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Angst vor mieser Stimmung

Glatt gebürstete Meinungen lassen sich locker abnicken

Ich bin heute mal nicht in Stimmung! Problem? Überhaupt nicht! Versteht doch jeder! Anders ist das schon, wenn ich mitten in der gemütlichen und gefühlsbeladenen

Autor Dieter Buchholtz

Weihnachtsatmosphäre mit mieser Stimmung als Störfaktor rüber komme. Dann muss ich mich zum Schutz meines gefühlten und so überempfindlichen Innenlebens ganz schön warm anziehen. Weil meine Seele – entgegen der allgemeinen Hochstimmung – nicht gleichgebürstet daher kommt. Unangenehm!

Nun fällt es ja nicht schwer, einschneidende Empfindungsbrüche angesichts einer landesweit herrschenden Stimmungsdominanz bei sich selbst dingfest zu machen. Schwerer ist es dann schon, wenn solche herausragenden und breit akzeptierten Anlässe fehlen, wenn uns einfach nur der wabernde Alltag umgibt. Dann entstehen beim Small Talk, bei der Freundesrunde mit einem Gläschen Bier oder Wein so bekannte Spontanreaktionen wie: Angesichts der vielen Probleme, unleugbarer Missstände in unserer Gesellschaft muss man doch Wutbürger verstehen, braucht sich über eine miese Stimmung in unserem Land keiner zu wundern…

Und dann werden so bekannte Register wie beispielsweise die angeblich viel zu vielen Flüchtlinge, der alles beherrschende Terror und mannigfaltige andere Stichworte als Zeitzeugen einer uns alle lähmenden Negativ-Stimmung beim Schlürfen edler Getränke auf den Tisch geknallt. So ist es eben!

Eine Portion Bashing für die Demoskopen

Also nur miese Stimmung in unserem Land? Ein kräftiges Nicken in solchen Diskussionsrunden erspart Hinweise auf weitere, vielleicht sogar abweichende Erkenntnisse. Warum nicht einfach mal sagen: Ich habe da neulich eine Umfrage gelesen. Danach ist die Stimmung in unserem Land gar nicht so schlecht. Wie bitte? Das signalisieren erstaunte und damit ungläubige Gesichter in der Runde. Das kann doch dieser Meinungsoppositionelle nicht ernsthaft meinen. Doch, der bleibt dabei. Schlagartig wird es etwas ruppiger in der Runde. Das gipfelt dann schnell in einem Stakkato von Demoskopie-Bashing, von Anklängen Richtung Lügenpresse, von Politiker-Schelte, von EU-Skepsis. Und überhaupt. 

Jetzt ist Themenwechsel angesagt. Denn diese Runde – und das gilt sicherlich für Millionen anderer in unserem Land – will ihre Ruhe, will eine gute Stimmung. Und die ist offensichlich nur möglich, wenn als völlig sicher empfundene Mehrheitsmeinungen schnell abgenickt werden können..

Ich zähle mich zu den hartnäckigen Abweichlern. Ich kann es nicht lassen, immer wieder den Versuch zu unternehmen, auch andere Aspekte in solche und ähnliche Diskussionen einzubringen. Das fällt mir keineswegs immer leicht. Manchmal fehlen mir helfende Informationen. Und ich erwische mich dabei, dass auch ich nicke, dass ich abgeschlafft irgendein Neu-Bashing durchrrauschen lasse, weil ich nichts auf der Pfanne habe, was differenzieren könnte. Man hat mir schon vorgeworfen, dass ich doch auch an solchen Pauschalangriffen augenscheinlich billigend teilgenommen habe. Stimmt. Ich war dann wieder einmal schlicht müde, gelähmt…

Klarer Punkt für Vielfalt in der Gesellschaft

Zufälligerweise fiel mir jetzt eine aktuelle Umfrage in die Hände, die mit einigen Fakten zur Stimmung zwischen Oberstdorf und Flensburg, zwischen Aachen und Cottbus etwas aufräumt. Danach ist wohl ein wichtiges Kriterium für die Landesstimmung der gesellschaftliche Zusammenhalt. Und der ist, so empfinden es 68 Prozent der 5041 von infas Befragten, in deren Umfeld gut. Es ist eine deutliche Minderheit, die den Zusammenhalt in der eigenen Wohngegend für schlecht hält.

