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Spendensumpf

Von Dietrich Kantel

Autor Dietrich Kantel

Weihnachtszeit ist die hohe Zeit des Spendens. Knapp ein Viertel aller Spenden im Jahr verbuchen die gemeinnützigen Organisationen in Deutschland allein im Dezember. Und die Deutschen sind spendenfreudig. Eine exakte Statistik existiert zwar nicht. Erhebungen des führenden deutschen Marktforschungsunternehmens GfK zufolge dürften die Bundesbürger 2016 jedoch rund 5,3 Milliarden Euro gegeben haben. Das Bundesamt für Statistik geht davon aus, dass etwa 76 Prozent der Spenden, mithin um die vier Milliarden Euro dabei für humanitäre Zwecke bestimmt sind. Ein lukrativer Markt. Und hier tummeln sich ungezählte Hilfsorganisationen.

Geprüfte Transparenz !

„Ihre Spende: jeder Euro kommt an – jeder Euro zählt “. So oder ähnlich lauten die Aufrufe der Hilfsorganisationen unisono. Hinterfragt man diese Aussage, wird der kritische Fragesteller schnell mit Bildern hungernder Kinder als herzloser Kritikaster abgewimmelt. Und im Zweifel wird kurzer Hand etwa auf die Mitgliedschaft im Deutschen Spendenrat e.V. verwiesen, der alles prüft und überwacht und der, gegen entsprechende Prüfgebühren, die Zertifizierung „Geprüfte Transparenz“ verleiht. Deswegen habe alles seine gute Ordnung. Auch mit dem Werbeslogan, wonach jeder Euro ankomme.

Die Mitgliederliste des Spendenrates liest sich dann wie ein Who is Who der Deutschen Hilfsorganisationen. Von A wie „Aktion Deutschland Hilft e.V“ über O wie „Oxfam Deutschland e.V.“ bis W wie „World Vision Deutschland e.V“. Und hinter dem Mitglied „Aktion Deutschland hilft e.V.“ verbergen sich wiederum die bedeutendsten und größten deutschen Hilfsorganisationen, wie etwa Care Deutschland e.V., HELP e.V. oder auch – schon wieder – World Vision Deutschland. Man testiert sich also die Transparenz praktischerweise gleich gegenseitig bzw. selber und geht damit dann auf weiteren Spendenfang.

Geprüfte Transparenz ?

Doch wo dieser besagte Euro tatsächlich ankommt oder zu welchen Teilen, ist – Testat hin, Spendensiegel her – oft eine ganz andere Wahrheit. Da wird in den Finanzberichten der Hilfsorganisationen (kurz: NROs = Nichtregierungsorganisationen) geglättet, geschönt, getrixt, verschoben, gelogen. So „gestaltet“ präsentiert man dann stolz, dass man etwa nur 10-15 Prozent aller Einnahmen für Verwaltungskosten aufwende. Diese Zahl kommt aber zumeist nur zustande, indem man Verwaltungskosten in Länder- oder Regionalbüros dem jeweiligen Hilfsprojekt zuordnet. Und auch Marketingkosten für Spendenwerbung oder Verwaltungs- und Personalkosten der – oft aufwändigen – Vereinssitze werden aufgesplittet und zu Teilen jeweiligen Projekten zugeordnet. Oder man beauftragt für das Spendensammeln oder die Mitgliederwerbung gleich professionelle Dienstleister. Die kassieren dann als Honorar zum Beispiel den ersten Jahresmitgliedsbeitrag und erst ab dem Folgejahr fließen die Beiträge der so neu geworbenen Mitglieder der NRO zu. Diese Kosten tauchen dann im Jahresfinanzbericht gar nicht erst auf.

Die niederländische Journalistin und Autorin Linda Polman recherchierte fünf Jahre die Strukturen und Mechanismen der internationalen Hilfsorganisationen und prägte aufgrund ihrer Rechercheergebnisse den Begriff von der „Mitleidsindustrie“. In ihrem Buch „The Crises Caravan – What´s wrong with the humanitarian aid?“ (deutscher Titel „Die Mitleidsindustrie“) stellt sie zu den realen Kosten des Produktes „Hilfe“ eindrücklich fest:

Rund um humanitäre Hilfe ist eine wahre Industrie entstanden, Karawanen von Organisationen, die mit den Geldströmen reisen und in immer wieder neuen humanitären Räumen um einen möglichst großen Teil der Milliarden konkurrieren. Für die kämpfenden Parteien (d.h. in Kriegsgebieten, Anm. d. Verf.) sind das Geld und die Hilfsgüter der humanitären Hilfsorganisationen ebenfalls Business.“

Mitleidsindustrie

Oft sind die – weltweit geschätzt 37.000 Hilfsorganisationen – Auftragnehmer staatlicher oder UN-Organisationen, wie dem Welternährungsprogramm (WFP) oder dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Dann vergeben solche NROs, um die eigentliche Aufgabe vor Ort überhaupt umsetzen zu können, Unteraufträge. Diese werden dann wiederum oft mehrfach weiter delegiert, wobei jedesmal Gebühren oder Verwaltungskosten einbehalten werden. Alles gilt dann als Aufwendung für das humanitäre Hilfsprojekt. Das führt dann im äußersten Fall dazu, dass von den eigentlichen Projektgeldern allenfalls noch 10 bis 20 Prozent tatsächlich ankommen.

Längst ist diese Mitleidsindustrie zu einem Wirtschaftszweig mutiert, wie jedes andere Gewerbe auch. Es geht um Akquise und es herrscht beinharter Wettbewerb um den – natürlich begrenzten – Spendentopf. Auch um den Zuschlag für das Recht, Hilfsprojekte in Notstandsregionen durchführen zu dürfen herrscht im Zweifel knallharter Verdrängungswettbewerb. Denn da warten staatliche Entwicklungs- und Nothilfegelder. Größe zählt. Und mit einem immer größeren Verwaltungsapparat kann man die kleinen Player vom Markt verdrängen, zu Hause wie in den Zieländern. Denn auch nur die Großen können sich teure Spendenwerbung leisten, mit denen sie dann wieder Geld verdienen.


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