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Und es soll am deutschen Wesen…

Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Ob der lübecker Dichter Emanuel Geibel in Deutschland heute noch über eine gewisse Bekanntschaft verfügt, ist eher fraglich. Mit Sicherheit jedoch tun es die beiden Schusszeilen seines 1861 verfassten Gedichts „Deutschlands Beruf“.  Sie lauten: „Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen“. Mit „Beruf“ hatte der „harmlose Geibel“, wie ihn Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, einmal nannte, nicht etwa die Aufforderung zur Weltherrschaft gemeint, sondern vielmehr das Ende der deutschen Kleinstaaterei und damit den Vollzug der nationalen Einheit ersehnt.  Dass der Genesungswunsch allerdings einmal eine (auch noch moralisch untermauerte) Volksbewegung in Gang setzen würde, hätte sich der hanseatische Lyriker gewiss nie erträumt.

Geibels Text ist im Verlauf  der Jahrzehnte oft und von Vielen missdeutet worden – zumeist bewusst, mitunter auch einfach gedankenlos. So wie es vermutlich gegenwärtig in unserem Land der Fall ist. Fast panisch getrieben von der Sorge, das Klima werde schon bald völlig außer Rand und Band geraten und das Wetter mit wahlweise Sintfluten oder Wüsteneien die Erde unbewohnbar machen, zeigen wir Deutschen (oder zumindest erkleckliche Teile unserer Gesellschaft) der restlichen Erdbevölkerung (also rund 99,5 Prozent),  wo das Heil der Welt liegt und wie es zu erreichen ist. Und das erscheint – je nach Alter – erstaunlich einfach:  Die Jüngeren finden in einer jungen Schwedin eine Quasi-Heilige, die den Politikern, Industriellen und der Wirtschaft allgemein ordentlich den Kopf wäscht. Und die Älteren gruseln sich wohlig bei unheilschwangeren Disputen über das mörderische Gas Co².

Selbstverständlich gilt das nicht für alle Deutschen. Und damit nicht von vornherein ein Missverständnis entsteht – die Zeilen oben mögen sich vielleicht so lesen, als wolle der Artikel die dramatischen Veränderungen in Natur und Umwelt leugnen, als wolle er sich gar lustig machen über Jene, die mit berechtigter Sorge beobachten, wie rasant nicht nur die polaren Eisberge schmelzen, sondern auch die uns viel näher liegenden Gletscher in den europäischen Alpen. So ist es selbstverständlich nicht! Hier richtet sich auch kein einziges Wort gegen die natürlich für jedermann sichtbaren Versteppungen und zunehmenden Wüstungen, wodurch wiederum ungezählten Menschen die Lebensräume genommen werden.

Ganz im Gegenteil. Gerade weil diese Erde in hohem Maße bedroht ist, gilt es dringend, die Ursachen dafür zu beseitigen. Durch Forschung, Entwicklung, Technik, entsprechende Investitionen, Vernunft und – nicht zuletzt – eigenes Verhalten. Besonders durch Letzteres! Und zwar ernsthaft. Das heißt: Nicht nach dem beliebten Spruch „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. Was jedoch beobachtet der aufmerksame Zeitgenosse Tag für Tag? Ein massenhaftes Verhalten, das – je nach Geschmack – als dubios oder auch einfach scheinheilig gewertet werden muss. Alle Welt klagt, jammert, beschuldigt, attackiert irgendwen und irgendwas wegen der (ja tatsächlich vorhandenen) Verkehrsverstopfungen, Luftverschmutzungen, Lärmerscheinungen und vielem anderen mehr. Und ja, selbstverständlich lassen sich genügend diverse Verursacher benennen. Diese – etwa Pendler oder Automobilisten überhaupt – stehen ja auch schon ordentlich am öffentlichen Pranger.

Aber nehmen wir doch als ein anderes Beispiel die aktuelle Diskussion um den Vorschlag einer Gruppe von Wissenschaftlern der Universität Bamberg, die bisher kostenfreien Retouren aus dem online-shopping in Zukunft mit einer wenigstens geringen Transportgebühr zu belegen. Fast 500 Millionen Artikel haben die Deutschen im vergangenen Jahr zurückgehen lassen. Eine halnbe Milliarde! Das muss man sich mal langsam auf der Zunge zergehen lassen. Also Waren, die zunächst einmal vom Versender zum Kunden und anschließend größtenteils wieder umgekehrt befördert wurden. Die Zahl ist vermutlich sogar noch untertrieben. Was dabei, völlig sinnlos, an Treibstoff verbraucht und entsprechend an Abgasen in die Luft geblasen wurde, mag sich jeder selbst ausmalen. Müssten die Rücksendungen von den Kunden bezahlt werden, schätzen die Forscher einen Rückgang um mindestens 16 Prozent. Das wären immernin etwa 80 Millionen Retouren weniger. Eigentlich eine sehr vernünftige Sache. Ist es für einen Kunden (natürlich auch eine Kundin) wirklich notwendig, sich zehn Hosen oder Blusen zur Auswahl schicken zu lassen, wenn doch nur eine einzige benötigt wird?