Konkretere Angaben gibt es beispielsweise zu den Einzelaspekten wie zugewanderte Flüchtlinge und wachsende Vielfalt. Die Autoren der Studie belegen, dass diese Aspekte keine Rolle spielen, egal wie viele Ausländer und Migranten in der Region oder in einem Bundesland leben. Erfreulicher Weise erreicht der Wert für diese gesellschaftliche Vielfalt bundesweit den Indexwert von 79 Punkten. Das macht Mut.

Angst vor der Gerechtigkeitslücke

Die Befragten sehen zu 75 Prozent aber auch die starke Gefahr, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland insgesamt teilweise gefährdet ist. Diese Skepsis ist besonders in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen ausgeprägt.Und mit einem Indexwert von 79 empfinden viele eine Gerechtigkeitslücke. In diesem Zusammenhang wird stark bemängelt, dass wirtschaftliche Gewinne in unseremLand nicht gerecht verteilt werden. 

Die Studie beschreibt auch eine „tiefe Spaltung, die sich in Bezug auf das soziale Miteinander zwischen Ost und West sowie zwischen strukturschwachen und prosperierenden Regionen auftut.“ Und es ist besonders auffällig, dass besonders in den Großstädten Arm und Reich stärker auseinander driften.

Mit anderen Worten: Die unleugbar positive Grundstimmung in unserem Land wird – das gehört eben auch zur differenzierenden Betrachtung – durchaus begleitet von sicherlich auch berechtigten negativen Wahrnehmungen.

Im Spiegel von Alltag und öffentlichen Debatten

Zusammenfassend kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass „die konkreten Alltagserfahrungen der Menschen besser sind als das, was sie für das gesamte Land vermuten – oder was ihnen öffentliche Debatten dazu spiegeln.“ So erläutert es Stephan Vope vom Studienauftraggeber Bertelsmann. Und dann kommen die Forscher am Puls unserer Gesellschaft zu der sicherlich nicht überraschenden Erkenntnis, dass „starker Zusammenhalt sich durch belastbare Beziehungen, eine positive emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und eine ausgeprägte Gemeinwohlorientierung auszeichnet.“

Diese und weitere Informationen werde ich in die nächste Zufallsrunde bei dem schon angesprochenen Bier oder Wein mitnehmen. Es könnte sich ja so ganz beiläufig die Situation ergeben, dass das eine oder andere Pauschalurteil in angeregter Diskussion die Chance für eine Neujustierung bekommt. Vielleicht. Ich bin skeptisch. Denn die am Anfang dieses Beitrages genannten Vorurteile werden weiter zementiert rüberkommen. 

Gefühle und die eigenen Schubfächer

Mir wird wohl entgegengehalten werden, dass die Fragestellungen der Demoskopen sicherlich tendenziös waren – also zurechtgebogen vom Auftraggeber. Somit sind die Ergebnisse, vor allen Dingen, wenn sie nicht in die eigenen Schubfächer passen, schlicht als unglaubwürdig zu bezeichnen. Als Beweis wird von dieser Meinungsfraktion oft eingewandt, dass sich ihre Sichtweise schon mehrfach bei Prognosen für Wahlen gezeigt habe. Hier werde ich intervenieren, dass doch Prognosen etwas anderes sind als Bestandsaufnahmen. Na, ja.

Schlussendlich wird dann aus der Mitte der zu erwartenden Runde der Wunsch laut werden, doch auf keinen Fall die Stimmung zu vermiesen. Dem werde auch ich mich fügen. Denn wer will schon schlechte Stimmung, wenn alle um einen herum gut gelaunt sind.

Talk-Raum für Meinungsfreiheit

Dennoch: Nach den Festtagen ist ja bekanntlich auch vor den Festtagen. Und genau in diesen Zeitfenstern werde ich sicher immer wieder den Versuch starten, den unstrittig vorhandenen positiven Aspekten in unserer freiheitlich demokratischen Gesellschaft immer wieder einen Small Talk-Raum zu öffnen. Der Kampf um den Erhalt von Meinungsfreiheit lohnt sich – auf jeder Ebene! Auf keinen Fall soll uns aber dies die doch so kostbare Stimmung vermiesen. Ich wage den verwegenen Einwurf: Ein Lächeln kann auch Demokratie sein.

Das wünscht sich im ausgehenden 2017 und neu startenden 2018

Ihr

Dieter Buchholtz


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