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Warnmarken und Katastrophen

Schatten über dem touristischen Rosarot

Autor Dieter Buchholtz

Endlich Urlaub. Unser Standort auf Zeit ist ein 1.600-Seelendorf. Vor uns die Ostsee. Hinter uns Mecklenburg Vorpommern. Ein Blick auf das ruhige Meer: Im Südwesten können wir das Seebad Warnemünde ahnen. Richtung Nordosten zieht sich ein endlos langer Sandstrand hin zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Im Mehrsterne-Wellness-Hotel sind für uns Achtsamkeit für Psyche und Physis angesagt. Also Urlaub pur. Einfach fallen lassen.

Unser rosaroter Urlaubsblick sieht eine fast südseeähnliche Strand- und Dünenlandschaft. Ungestörte weitläufige Blicke. Ein hoher und makellos blauer Himmel. Wir können uns nicht erinnern, dass die Sonne je so gebrannt hat. Seit Wochen ist das schon so – und es soll auch weiter so bleiben. Die Tagestemperaturen bewegen sich zwischen 34 und 37 Grad Celsius.Von zu Hause im Rheinland hören wir, dass wohl die 40 Grad erreicht werden. Immer öfter ziehen wir uns hinter die Dünen zurück und erfrischen uns in kleinen Restaurant-Katen. Hier loben Touristen die herrliche Feriengegend.

Fast hinter vorgehaltener Hand fällt öfter mal das Wort Klimawandel. Von früheren DDR-Bürgern hören wir nach längeren Small Talk-Geschichten von damals tödlichen Fluchtversuchen aus der DDR Richtung Dänemark… Einer zieht sogar den politischen Erinnerungsbogen von Nazi-Funktionären, die nahtlos in die DDR-Bürokratie gewechselt sind und andere, die nach dem Fall der Mauer bis heute in Amt und Würden geblieben sind. Schatten legen sich über das touristische Rosarot unserer Flucht vor dem Alltag.

Gebannter Blick auf Kipp-Punkte

Flucht in den klimatisierten Leseraum des Hotels. Hier erwischt mich kalt und urlaubsmäßig völlig unpassend zweimal ein Lesestoff, der mit „Die Warnmarken waren da“ überschrieben sein könnte. Im ersten Fall geht es um die menschengemachte globale Erwärmung. Sie ist inzwischen 100 mal größer als bei historischen natürlichen Klimaveränderungen. 150 Jahre Industralisierung fordern – wir spüren es von Jahr zu Jahr stärker – ihren Tribut. Wie gebannt schauen wir heute auf Kipppunkte. Und dazu könnte im schlimmsten Fall auch die sengende Sonne an der mecklenburg- vorpommerschen Küste gehören. Dürfen wir uns ab diesem super heißen Jahr überrascht geben? Eigentlich nicht, denn es hat ja wohl genug Warner gegeben.

Einer von ihnen ist der US-Forscher Gerald Meehl. Der Klimawissenschaftler hat bereits 2004 eine Studie veröffentlicht, die sich heute wie eine präzise Vorhersage liest. Im Kern ist alles eingetroffen und es wird weiter vermutlich passieren. Was wir erleben, „ist keine Mysterium“, sagt Meehl. Gemeint sind weltweit immer wieder neue Hitzerekorde und deren Opfer. Sibirien erreicht 32 Grad, im algerischen Quargla werden 51,3 Grad gemessen. Die statistischen Auffälligkeiten nehmen dramatisch zu.Wir steuern ganz offensichtlich hin auf den gefährlichen Klimawandel.

Dominoeffekt durch das „Weiter so‘“

Überrascht? Vermutlich kommt zumeist ein Jein. Ja, es stimmt, dass zu Beginn dieses Jahrhunderts aufkommende Mahnungen vor den Gefahren eines Klimawandels als Katastrophen-Journalismus oder sogar Panikmache abgetan wurden. Es waren aber zumeist Fachleute und seriöse Studien, die uns vor einem Viertel-Jahrhundert unübersehbare Warnmarken aufgestellt haben. Wie oft haben wir gehört, dass die Meere steigen werden, dass es immer häufiger Extremwetterlagen geben wird, dass die Polkappen schmelzen, also immer mehr Naturkatastrophen unser Leben bedrohen werden. Irgendwie wollten wir (aber vielleicht auch nur ich) das nicht hören und sehen. Man kann und will sich einfach nicht vorstellen, dass die Ostsee steigt und Norddeutschland überschwemmt wird.

