--- Anzeige ---
WebHosting von Host Europe

Von Heilern, Bäckern und Scharlatanen

Kantel-Farbe Kopie

Autor Dietrich Kantel

Sonnen-Globuli vom Bäckermeister Ihres Vertrauens, in 2000 Stunden heliopathisch-energetisch veredelt? Nutzen Sie den „Aura-Balance-Akku“ zu 224,- Euro das Stück?  Suchen Sie Linderung durch eine homöopathische D-60 Lösung, in der nichts enthalten ist? Oder setzen Sie für eine „Entschlackung“ eher auf 20 Minuten gekochtes Quellwasser? Versinken die Deutschen in der Irrationalität? Schaun wir mal nach in dieser Zauberwelt.

Der Heilpraktiker

Vielleicht hat Ihr bisheriger Beruf Sie nicht wirklich ausgefüllt. Als Maurermeister,  Außendienstler oder auch als Jurist. Sie sollten es als Heilpraktiker versuchen. Eine vor allem deutsche Spezialität eines Heilberufes. Eine akademische Ausbildung ist dafür nicht erforderlich. Das vereinfacht den beruflichen Neustart. Ging das Statistische Bundesamt 2011 noch von 35.000 praktizierenden Heilpraktikern aus, waren es 2013 bereits 40.000 und für 2015 gehen Marktbeobachter von 43.000 dieser Gewerbetreibenden in Deutschland aus. Die Süddeutsche Zeitung sprach angesichts dieser Entwicklung unlängst von einer Heilpraktikerschwemme.  Doch der Markt scheint weiterhin Potential nach oben zu haben. Der Umsatz der Branche ist schwerlich genau zu beziffern. Bestimmte Annahamen zugrunde gelegt, dürfte er sich jedoch irgendwo im Bereich zwischen fünf und zehn Milliarden Euro bewegen. Jährlich. Das erfreut den Fiskus, denn es fällt ordentlich Gewerbesteuer an.

Das Heilpraktikergesetz, das die minimalen Voraussetzungen für eine staatliche Lizensierung regelt, stammt aus dem Jahr 1939. Aus den Beratungen über dieses Gesetz geht hervor, daß man den Berufsstand schon damals nicht mehr für „zeitgemäß“ hielt angesichts der rasanten Entwicklung, die die Medizin und die Ärzteausbildung bereits seinerzeit nahm. Das Nazi-Regime wollte jedoch bestimmte Bevölkerungskreise nicht verstimmen. Deswegen schuf man eine „positive“ Zulassungsregelung, ging aber davon aus, daß der Berufsstand mittelfristig bestimmt aussterben würde. Indesssen – das als Auslaufregelung gedachte Gesetz aus dem Jahre 1939 hat, leicht verändert, bis heute überlebt.

Hauptschulabschluß reicht

Eine gesetzliche Ausbildungsregelung für Heilpraktiker gibt es nicht. Lehrgänge werden von den 13 Berufsverbänden angeboten. Eine Teilnahme ist jedoch rein freiwillig. Die Voraussetzungen für eine „Staatliche Zulassung” zum Beruf des Heilpraktikers übersteigen kaum die gesetzlichen Anforderungen, die von einem Kneipenwirt verlangt werden: Voraussetzung für die Erlaubnis ist nach Paragraph 2 der ersten Durchführungsverordnung zum Heilpraktikergesetz (HeilprGDV 1) ein Mindestalter von 25 Jahren, ein Hauptschulabschluß und die gesundheitliche Eignung sowie die “sittliche Zuverlässigkeit”; nachzuweisen durch ärztliches Attest und polizeiliches Führungszeugnis. Sodann meldet man sich beim örtlichen Gewerbe(!)Amt, beantwortet erfolgreich 60 Fragen und schon kann es losgehen.

