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Wettlauf der Miesepeter

Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Einen kurzen Moment lang schien es so, als hielte die Welt den Atem an. Und man meinte, der Schock über die Bilder der lichterloh brennenden Pariser Kathedrale Notre Dame vereine die Menschen grenzübergreifend in dem Wunsch, dass dieses Symbol für über Jahrhunderte gewachsene Kultur nicht verloren gehen dürfe. Mit einem Male schien der Matthäus-Text aus der Bibel, wonach der Mensch nicht vom Brot allein lebe, bei ganz vielen Bürgern die Erkenntnis zu wecken, dass sowohl Individuen als auch Völker über alle materiellen Bedürfnisse hinaus auch Identifikationen mit ihrem Land, vielleicht sogar dem Kontinent und deren geistigem Erbe brauchen.

So war es für eine leider bloß ganz kurze Zeit. Zu kurz jedenfalls, um auch nur einen Gedanken an Goethes „Faust“ und dessen Hoffnung zu wagen „Werd´ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön“. Denn noch während die Feuerwehr die Flammen zu löschen versuchte, setzte im „Netz“ (also in den erstaunlicherweise noch immer als „sozial“ bezeichneten Medien) der zu erwartende Wettlauf der Miesepeter ein. Ausgangspunkt war, dass drei französische Familien unverzüglich angekündigt hatten, für den Wiederaufbau des Kirchenbaus als einem der größten abendländischen Kulturdenkmäler zu spenden. Im Grunde also ein Ausdruck von lobenswertem Bürgersinn und hohem Verantwortungsbewusstsein.

Doch weit gefehlt! Das befanden jedenfalls binnen kurzem ganze Heere von Usern bei facebook, Twitter, Instagram, WhatsApp – und inzwischen auch Texter der Leserbriefseiten von Zeitungen. Allen voran (wen wundert´s?) bei uns Denn: Die drei Familien heißen Pinault, Arnault und Bettencourt. Und sie sind reich, sehr reich sogar. Ihr Vermögen geht in die Milliarden. Den Pinaults gehört neben anderen die Luxusmarke Gucci. Arnault besitzt Luis Vuitton, Moet und Hennesy. Und der Name Bettencourt steht hinter den Kosmetik-Artikeln L´Oréal. Solch ein Reichtum und dann auch noch Geld geben für den Wiederaufbau von Notre Dame – das geht doch gar nicht! Sagen wenigstens die empörten Blogger. Geld für eine zerstörte Kirche, aber nichts tun gegen den Hunger in der Welt und für die Sterbenden Flüchtlinge im Mittelmeer, wo bleibt denn da die Moral?!

Was für ein Argument. Selbst der „Stern“, der doch traditionell auch in den Suppen nach einem Haar sucht, die von glatzköpfigen Köchen bereitet werden, nennt es „irrsinnig“. Denn es lasse sich „letztlich auf jeden anwenden, der sich für wohltätige Zwecke einsetzt“. Und weil Carsten Heidböhmer, der Kulturredakteur des Hamburger Bilderblattes, das Kritikverhalten der seiner Ansicht nach „Mittelmäßigen“, „Neider“, „Besserwisser“ und „Schlechtmacher“, so trefflich beschreibt, sei er hier noch weiter zitiert: „Spendet man für Straßenhunde in Rumänien, sagen die Nörgler: Aber denkt doch an die armen Kinder in Deutschland. Unterstützt man die, heißt es: In Osteuropa sind die Kinder noch viel ärmer dran. Und was ist dann mit den Menschen in Afrika – geht es denen nicht noch viel schlechter?“

Der Autor hat Recht. Hier findet (und zwar wieder einmal) ein Wettlauf der Miesepeter statt, „der die Möglichkeiten der guten Tat immer weiter einschränkt“. Mit dem Ergebnis, dass der (weil vielleicht reiche) Wohltäter am Ende als der Dumme dasteht, während sich derjenige, der unter Umständen gar nichts tut, als moralische Instanz präsentieren kann. Besonders anregen zum Nachdenken könnte übrigens, in diesem Zusammenhang ein Instagram-Eintrag von Natascha Ochsenknecht (Ex-Frau des gleichnamigen Schauspielers Uwe), die es „traurig“ findet, „dass innerhalb kürzester Zeit über 700 Milliarden Euro an Spenden für den Wiederaufbau gesammelt werden“. Allerdings, das soll natürlich nicht verschwiegen werden, findet auch Frau Ochsenknecht, dass Kulturgut „geschützt und unterstützt werden muss“…