Gerade aber lehrt uns ein Extremsommer, was es bedeutet, wenn die sengende Hitze immer mehr Alltagstätigkeiten negativ beeinflusst, wenn die über Wochen andauernde Trockenheit Bäume sterben lässt und verheerende Blitzfeuer Leben gefährden oder sogar auslöschen. Vielleicht sind das die letzten Kipp-Punkte, bevor ein ebenfalls von Fachleuten prognostizierter unumkehrbarer Dominoeffekt startet, der – um es vorsichtig auszudrücken – unseren Planeten so verändern wird, dass die folgenden Generationen sich wohl mitten in der Umwelt- Katastrophe fragen werden, warum die Elterngeneration nicht genug gegen diesen mörderischen und von Menschen verursachten Klimawandel gemacht hat. Ich bin skeptisch, dass wir die dringend erforderderliche Umkehr schaffen, wenn am laufendem Band die immer wieder nachkorrigierten Notziele so gut wie nie erreicht werden. Offensichtlich nehmen wir die weltweit erkennbaren Warnmarken nicht ernst. Das „Weiter so“ stürzt uns sehenden Auges in den Abgrund einer globalen Klimakatastrophe.

Rassismus von unten

Im zweiten Fall geht es um Antisemitismus. Mein Blick schweift Entspannung suchend aufatmend wieder über die Ostsee. Hier hat sich, so lese ich in einem aktuellen Buch, etwas ereignet, was ich bisher eher im Jahr 1933 festgemacht habe. In einigen Ostseebädern entwickelte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Rassismus von unten. In diesen kleinen Nestern wucherte still und schleichend ein Antisemitismus heran, der beispielweise in Heiligenhafen in der Überlegung gipfelte, erhöhte Gebühren von jüdischen Badegästen einzutreiben. 1920 wurde im Ostseebad Zinnowitz ein Zweckverband zur Freihaltung des Ostseebades „für deutschblütige Gäste“ gegründet. Und es fehlte dann dort auch nicht das riesige Schild „Judenrein“. Das Strandhotel in Binz auf Rügen empfahl sich bereits deutlich vor 1933 mit Hakenkreuzfahnen…

Vor mir auf dem kleinen Tisch liegt als Quelle für die so früh bereits heraufziehende Vergiftung der Gesellschaft mit Nazi-Parolen das soeben erschienene Buch von Kristine von Soden „Ob die Möven manchmal an mich denken?“ Die Hamburgerin und promovierte Geisteswissenschaftlerin schildert nach intensiven Recherchen, wie schon im wilhelminischen Kaiserreich in den Seebädern Stimmung gegen Juden gemacht wurde. Und genau diese Denkungsart nahm – wie wir wissen –  nicht nur in deutschen Seebädern Fahrt auf.

Hört und seht die Signale

Und wo waren Warnmarken für die folgenden späteren und so unfassbar schrecklichen Ereignisse? Es gab sie und sie sind bis heute mahnende Dokumente zu einer gefährlichen und frühzeitigen Stimmungsmache. Die Mitglieder beispielsweise des 1893 in Berlin gegründeten „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ beklagten sich in zunehmendem Maße über Beleidigungen und Pöbeleien. In solcherart teilweise hassgesteuerter Stimmunsgmache gedeihen bekanntlich bösartige Kraken, die selbst vor Mord nicht zurückschrecken. Die nationalsozialistische Zeit ist der bittertraurige Beweis dafür.

Die Warnmarken zu einem katastrophalen Klimawandel oder zum möglichen gefährlichen Stimmungsumschwung in unserer Gesellschaft stehen ziemlich deutlich sichtbar. Wir sollten sie ernst nehmen. Die demokratische Verfasstheit in unserem Land gibt hoffentlich die Gewähr dafür, dass dies gelingen kann, ja gelingen muss.

Ach übrigens: Kaum sind diese Zeilen geschrieben, liefert das Dänische Meteorologische Institut Daten, wonach die durchschnittliche Wassertemperatur der Ostsee im Juli-Mittelwert 2018 auf 20 Grad gestiegen ist. Einfach ein Rekord? Oder eine neue Warnmarke?

Dieter Buchholtz