Geschüttelt, nicht gerührt: galaktische Dimensionen

Sie verordnen dem Patienten dann vorzugsweise homöopathische Mittel. Die sind, zumeist in Flüssigkeit gelöst und Fläschchen abgefüllt, soweit verdünnt, dass der enthaltene natürliche Grundstoff jedenfalls nicht mehr schädlich ist. Gehandelt werden sie vorzugsweise in „D-Potenzen“ von D-1 bis D-1000. Kaufen kann das jeder in der Apotheke, oberhalb einer D-4 Potenz, ohne (ärztliche) Verordnung. Mit einem, insoweit nicht erforderlichen Rezept, erhält die Anwendung jedoch gewissermaßen höhere Weihen.  Spätestens oberhalb der Potenz D-24 enthält das erworbene Fläschchen kein einziges Molekül des chemischen Ausgangsstoffes mehr. Genauer gesagt: das letzte verbliebene Molekül der Urtinktur ist noch irgendwo. Aber mit Sicherheit nicht in Ihrem Fläschchen. Bildlich erklärt: Die Verdünnung D-24 bedeutet, daß ein Tropfen eines Stoffes im 100.000-fachen Volumen des Atlantiks verdünnt wurde; bei D-60 entspricht die Mischung dem eines Stücks Würfelzucker im Verhältnis zum Massevolumen von mehreren Milliarden Galaxien.

Begründet wird eine Wirksamkeit im wesentlichen mit dem „Wassergedächtnis“. Kurz: Wasser besitzt Erinnerungskraft. Die Wassermoleküle der Mischung erinnern sich gewissermaßen, daß irgendwann auf dem Verdünnungsweg einmal ein Wirkstoffmolekül bei ihnen vorbeigeschaut hat. Und dessen Wirkung geben sie per Erinnerung an den Patienten weiter. Ganz wichtig für die Wirksamkeit: es ist vorgeschrieben, daß die ständig weiter verdünnte Flüssigkeit nicht nur durch Rühren vermischt wird. Entscheidend ist am Ende: unbedingt zehnmal Klopf-Schütteln. Sonst taugt alles nichts. Eine Wirksamkeit homöopathischer Mittel oberhalb allgemein bekannter Plazebo-Effekte konnte in hunderten klinischen Untersuchungen bis heute übrigens noch nie nachgewiesen werden…

Sonnenglobuli: die Wirkkraft der Sonne

Ein Bäckermeister aus dem Schwarzwald war mit seinem Geschäftsergebnis nicht mehr so recht zufrieden. Back-Shops und Industriebackware machten ihm zu schaffen. Aus guten Jahren besaß er jedoch ein Ferienhaus in Andalusien. In der „Bäckerblume“ las er etwas über die heliopathische Wirkung der Energie der Sonne. Darüber sinnierend kombinierte er: Teig hab ich und die Sonne scheint in Andalusien im Übermaß. Da formte er nach und nach zigtausende kleine Teigkügelchen und ließ diese drei Monate von der spanischen Sonne bescheinen. Dann füllte er sie in Tüten und verkaufte diese „Globuli“ an seine sonnenhungrige Kundschaft. Seine Botschaft: Meine Globuli haben die heilende Kraft der Sonne getankt. Heliopathisch-energetisch nehmen Sie diese Wirkkraft in sich auf. Depressionen, Abgespanntheit, Weltschmerz und seelisches Ungleichgewicht gehören beim regelmäßigen Verzehr der Vergangenheit an. Die Kunden waren beeindruckt und rissen ihm die Kügelchen aus den Händen. Das sprach sich herum. Anfragen kamen nun auch von auswärts. So vermarktete er seine Globuli alsbald auch online. Etwa eine 500er Packung zu 38,80 Euro zzgl. Versandkosten und Mehrwertsteuer. Natürlich nur zum verminderten Steuersatz von 7%. Schließlich sind es ja nur Lebensmittel. Seine Bäckerei läuft seither wieder wie geschmiert…