Jeder hat sich bei der Suche nach einem Parkplatz vermutlich schon mal schwarz geärgert, wenn so ein dicker SUV anderthalb Plätze blockierte. Nun könnte naürlich wieder so eine von der Vernunft diktierte Frage hochkommen, ob in Flachländern oder selbst hügeligen Landschaften solche geländegängigen Brocken wirklich gebraucht werden. Ob sie, vor allem, unverzichtbar sind beim morgendlichen Abliefern der Kinder bei der Kita oder vor der Grundschule. Alles berechtigte Fragen. Aber dass zur gleichen Zeit diverse Umwelt-, Klima- oder Luftschützer anklagend auf die Hersteller solcher Fahrzeuge weisen – das verschlägt denn doch den Atem. Wer kauft die Dinger denn? Bei den Preisen sind es doch gut verdienende Einzelpersonen oder Familien aus der – zumeist gebildeten – Mitte unserer Gesellschaft. Von diesen Kreisen möchte man Klagen über die Gefährdung unserer Erde wirklich nicht hören.

„Geiz ist Geil!“. Eigentlich eine eher abstoßende Devise. Nicht so im angeblichen Land der Dichter und Denker. Man erfreute sich hier nicht nur an jenem Werbetext und ähnlichen Geistesblitzen – nein, sie entsprangen offensichtlich auch dem realen täglichen Verhalten in unserem Land. Gut, beim Autokauf gilt das nicht ganz so. Wohl aber an der Fleischtheke des Discounters und bei der Planung des Urlaubs. Möglichst billig, am besten all inclusive. Nichts dagegen zu sagen; schließlich ist das ja tatsächlich Privatangelegenheit. Aber empörend ist, dass hier auch noch die Bundesregierung – zumindest indirekt – mitgespielt hat. Seit Jahren gibt es auf europäischer Ebene die Vorschrift, dass die Anbieter Pauschalreisen ausreichend absichern müssen. Jetzt, im Zuge der Pleite von „Cooks Reisen“, kommt indes ans Tageslicht, dass diese Richtlinie von der Berliner Regierung nicht umgesetzt wurde. Bewusst, oder aus Schlamperei? Egal, nun zahlt der Bund den geprellten Reisenden den Differenzbetrag. Der Bund? Also der Staat? Aber nein, natürlich nicht die Regierung. Denn das Geld kommt ja aus dem Steuertopf, mithin von jedem einzelnen Steuerzahler.

 O ja, man könnte noch an eine ganze Reihe anderer „Merkwürdigkeiten“ im Lande anmerken. Die Tatsache, zum Beispiel, dass Deutschland (als einziges entwickeltes Land der Erde) demnächst komplett auf die Energieträger Kohle und Atom verzichtet. Das schafft bei Vielen ein gutes Umweltgewissen. Es schließt aber auch  den Fakt ein, dass die Politik nicht in der Lage ist, die Voraussetzungen zu schaffen, um Strom aus den Windkraftanlagen in der Nordsee nach Süden zu transportieren. Einmal, weil die Bürger zwar den Energiewandel mehrheitlich wollen, aber dabei natürlich keine Unannehmlichkeiten erleben möchten. Andererseits aber auch, weil durch die Politik seltsame bis unsinnige Abstandsvorschriften für Windräder von bewohnten Orten vorgeschrieben werden.

Auch das gehört zum deutschen Wesen. Aber wird daran die Welt genesen? Zumindest Zweifel sind erlaubt. Darum sei angemerkt, dass Emanuel Geibel vor etwa 200 Jahren nicht nur dieses Gedicht schrieb, sondern auch ein fröhliches anderes: „Der Mai ist gekommen…“ Freuen wir uns also am besten schon an Weihnachten darüber und sehen beschwingt dem (hoffentlich nicht von Unwettern bedrohten) Wonnemonat im Frühling entgegen. Selbst in Zeiten wie diesen.

Anmerkungen und Kommentare bitte direkt an: gisbert.kuhn@rantlos.de