Lande scheint wieder höflicher geworden zu sein. Von Ausnahmen abgesehen, funktioniert das Abstandhalten in Geschäften. Ja, selbst Anstehen an Eingängen oder Kassen wird – jedenfalls zumeist – klaglos hingenommen. Ob sich diese Stimmung über die Corona-Zeit wohl in die Stadien hinüberretten wird, wenn wieder Fußball gespielt werden kann? Oder freuen sich die Ultras schon jetzt darauf, mit Massen-Wut-Pöbeleien in die gewohnte Randale zurückzufallen?

Weden wir uns nur wundern, oder können wir bereits als sicher davon ausgehen, dass sich in weiten Teilen der Arbeits- und Bildungssektoren wahre revolutionäre Entwicklungen ereignen werden? Mit einem Mal, quasi von einem Tag zum anderen, stellten sich in den Büros, Schulen und Kitas Hunderttausende auf die Anwendung digitaler Kulturtechniken ein, gegen die man sich bislang gewehrt hatte. Heimarbeit, Tele- und Videokonferenzen wurden (und werden) als durchaus praktikabel, ja sogar praktisch empfunden. Man muss nun wirklich kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass dies zu Konsequenzen im Arbeitsablauf führen wird, ja geradezu muss. Schließlich: Kann man nicht, in der Tat, eine Menge kostspieliger und zeitraubender Dienstreisen einsparen, wenn es digital mit vergleichbar ebenso guten Ergebnissen doch sehr viel einfacher geht? Ähnliches gilt, zweifellos, für den Bildungsbereich. Gewiss nicht alle, aber doch viele Lehrer haben in der erzwungenen Zeit der Schulschließungen eine Menge über Internet-Teaching erfahren und es auch schätzen gelernt.

Niemand kann heute wirklich prophezeien, wie einschneidend diese, den Globus umspannende, Gesundheitskrise die heimische Ökonomie und auch die Weltwirtschaft trifft. Dass viele Unternehmen auf der Strecke bleiben, dass nicht zuletzt ungezählte Selbständige etwa aus dem Kunst- und „Kreativbereich“ vor kaum lösbaren Schwierigkeiten stehen, dass die immensen staatlichen Stützungsmaßnahmen letztendlich ja auch wieder erwirtschaftet werden müssen – das alles sind Folgen dieser Pandemie. Trotzdem wird es natürlich „danach“ wieder eine Weltwirtschaft geben. Die Frage jedoch ist, ob die Bedingungen dieselben sein werden. Denn in der Krise wurden die Schwachpunkte der ach so hochgelobten „Globalisierung“ schmerzhaft deutlich. Das gilt für die globale „just-in-time“-Produktion mit ihren riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile um den Planeten gekarrt werden. Es gilt aber ebenso für die sichere Versorgung zum Beispiel mit lebenswichtigen Medikamenten oder medizinischem Gerät. Um ein paar Cent einzusparen und den Gewinn entsprechend zu erhöhen, wurde die Herstellung der meisten Pharmazeutika in asiatische oder lateinamerikanische Billigländer verlagert. Auch aus Deutschland, das sich einst rühmte, die „Apotheke der Welt“ zu sein.

Jetzt hat sich das bitter gerächt. Und tatsächlich entstehen an vielen Produktionsstätten und Service-Einrichtungen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Das Handwerk erlebt eine Renaissance und wird – hoffentlich – wieder zunehmend attraktiv, bsonders für junge Menschen bei der Berufswahl. Mit anderen Worten, in dieser Zeit des scheinbar totalen Stillstands bewegt sich in Wirklichkeit viel. Aber reicht die Fantasie aus, um sich vorzustellen, wie sich das „Danach“ entwickeln wird? Werden die Menschen, wird unsere Gesellschaft das Leben in der Corona-Virus-Krise bleibend in Erinnerung behalten? Und mahnend, sozusagen als Fanal, als Flammenzeichen, wie sich von jetzt auf gleich das ganze Leben verändern kann? Wird man tatsächlich verinnerlicht haben, dass etwa die Versorgungssicherheit mit lebensnotwendigen Medikamenten und Geräten ihren Preis hat? Wird die „Heimholung“ bestimmter Industrien von uns allen (mithin auch der Geiz-ist-geil-Gesellschaft) entsprechend honoriert?

Oder aber wird es auch dieses Mal wieder so sein, wie es schon oftmals war? Dass sich nämlich, nach einer gewissen Schockzeit, das Leben wieder so einpendelt, wie es immer gewohnt war. Weil es ja auch so einfach war. Nach dem Motto also: Egal was kommt, der Staat muss es richten. Und wenn irgendetwas tatsächlich oder vermeintlich der gewünschten Norm entgegenläuft, ist halt wahlweise die Regierung oder die Kanzlerin persönlich schuld. Wetten werden entgegen genommen.

Bemerkungen und Kommentare bitte direkt an gisbert.kuhn@rantlos.de