Der Aura-Balance-Akku

Vom Schwarzwald nach Köln-Mülheim. Eine Messe in der Stadthalle: „Spiritualität und Heilen 2016“. Luft und Wasser seien vergiftet bis zur Unendlichkeit, verkündet da eine Ausstellerin. Gefährliche Strahlungen durchseuchten die Luft. Ärzte dürften darüber nicht sprechen. „Sie wissen schon: staatliche Anordnung“. So preist sie denn ihr einzigartiges Produkt an „für vollkommene Gesundheit“. Durch eine Anwendungsart würden Luft und Wasser gereinigt. Und das andere: nachts lege man ihr Produkt unter die Matratze. „Dann werden sie im Schlaf geheilt“. Was sie anpreist nennt sie „Aura-Balance-Akku“. Es handelt sich um eine Din-A-4-Pappe, die mit einem silbergrauen Kunststoff überzogen ist. Die Produktauskunft besagt, daß diese mit „subatomarer Information“ angereichert ist. Was das genau ist, bleibt im Dunkeln. Jedoch heißt es bedeutungsschwanger „35 Jahre Forschung aus der Quantenphysik“.

Der Erfinder/Entdecker sei ermordet worden. Wie es genau wirke, wisse die Ausstellerin nicht und verstehe es auch nicht. Zu kompliziert. Das sei ja auch egal. „Aber es wirkt halt“. Das Pappstück ist für 224,- Euro zu haben. Mehrere Stücke gehen an diesem Tag im Barverkauf über den Tisch…

Entschlackung, Entgiftung und ein Gedächtnisschwund

„Wellness“ gilt gewissermaßen als die kleine Schwester der Heilkunst. Kaum ein Hotel der höheren Kategorie, das nicht auch einen Wellness-Bereich mit einem Wellness-Programm anbietet. Die Umsätze boomen. Immer mehr reine Wellnes-Hotels schießen aus dem Boden. Suchende Menschen, vom Beruf oder auch nur vom normalen Leben gestreßt, finden dort nicht nur Angebote zur Entspannung. Kneipp-Kur war gestern. Heute ist „Entschlackung“ und „Entgiftung“ angesagt. Da ist während des Aufenthaltes Fleischkonsum schon mal grundsätzlich vom Menüplan gestrichen. Ist gewissermaßen „Pfui“. Diese Wellness-Einrichtungen sind keine Billigheimer, getreu der rheinischen Redensart: „Watt nix kost´, is nix“. Entbehrungsreich ja. Aber teuer muß es sein. Sonst glaubt der Gast möglichweise nicht an die Wirkungen der Angebote. Das alles natürlich in erlesenem Ambiente, von romantisch bis elegant. Jedenfalls in den Hotel-Oasen, die sich unter dem Label der „Wellness-Spa-Resorts“ zusammengeschlossen haben, auf 4-Sterne-Plus und 5-Sterne-Niveau. „Entschlackung“ und „Entgiftung“ stehen ganz oben im Angebot. Das ist nicht erst seit Altkanzler Kohl „en vogue“. Wobei die Erfolge bei ihm nie so recht erkennbar wurden. Unter seriösen Internisten und Ernährungswissenschaftlern ist solche Entgiftung-Entschlackung, gelinde ausgedrückt, mehr als umstritten. Wissenschaftlich nachgewiesene Effekte solcher „Behandlungen“ konnten bisher nicht nachgewiesen werden.

Jedoch scheint das bei den Erholungssuchenden keine größere Rolle zu spielen, und die Anbieter freut diese Einstellung. Trotz ständig steigender Lebenserwartung hat in Deutschland die Angst Platz gegriffen, heute sei ja alles so schadstoffbelastet und vergiftet, dass man persönlich dringend gegensteuern muß. Zum Beweis der ganz besonderen Kompetenz liest man da in den Angeboten einer solchen Luxus-Oase etwa, dass man exklusiv zu einer nochmals gesteigerten Effizienz der Entschlackung und Entgiftung des Körpers ihren Gästen ein über 20 Minuten abgekochtes Wasser aus der hoteleigenen Heilquelle verabreiche. Aus der Sicht eines Homöopathen stellt sich hier aber mindestens die Frage: hat ein so rüde behandeltes Wasser denn dann noch ein Gedächtnis…?

Aber, wie schon gesagt: Watt nix kost´, is nix. Und kosten tut´s in dem hier angesprochenen Fall ganz ordentlich: das 9-Tage-Super-Wellness-Programm ist schon für rund 4.500 Euro zu haben. Pro Person.

Dietrich Kantel