--- Anzeige ---
Homepage-Baukasten von Host Europe

Totschlag-Begriffe

Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Als Heiner Geißler 1977 in der CDU das Amt des Generalsekretärs übernahm, schärfte er seinen Mitstreitern ein, strittige politische Themen so schnell wie möglich mit kämpferischen Begriffen zu belegen, um so im öffentlichen Streit von Anfang an die Meinungsführerschaft zu übernehmen. Mit dieser Strategie trieb er vor allem die SPD – den damaligen innenpolitischen Hauptgegner – geradezu vor sich her und damit schier zur Verzweiflung. Kein Wunder, dass der in späteren Jahren ausgerechnet von den Genossen fast wie ein Säulenheiliger verehrte Christdemokrat seinerzeit von den Sozis wie der leibhaftige Gottseibeiuns gegeißelt wurde. Vielen dürfte noch Willy Brandts wütender Ausbruch in einer Fernsehrunde erinnerlich sein, Geißler sei der „schlimmste Hetzer seit Goebbels in diesem Land“. Der CDU-Mann hatte (es tobte die erbitterte Schlacht um die so genannte NATO-Nachrüstung mit atomaren Mittelstreckenraketen), in der Tat zuvor kräftig ausgeteilt und die SPD als „Fünfte Kolonne der Anderen“ bezeichnet. Mit den „Anderen“ war der damalige Warschauer Pakt gemeint.

Vergangene Zeiten? Von wegen! Was vor nicht ganz einem halben Jahrhundert als neue strategische Waffe im Parteienkampf erprobt wurde, ist mittlerweile längst Allgemeingut und gehört sozusagen zur Grundausstattung etwa von Verhaltenspsychologen beim Sprechcoachen. Schwierige Zusammenhänge auf kurze, möglichst knackige Schlagworte eindampfen! Das prägt sich ein. Der inhaltliche „Rest“ ist dann nicht mehr wichtig. Würde sich jemand dran setzen und einen Katalog solcher Totschlag-Begriffe oder Redewendungen erstellen, er könnte ein Bestseller werden, weil sich dann jeder je nach aktuellem Bedarf daraus bedienen könnte. Wichtig ist allein, ganz früh die Deutungsführerschaft für sich oder seine Gruppe zu erstreiten, wenn es um eine schwierige – in der Öffentlichkeit umstrittene – Angelegenheit geht.

Tatsächlich haben es solche Verbalgranaten auch schon mehrfach geschafft, in die Reihung der Unwörter des Jahres aufgenommen zu werden. „Gutmensch“ (2015) gehört dazu, oder „Sozialtourismus“ zwei Jahre davor. Mit „Herdprämie“ wiederum war es 2007 erheblichen Teile der „Fortschrittsgesellschaft“ gelungen, jene Frauen quasi als altmodische, auf alle Fälle nicht in die Zeit passende „Heimchen“ zu karikieren, die es vorzogen, ihre Kinder nicht sofort in eine Kita zu stecken, sondern sich um diese im zweiten und dritten Lebensjahr persönlich daheim zu kümmern und dafür staatliches Betreuungsgeld bezogen.

Und in diesem Jahr? Keine Sorge, der Wettstreit der Vereinfachungskünstler, Plattitüdenschöpfer, Meinungsdiktatoren und Debattenunterdrücker ist in vollem Gang. Wobei Freund und Feind ganz offensichtlich als bevorzugte Waffe die Vokabel „Populismus“ (auch gern in ihrer adverbialen Form „populistisch“ benutzt) einsetzen. Das wäre, im Prinzip, in einer vernünftigen, auch streitigen Auseinandersetzung um die politisch, sachlich und vernünftig beste Lösung auch durchaus begrüßenswert. Wenn, ja wenn „Populismus“ ganz einfach in der z. B. von Martin Luther einst empfohlenen Weise betrieben würde – nämlich, dass man dem „Volk aufs Maul schaut“. Dummerweise wird jedoch dabei in der Regel der zweite Teil der Luther-Regel außer Acht gelassen, die da heißt, „aber ihm (nämlich dem Volk) nicht nach dem Munde redet“.

Aktuell herrscht hierzulande, aus gutem Grund, helle Aufregung über das rapide Anwachsen der rechtsnationalen „Alternative für Deutschland“ (AfD). Keiner ihrer Repräsentanten wird vermutlich Widerspruch einlegen, wenn man die Partei als „populistisch“ bezeichnet. Denn sie redet exakt großen Teilen der Gesellschaft nach dem Mund. Freilich geht es der AfD dabei gar nicht in erster Linie um „Volkes Stimme“, die gern ebenso oft wie falsch als „Stimme Gottes“ umgemünzt wird. Für diese Kräfte kam vielmehr der Massenzustrom an Flüchtlingen 2015 wie ein warmer Mai-Regen. Denn, keine Frage, nach der zunächst künstlich erzeugten „Willkommenskultur“ für die Migranten aus Nahost und Afrika machten sich im Lande immer stärker diffuse  Ängste und Sorgen vor „Überfremdung“, „Islamisierung“, „Fremdwerden im eigenen Staat“ breit – Stimmungen, welche die AfD erfolgreich auffischte. Und zwar auch, weil sie von den demokratischen Parteien in geradezu sträflicher Weise missachtet, ja nicht selten sogar diffamiert wurden.

