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Unfähig zur Vernunft?

 Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Nein, es ist keine Angst. Das sich immer mehr ausbreitende Gefühl ist viel bedrängender. Denn es vereint in sich gleich eine Reihe unangenehmer Erfahrungen, Empfindungen, Vorahnungen, Sorgen. Hingegen wird Angst beim Grübeln gar nicht erst Zutritt gewährt zu den „kleinen grauen Zellen“, die Agatha Christies genialer Detektiv Hercule Poirot so gern zum Lösen seiner kniffligen Fälle bemühte. Angst löst keine Probleme. Sie ist, im Gegenteil, ein miserabler Ratgeber, weil sie zur Schockstarre führt und damit der dringend notwendigen Vernunft den Weg in die Köpfe blockiert.

Man soll, so heißt es ja, nicht auf andere zeigen, sondern zunächst einmal bei sich selber nachschauen. Nun  ist es gewiss keine unziemende Übertreibung, wenn man uns Deutschen einen gewissen Hang zu Panik und Zukunftskleinmut nachsagt. Es muss nur das richtige Passwort kommen: Kriegstreiberei, Waldsterben, Klimakatastrophe. Das innere Gefühl rät zu Zaghaftigkeit, das rebellische Ego zum Protest – und schon  gehen (von diesem Emotionsgemisch getrieben) Abertausende auf die Straßen und Plätze, bilden über hunderte von Kilometern Menschenketten und belegen ihre Position als bessere, weil friedensbewegte Menschen mit dem Ruf „Ich habe Angst“. Stimmt nicht? Oh doch, man muss bloß ein bisschen älter sein oder sich für jüngere Geschichte interessieren. Wer das täte, käme vielleicht – wenigstens kurzzeitig – ins Grübeln.

1987, also vor gerade einmal 32 Jahren, folgte rund eine halbe Million Menschen dem Aufruf einer Bürgerinitiative, auf der Bonner Hofgartenwiese gegen die von der Bundesregierung geplante Volkszählung zu demonstrieren. Auch in anderen Städten wurde massenhaft gegen die angebliche politische Absicht protestiert, bei uns den „gläsernen Menschen“ und den „totalen Überwachungsstaat“ schaffen zu wollen. Tatsächlich erkundigten sich die Fragebögen nach der Art der Heizung in Privat- und Mietwohnungen, forschten nach der Staatsangehörigkeit und wollten wissen: „Benutzen Sie öffentliche Verkehrsmittel“. Von Ausspähungen intimer Privatangelegenheiten keine Spur, aber die Massen auf dem Hofgarten schrien trotzdem ihre Angst davor in den Bonner Himmel – ohne die „schrecklichen“ Fragen jemals gelesen zu haben.

Damals, vor drei Jahrzehnten, gab es natürlich noch keine Handys, geschweige denn Smartphones. Die Vorstellung, zu jeder Zeit und von jedem Ort Fotos und persönliche Angaben von sich und anderen in die Welt jagen zu können, wäre nicht einmal irgendjemandem im Traum erschienen. Als futuristisches Schreckgespenst galt (und das auch nur literarisch bewanderten Zeitgenossen) allenfalls George Orwells futuristischer Roman „1984“, in dem ein diktatorischer „großer Bruder“ sein Volk mit Kameras und Mikrofonen Tag und Nacht überwacht. Wer das Werk heute liest und es mit der Gegenwart vergleicht, wird wahrscheinlich nur müde lächeln. Die Wirklichkeit ist darüber hinweg geschwappt und hat längst neues Denken und Handeln entstehen lassen. Bedenkenlos wird praktisch alles „gepostet“. Nicht mehr die Privatsphäre gilt als „heilig“, sondern die Zahl der Klicks und followers als Maßstab gesellschaftlicher Anerkennung. Nicht der Staat macht die User „gläsern“. Sie tun es selber mit Begeisterung, pfeifen auf Wahrung von Individualität.

Das „Netz“ hat, keine Frage, die Herrschaft in der Welt übernommen. Es musste sich die Macht nicht einmal gegen irgendwelche Widerstände erkämpfen. Niemand warnte vor grenzenloser Überwachung, keiner organisierte Demonstrationen gegen alle möglichen Gefahren der Beeinflussung. Eines Tages war „das Netz“ da und zog die Menschen rund um den Erdball magisch in seinen Bann. Na gut, es gibt noch ein paar Leute, die sich um Datenschutz sorgen. Aber die fechten einen vergeblichen Kampf. Man kann mit seinem Handy jederzeit überall geortet werden? Na und? Ist doch egal. Die Erfindung der kleinen Elektronik-Box hat die Welt verändert. Und man mag es glauben oder nicht – das Smartphone hat auch wesentlichen Einfluss auf die Flüchtlingsströme aus Nahost und Afrika. Selbst der Hungrige besitzt inzwischen ein solches Gerät, und das sagt ihm, dass es anderswo Länder mit einem besseren Leben gibt.

