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Zur Sache statt Mätzchen

Überalterung als Hängepartie

Autor Dieter Buchholtz

Vielleicht gelingt es ja, dass die gebeutelte GroKo (also die so genannte Große Koalition in Berlin) ihr Versprechen tatsächlich einlöst und zur wie auch immer gearteten Sacharbeit zurückkehrt. Befreien müsste sie sich schlicht aus dem Würgegriff der Populisten. Denn nach neuesten Zahlen ist jeder dritte Wahlberechtigte “populistisch” eingestellt. Was soviel heißt wie “offen für scheinbar einfach Antworten auf schwierige Fragen”. Und genau deshalb müssen Politiker deutlich vorleben, wie Themen demokratisch und sachorientiert aufgegriffen werden, die den Bürgern auf den Nägeln brennen.

Ein uns alle massiv bewegendes Problemfeld ist beispielsweise die Überalterung unserer Gesellschaft. Es wird zwar immer häufiger darüber gesprochen, aber schlüssige Konzepte, wie beispielsweise das Rentensystem in der Zukunft funktionieren soll, sind kaum erkennbar. Der Spruch „Die Renten sind sicher“ zieht nicht mehr. Jeder kann an den Fingern abzählen, dass bei immer weniger arbeitenden jungen Leuten das steigende Rentenvolumen nicht ausgewogen erwirtschaftet werden kann.

Kippt die Renten-Solidarität?

Die Indizien für das auf uns zukommende Kippen der Renten-Solidarität liegen bereits auf der Hand. Ganz aktuell bestätigt die UNO Japan auf Platz eins in der Hitliste der ältesten Bevölkerungen der Welt. Fast 30 Prozent sind dort älter als 65 Jahre. Mit Abstand folgen in der EU Italien mit 23,3 Prozent und Portugal mit knapp 21,9 Prozent, Deutschland mit immerhin schon 21,7 Prozent. Wir Bürger aller Altersstufen können es nicht einfach dabei belassen, diesen statistischen Tsunami bloß schlicht zur Kenntnis zu nehmen – frei nach dem Motto: „Wird schon“ oder „Weiter so“. 

Dass die Politik Dinge nicht frühzeitig anpackt, also einfach über viele Jahre schleifen lässt, kennen wir. Beispiele dafür in Deutschland sind aktuell das sträfliche Unterschreiten von Klimazielen, der schleppende Ausstieg aus der Braunkohleförderung, die Denuklearisierung der Energieversorgung, das Fehlen von Sozialwohnungen und eben auch eine geordnete und damit positiv zu begleitende Migrationspolitik.

Handeln anstatt hilflose Polemik

An diesem Schnittpunkt könnte vielleicht eine zukunftsweisende Perspektive daraus abgeleitet werden, dass die Zuwanderer junge Menschen in unser Land bringen, die sich hier integrieren und durch ihre Arbeitsleistungen auch mithelfen werden, die wirtschaftlichen Verhältnisse der Rentner zu stützen. Also mit anderen Worten: Es gehört auch zur politischen Verantwortung, sachorientiert die Dinge frühzeitig anzuschieben und eben nicht in aller letzter Minute in hilfloser Polemik zu versinken. Das ist die Verantwortung der Politiker in einer repräsentativen Demokratie. Dafür haben wir sie gewählt. 

Und es ist ebenfalls ihre unbestrittene Verantwortung, sachgerechte Kritik an Missständen zu üben. Es muss aber auch im Sinne abwägender Betrachtungen und ausgewogenem Handeln möglich sein, das Herausstellen positiver Aspekte als politische Gesamtkultur zu pflegen.

Hierfzu fielen mir  zwei konkrete Beispiele auf.

Wenn das Gute nicht mehr geschätzt wird

Der Migrationsanteil in der Altstadt des idyllischen, indes über die Jahre etwas verblühten, Rheinstädtchens Königswinter liegt bei 28 Prozent. Menschen aus 84 Nationen leben hier. Mit farbigen Standschildern als Teil der Aktion „Königsfarben“ wurde in diesem Sommer an vielen Orten in der Stadt darauf hingewiesen, aus welchen Ländern die Anwohner und Geschäftsleute stammen. Die Initiatoren verstehen ihre Aktion als Zeichen gegen Angst vor Fremden. Initiator und Künstler Helmut Reinelt: „Speziell im Rheinland hat es schon immer Migration gegeben. Die Zugezogenen kommen mit neuen Ideen, bringen Energie, Engagement, Kreativität mit.“ Der Bonner “General Anzeiger” veröffentlichte zum Thema „Königsfarben“ eine ganze Seite mit zahlreichen Fotos unter der Überschrift „Die Welt auf 240 Metern“. Das macht Stimmung – und zwar positiv.

Ebenfalls im genannten Bonner Lokalblatt finde ich Anfang Oktober ein umfängliches Interview mit dem neuen Präsidenten des Bonner Landgerichts, Stefan Weismann. Der Jurist lässt keinen wesentlichen Kriminalitätsaspekt insbesondere in den Städten Aachen und Bonn aus. Er benennt auch Missstände und fordert, dass „Regeln mit Nachdruck einzufordern“ sind. Dann aber folgt zum Ende des Interviews ein Mut machender positiver Abbinder: „Trotz aller Kriminalität leben wir in Europa in einer sehr guten Welt.“ Und er nennt einen Grund für das zuweilen ausgeprägte Meckern über angeblich überbordende Missstände: „Der Mensch neigt dazu, das Gute in seiner Umgebung nach einiger Zeit nicht mehr zu schätzen.“

Auch das Positive braucht seinen Platz

Bitte mich nicht falsch verstehen. Ich will Missstände nicht mit unangemessener Gutrederei benennen. Ich plädiere nur dafür, so oft es geht, neben die Negativ-Säule auch die Positiv-Säule zu stellen. Nicht mehr und nicht weniger. Umschalten ohne Mätzchen!

P.S.

Und ich freue mich im genannten Sinne, dass am 3. Oktober 2018 der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer feststellt: “Nie ging es uns in den neuen Ländern und eben auch im Freistaat Sachsen so gut, nie war unsere Lebenserwartung so hoch und nie stand uns die Welt so offen wie heute.”

Dieter Buchholtz