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Wirklich toll, dieser Massen-“Mut”

Shitstorms, Fan-Ausschreitungen, digitale Hexenjagden  – Produkte der Anonymität?

Alice Schwarzer

Alice Schwarzer

Damit gar nicht erst ein falscher Eindruck entsteht – das Mitleid mit Uli Hoeneß, Theo Sommer, Alice Schwarzer oder Markus Lanz hält sich in außerordentlich engen Grenzen. Wer Steuern hinterzieht (und zwar gleichgültig, ob in großem oder kleinem Umfang), ist eben kein, unsere Bewunderung verdienender, cleverer Zeitgenosse. Er handelt vielmehr schlichtweg kriminell, weil dem Staat dadurch die Mittel gestohlen werden,  die er zur Wahrung des Allgemeinwohls benötigt. Wenn dies dann auch noch Leute tun, die sich – weil prominent –  berufen fühlen, vom hohen moralischen Ross herab uns, dem tumben Fußvolk, den angeblich einzig rechten Verhaltensweg zu weisen, dann grenzt das nicht mehr nur an Unverschämtheit. Es ist in Wahrheit schlichtweg dreist. Und wenn ein TV-Moderator in einer Diskussionsrunde die elementarsten Höflichkeitsregeln außer Acht lässt, indem er seine Gäste nicht einmal aussprechen lässt, dann gehört er dafür zu Recht ebenfalls ordentlich “vermöbelt”.

Freilich hat das, was wir gegenwärtig nahezu täglich erleben, mit solchen notwendigen, kritischen Auseinandersetzungen nichts mehr zu tun. Vielmehr sehen wir uns, vor allem im Internet (und dort vorzugsweise in den „sozialen Netzen“) Vorgängen ausgesetzt, für die allmählich selbst der mittelalterliche Begriff „Hexenjagd“ nicht mehr übertrieben erscheint. Da folgen, zum Beispiel, in wenigen Tagen weit über 200.000 Menschen dem Aufruf (vom wem eigentlich?), das ZDF müsse den Talkmaster Lanz rausschmeißen; er sei nicht mehr tragbar. Und  warum nicht? Weil (so vorgeblich Volkes Stimme) er erstens mit „Wetten dass…?“ nicht die notwendige „Quote“ bringe, und zweitens die coole Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht nicht gentlemanlike behandelt habe. Nun könnte man sich natürlich fragen, was denn die Wett-Quote mit der Quassel-Runde zu tun habe. Nicht uninteressant wäre es auch zu hören, woher so viel Mitgefühl für das Mitglied einer Partei kommt, die (damals noch mit den drei Buchstaben SED) immerhin mit der DDR ein ganzes Land und einen großen Teil der dortigen Menschen zugrunde gerichtet hat.

Wie ein Tsunami

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Markus Lanz und Sahra Wagenknecht im ZDF am 16.Januar

Doch darum geht es hier gar nicht. Es geht vielmehr um das Phänomen der jeweils fast Tsunami-artigen Stürme in facebook oder twitter, wenn sich der Meute der follower die Chance bietet, sich über jemanden oder etwas zu entrüsten. Dann schlüpft der Net-Freak aus seinem User-Kokon und entpuppt sich zum geifernden Wutbürger. Das könnte man ja in Einzelfällen partiell noch nachvollziehen; die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 wären so ein Beispiel. Aber wenn es um Personen geht, wird die Sache fast gespenstig. Die aktuelle Kampagne um und gegen Markus Lanz bietet einen bizarren Anschauungsunterricht. Da brechen sämtliche Dämme der Höflichkeit, des Umgangstons, des Minimalrespekts gegenüber dem Mitmenschen – und zum Vorschein kommen in Sprache und Ton die niedersten, infamsten Instinkte.

Das trifft nicht einmal allein die (tatsächlich oder auch nur vielleicht) „schuldig“ gewordenen Ober-Promis wie den Steuersünder und Bayern-München-Boss Hoeneß, den sich so gern weltgewandt und volkserzieherisch gebenden „Zeit“-Mitherausgeber Sommer oder die nationale Suffragette Schwarzer. Als unlängst (zweifellos dämlich) der sehr viel biederere Stürmer vom Fußballclub Bayer 04 Leverkusen, Stefan Kiessling, gegen 1899 Hoffenheim das berühmte Phantom-Tor durch das Außennetz schoss und das nicht eingestand, brach ebenfalls hunderttausendfacher Hass über ihn herein, so dass er sogar für Monate seine Internet-Seite schließen musste.