Nun weiß natürlich, außer den jeweils Beteiligten, niemand, ob und in welchem Maße die eifrigen Medien-User und sonstigen Kritiker von Spenden und deren Verwendung selbst soziale oder humanitäre Projekte finanziell unterstützen. Immerhin hätten sie es dann ja in der Hand, die Empfänger auszuwählen. Außerdem ist der Vorwurf absurd, „für alles“ sei Geld da, „aber genau dafür nicht“. In keinem anderen Land der Erde ist die Geberbereitschaft der Bürger so groß wie ausgerechnet hierzulande. Allein die (logisch, der Zeitpunkt) meistens in der Vorweihnachtszeit mit prominenter Beteiligung laufenden und mit Spendenaufrufen verknüpften Fernsehshows bringen den empfangenden sozialen Einrichtungen hohe Millionensummen. Ähnlich verhält es sich mit den vielen, zum Beispiel von Zeitungen ins Leben gerufenen, Sammelaktionen.

Aber genau hier ist wieder einer jener Punkte erreicht, wo man nicht so recht weiß, ob man schmunzeln oder sich ärgern soll. Denn es ließen sich trefflich Wetten darauf abschließen, dass praktisch zeitgleich mit der Bereitschaft ungezählter Bürger, ihre Börsen zugunsten humanitärer Zwecke zu öffnen, der vielstimmige Chor der Miesmacher zu intonieren beginnt. Meistens mit dem zentralen Tenor im Zusammenhang mit Großspenden: „Klar, die wollen natürlich Steuern sparen…“. Oder aber mit dem moralisch anklagenden Unterton: „Es ist eine Schande, dass ein so reiches Land wie Deutschland…“. Und dann folgen in aller Regel Aufzählungen von allen möglichen, angeblichen und auch tatsächlichen, Versäumnissen, Benachteiligungen, Ungerechtigkeiten, fehlenden Infrastrukturmaßnahmen usw., usw., usw.

Adressaten dieser (nicht selten ja auch durchaus berechtigten) Klagen, Vorwürfe oder Forderungen sind dann „die Politik“, etwas zugespitzter „die Politiker“ oder wieder eher allgemein „der Staat“. Wer sich dann freilich die Mühe macht, diese „Schand“male aufzulisten und „der Politik“ die zu bezahlende Rechnung zu präsentieren, wird ziemlich schnell zweierlei herausfinden: Erstens, dass selbst „ein so reicher Staat wie Deutschland“ hoffnungslos überfordert wäre. Und, zweitens, dass sich viele Forderungen entweder inhaltlich im Wege stehen, oder aus Gründen von staatlich unabwendbarer Politik unerfüllbar sind. Es wird sich rasch zeigen, dass ein so rasch dahingesagter Wunsch wie „Gerechtigkeit“ absolut gesehen nie umgesetzt werden kann, weil es „die eine Gerechtigkeit“ nicht geben kann. Sie scheitert ganz einfach an den ungezählten Individual- und Gruppeninteressen, die zumeist ja auch legitim sind, aber in einer Gesellschaft eben keineswegs von Allen geteilt werden.

Dies zu erkennen, vernünftig damit umzugehen, sich auch häufiger mal gedanklich in die gegnerische Position zu versetzen, den nicht selten wie ein Totschlagargument verwandten Begriff „Gerechtigkeit“ vielleicht öfter durch „Ausgleich“ zu ersetzen, vor allem sprachlich (nicht nur, aber auch sehr) im „Netz“ abzurüsten – das sind nicht nur Grundelemente einer gelebten Demokratie. Es sind eigentlich die simplen Werte des Zusammenlebens in einer kultivierten Gesellschaft. Man kann sie auch Anstand, Erziehung oder Kinderstube nennen. Das wäre zwar altmodisch, aber durchaus zweckdienlich im Alltag, im Beruf und auch in der Politik. Dann würde auch ein Reicher für die Erhaltung eines Kulturgutes oder gegen den Hunger in der Welt spenden dürfen, ohne dass sofort Neider, Querulanten und Miesmacher auf der Platte erscheinen.