Freilich, nüchtern und bei Lichte betrachtet, ist das Andocken der AfD an die beschriebenen, oft ja auch erklärbaren Befürchtungen großer Teile der Öffentlichkeit nicht ein von Verständnis getragenes Eingehen auf die „Vox populi“, sondern eine nur notdürftig verpackte Form von Fremdenfeindlichkeit bis hin zu Rassismus. Eine ganze Anzahl führender Persönlichkeiten in der Rechtspartei geben sich mittlerweile auch gar keine Mühe, etwa verbale Zügel anzulegen. Populismus? Vielleicht, aber eine völlig entartete Form. Ja sicher, damit steht Deutschland nicht allein. Auch in Polen, Ungarn, der Tschechischen Republik, dazu in Frankreich, Italien, Holland und sogar Schweden tobt sich dieser „gesunde Menschenverstand“ in der Ablehnung der „Fremden“ aus. Und zwar stets eng verbunden mit Re-Nationalisierungstendenzen, die nicht fern sind von jenem gefährlichen Nationalismus, der nicht bloß diesen Kontinent vor rund acht Jahrzehnte in eine unfassbare Katastrophe stürzte. Alles schon vergessen?

Auf der anderen Seite: Wie billig und einfach machen es sich doch oft jene, die sich subjektiv fast immer auf der richtigen, der gute Seite wähnen. Man dürfe, haben sie sogar schon erfolgreich bei den Medien durchgesetzt, zum Beispiel bei Fahndungen nach Gewalttätern möglichst keine Hinweise auf Herkunft, Hautfarbe oder soziales Umfeld geben. Begründung: Andernfalls würden ganze Gruppen unter „Generalverdacht“ gestellt. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Wenn also ein weißhäutiger Deutscher nach, sagen wir, einem Mordversuch zur Fahndung ausgeschrieben wird, dürfen diese Merkmale nicht benannt werden, um nicht das gesamte deutsche Volk dem Generalverdacht auszusetzen, aus Meuchelmördern zu bestehen…! Natürlich nicht, sagen diese Wohlmeinenden. In diesem Fall selbstverständlich nicht? Wäre aber ein dunkelhäutiger Nigerianer der Täter, dann geriete, bei Nennung seiner Hautfarbe, automatisch ganz Nigeria unter Verdacht? Logisch ist das Quatsch. Und klar ist die Formulierung „unter Generalverdacht“ ein Diskussionskiller, der auch als solcher „erfunden“ wurde.

So läuft das bei uns immer ab. Immer, wenn es sich um Themen handelt, die es wert wären, ernsthaft behandelt zu werden, weil sie unter die Haut gehen. Das Problem der Sterbehilfe für unheilbar Kranke mit unerträglichen Schmerzen ist so eines. Keine Frage, hier geht es um grundsätzliche Fragen von Ethik, Moral, Religion – aber auch Humanität. Da kann nicht einfach nur aus dem Gefühl heraus votiert oder nach dem „gesunden Menschenverstand“ gerufen werden. Gewiss, es hat immer wieder einmal Ansätze gegeben, Lösungen zu suchen. Und woran sind sie (bislang wenigstens) stets gescheitert? An einem Totschlagbegriff namens „Euthanasie“.  Allein der Verweis auf die Nazis und die von ihnen propagierte (und großenteils auch betriebene) Tötung von so genanntem „lebensunwerten Leben“ reichte, um das Thema unerledigt beiseite zu schieben. Dabei haben die Morde der Nazis mit wirklicher „Euthanasie“ überhaupt nichts zu tun – nämlich mit von Nächstenliebe getragener, mildtätiger Hilfe beim Sterben.

Noch ein Beispiel gefällig? Mit der faktischen Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht entfiel auch der zivile Ersatzdienst. Jene höchst sinnvolle Alternative zum Militär, von der in hohem Maße soziale Einrichtungen, aber auch Sportvereine, Rettungsdienste oder Freiwillige Feuerwehren profitierten. Nicht wenige dieser Zivildienst Leistenden fanden darüber zu ihrem Beruf, erlebten aber auch die Genugtuung, der Gesellschaft etwas dafür zurückgeben zu können, dass ihnen Bildung, soziale Sicherheit und anderes ermöglicht wurden. Warum, so tauchte die Frage auf, kann der Staat nicht so etwas wie ein „Pflichtjahr“ für junge Leute einrichten? Prompt erfolgte der – natürlich zu erwartende – Protestschrei „Auf keinen Fall“! Und warum nicht? „Weil das an den einstigen Reichsarbeitsdienst erinnert“! Wohlgemerkt – nicht die Idee als solche wurde beanstandet. Man musste halt seinen Totschlagbegriff loswerden.

Um zum „Populismus“ zurückzukehren: Wäre das nicht ein formidabler Vorschlag für das Unwort des Jahres 2019?  Wir hätten allerdings auch noch eine zweite Empfehlung: Klimawandel. Der Begriff drängt sich doch geradezu auf in diesen Wochen. Man begegnet ihm auf Schritt und Tritt zu jeder Tages- und Nachtzeit sowie zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Selbst Britanniens Prinz Harry und seiner Meghan wird der Flug in den Urlaub mahnend vorgehalten. Man darf bereits auf den Nachbarstreit gespannt sein, wenn der eine durch den Motormäher des anderen Wetter und Klima in Gefahr gebracht sieht…