Anonymität ersetzt Courage

Mittlerweile verdienen Soziologen, Psychologen und wer-weiß-nicht-noch-was-für –logen ziemlich viel Geld mit dem Versuch, diesem Verhalten auf die Spur zu kommen. Dabei liegt die Antwort eigentlich auf der Hand. Das Lösungswort heißt schlicht und einfach „Anonymität“. Anders ausgedrückt – wenn es gilt, Ärgernisse, Fehlentwicklungen, Unrecht, mangelnde Gerechtigkeit, Missstände und so weiter offen anzusprechen, die Verantwortlichen direkt, notfalls hart aber in zivilisiertem Ton anzuprangern und sie am besten mit Beweisen zu konfrontieren, dann ist die Zahl der couragierten Zeitgenossen erfahrungsgemäß sehr überschaubar. Was Wunder! Gilt es doch, so etwas wie Mumm an den Tag zu legen. (Nebenbei bemerkt: Dass es in den Leserbriefspalten der Zeitungen ziviler zugeht, hat eine einfache Erklärung. Dort achtet die Redaktion darüber, dass anonyme Zuschriften oder Beleidigungen die Kontrolle nicht passieren).

Diesem in der Gesellschaft eher unzureichend entwickelten, individuellen Schneid steht indessen ein enormer, der anonymen Menge entspringender „Mut“ gegenüber. Die gesichts- und namenlose Masse entpflichtet den Einzelnen, sich und sein Gesicht zu zeigen. Er kann, hinter dem Rücken des Vordermannes, unerkannt verbal oder mit Gesten selbst die allerschlimmste Sau rauslassen, ohne befürchten zu müssen, dass irgendjemand mit Befremden oder gar Abscheu auf ihn (oder auch sie) zeigen wird. Die auf diese Weise besonders unsozialen „sozialen Netze“ bieten dafür geradezu ideale Betätigungsräume. Der eigene Name, und damit die erkennbare Identität, bleiben hinter einer Fantasiebezeichnung verborgen, und schon kann die Dreckschleuder in Bewegung gesetzt werden.

Alles schon mal dagewesen

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Postkarten-Aktion in den NIederlanden, 1993

Nun sollte man freilich nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Will sagen: Diese menschliche Verhaltensform ist überhaupt nicht neu und schon gar nicht eine Erfindung der digitalisierten Welt. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die „Ich-bin-wütend“-Kampagne  aus den Niederlanden? 1993 war man in unserem westlichen Nachbarland wieder einmal auf die „Moffen“ wütend, weil der damalige Bundeskanzler, Helmut Kohl, dem holländischen Ministerpräsidenten Lubbers den Weg an die Spitze der EU-Kommission versperrt hatte (dass der eigentliche Lubbers-Gegner seinerzeit Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterrand war, wurde in NL geflissentlich negiert). Als dann auch noch der in der Tat fürchterliche Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus in Solingen erfolgte, wurde in den Niederlanden eine großangelegte Postkarten-Kampagne gestartet. „Ich bin wütend“, stand auf den Karten gedruckt, die in riesigen Zahlen in Schulen verteilt und Geschäften ausgelegt wurden. Im Bonner Büro des damaligen Kanzleramtsministers Friedrich Bohl stapelten sich die Säcke mit rund 1,2 Millionen dieser Postsendungen. Später war den Leuten im Land der Tulpen und Windmühlen die Sache ziemlich peinlich, zumal die dortigen Medien frühzeitig und sarkastisch den „Mut“ und „persönlichen Aufwand“ karikierten, eine Briefmarke zu kaufen und damit unter Wahrung seiner Anonymität eine bereits vorgedruckte Karte zu bestücken. Rückwirkend könnte man in diesem Zusammenhang also durchaus von einem „storm“ sprechen, dem freilich mangels unflätigen Inhalts noch das Attribut „shit“ fehlte.

Es ist daher weniger die Art der Plattform, sondern eben immer wieder dieser Schutzschirm des Unerkannt- und Unentdecktbleibens, der die Menschen zu Gemeinheiten fähig macht, die sie sich im „normalen“ Leben vermutlich nie zu tun trauen würden. Verlassen wir also einmal den Computerbildschirm und blicken in die „Fan“-Kurven der Fußballstadien. Wie viele von denen, die hinter dem Schutzwall der tausendköpfigen, anonymen Menge bedenkenlos lebensgefährliche „Bengalos“ zünden, wären wohl auch fähig,  allein und ihm Aug´ in Auge gegenüberstehend einem anderen Menschen ein Leid zuzufügen?

Besonderer Lustgewinn?

Es bereite, erklären die professionellen Seelenklempner, wohl eine besondere Art von Lustgewinn, durch einen einfachen Klick oder gemeinen Spruch dazu beigetragen zu haben, dass irgendjemand „zur Strecke gebracht“ wurde. Und dies sogar, ohne dass auch nur die Spur einer Andeutung irgend eines Schuldgefühls aufkommt. Warum denn auch? Schließlich ist die eigene Beteiligung nirgendwo sichtbar oder nachzuweisen. Wirklich toll, dieser anonyme Massen-“Mut“! Glaubt da tatsächlich noch jemand, wir Deutschen seien das Volk der Dichter und Denker? Dann allerdings wuchert im Sprachgarten von Goethe und Schiller erschreckend viel Unkraut.

Gisbert Kuhn