Vor 45 Jahren, also fast einem halben Jahrhundert, erbebte die damalige westdeutsche Republik unter den Protesten und Demonstrationen der so genannten Friedensbewegung. Erinnert sich noch jemand daran? Die seinerzeit noch existierende Sowjetunion hatte Atomraketen mit mittlerer Reichweite entwickelt und aufgestellt, die – im Kriegsfalle – vor allem deutsches Gebiet getroffen hätten. Der Sozialdemokrat Helmut Schmidt, damals Bundeskanzler, hatte frühzeitig erkannt, dass diese Waffensysteme von Moskau gedacht waren, das strategische Gleichgewicht zwischen Ost und West politisch zu verändern. Auf Schmidts (und später seines Nachfolgers Helmut Kohl) Drängen antwortete die NATO mit dem „Doppelbeschluss“, der entweder russische Ab- oder amerikanische Nachrüstung zum Inhalt hatte.

Proteste ohne Ende in der Bundesrepublik. Die machtvollste Demonstration fand wieder auf dem Bonner Hofgarten statt. Am Ende knickten die Sowjets ein – gewiss nicht wegen der zumeist anti-amerikanischen Massenproteste in den westlichen Ländern, sondern als Ergebnis jahrelanger Verhandlungen, vor allem aber, weil inzwischen mit Michail Gorbatschow ein Mann im Kreml eingezogen war, der erkannt hatte, dass sein herunter gewirtschaftetes Weltreich ein weiteres Wettrüsten nicht durchstehen würde. Es gab den Vertrag zwischen Moskau und Washington über das Verbot der Entwicklung und Herstellung atomarer Raketen (INF) mit mehr als 500 Kilometer Reichweite. Und ausgerechnet dieser Vertrag , ein wesentlicher Garant für den Frieden während der vergangenen 45 Jahre, ist jetzt gekündigt worden. Zunächst von US-Präsident Trump, weil Russland das Abkommen angeblich verletzt habe. Sofort danach allerdings auch von Wladimir Putin. Hatte der am Ende nur auf eine derart günstige Gelegenheit gewartet?

Nein, auch beim Schreiben dieser Zeilen kommt keine Angst auf. Keine Panik, dass an der Moskwa oder am Potomac jemand vielleicht so nebenbei auf den falschen Knopf drücken könnte. Was sich allerdings bemerkbar macht, ist Sorge. Ist das mit Hilf- und Fassungslosigkeit gepaarte Erkennen, dass die Menschen ganz offensichtlich wirklich nichts lernen aus der Vergangenheit. Und zwar selbst dann nicht, wenn diese erst ganz kurze Zeit zurückliegt. Wo war (vor allem im Deutschland) die auf Rationalität und kühler Vernunft gründende Einsicht, dass die Übersetzung von „Friedensdividende“ nicht nationale Wehrlosigkeit und – siehe Zustand der Bundeswehr – Abkehr von praktisch jeglicher Verteidigungsfähigkeit sein kann? Wo lässt sich, wenn schon nicht Massenbewegung, so doch wenigstens Unruhe  gegen neuen Rüstungswahn spüren? Wo sind die europäischen Völker, die nicht am liebsten die nationalistische Karte spielen und (Putin, Trump, Orban, Kaczynski Erdogan u. a.) „starke Männer“ mit erkennbarem Hang zu Willkürherrschaft aufs Schild heben? Sondern die lautstark eintreten für Erhalt, Ausbau und Kräftigung dieses Kontinents, der doch nur geschlossen ein vernehmbares Wort im dissonanten „Konzert“ rund um den Erdball mitreden kann?! In einem Konzert, in dem auch noch mehr und mehr der Taktstock von einem mächtig auftrumpfenden Newcomer namens China geführt wird.

Im Gegensatz zu den Tieren ist dem Menschen die Fähigkeit zum Denken gegeben worden. Verbunden mit Logik und Vernunft. Heißt es wenigstens. Wirklich? Da schert mit Großbritannien ein wichtiger Partner aus dem europäischen Verbund aus. Das allein wäre schon bitter genug. Aber dass die dortigen Bürger in ihrer Mehrzahl billigsten und primitivsten Lügenkampagnen folgten, macht fassungslos. Und dass ausgerechnet in Deutschland wieder Horden von Glatzköpfen mit Hitlergruß und antisemitischen wie auch fremdenfeindlichen Parolen, sogar von Beifall begleitet, durch die Straßen marschieren (dürfen), ist beschämend und macht wütend. Galt nicht in diesem Lande   einmal der Schwur „Nie wieder!“? Wo ist sie geblieben, die Vernunft? War sie am Ende vielleicht immer nur ein Wunschbild?