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Rennen um freie Tage

Konjunktur für Geschichten um Feiertage

Autor Dieter Buchholtz

Am 31. April 2019 ist mal wieder Ostern. Kalendermäßig bekanntlich ein bewegliches Fest. Gratis gibt es in Deutschland traditionell noch den Ostermontag als Feiertag hinzu. Neben der religiösen Bedeutung garnieren sich bei uns um das Eierfest (Brauchtum) herum auch die ebenso beliebten Ferien. Also genauso wie bei Pfingsten oder Weihnachten. Schön und gut. Wer freut sich nicht über solcherart geschenkte Tage.

Aber Stopp. Sind wir Deutschen nicht – wie man immer wieder hört – Weltmeister in Sachen erbeitsfreier Feiertage? Vor dem Hintergrund eines derartig satten Freizeitkontos könnte man ja hier und da einen Feiertag einsparen. Oder? Der Blick ins Internet belehrt mich aber eines Besseren: Deutschland liegt bei den gesetzlichen Feiertagen in Europa gar nicht an der Spitze. „Schlusslicht“ lautet erbarmungslos ein statistischer Vergleich. Der detaillierte Blick aber in den innerdeutschen Ländervergleich zeigt: In den Hoheitsgebieten der Bundesländer lebt der Unterschied. Denn Bayern hat beispielsweise insgesamt dreizehn freie Tage. Berlin nur neun. Das – so möchte man wutbürgerartig ausrufen – ist ja eine bodenlose Ungerechtigkeit. Eine nicht nachvollziehbare Ungleichbehandlung, die die Bundeshauptstadt jedes Jahr aufs Neue provoziert.

Berlin feiert die Frauen

Nun ist Berlin ja bekanntlich nicht auf den Kopf gefallen. Erneut drohte in 2019 der Spreestadt die rote Laterne in der Liga der freien Tage. Deshalb ging es erstaunlich schnell, sich einen weiteren freien Tag zu genehmigen. Anlass sollte der Weltfrauentag am 8. März sein. Und ruck zuck wurde im Januar von der rot-rot-grünen Koalitionfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus beschlossen, dass dieser den Frauen gewidmete Tag in Berlin bereits in diesem Jahr frei sein sollte. Manchmal geht es eben schnell, wenn politisch die wirklich wichtigen Entscheidungen getroffen werden müssen. Dagegen kann die immer wieder verschobene Eröffnung des neuen Berliner Flughafens nun wirklich weiter warten.

In Berlin habe ich einige Bürgerinnen und Bürger gefragt, was sie denn von dieser Neugeburt eines Feiertages halten. Die Antworten waren eher Achselzucken nach dem Motto: Sonst keine Probleme? Und dem schließe ich mich glatt an. Außerdem bin ich – ganz nebenbei bemerkt und jetzt erst recht – froh in NRW zu leben. Es ist hier wirklich ein priviligiertes Leben mit jährlich immerhin elf arbeitsfreien Arbeitstagen. Das genieße ich jedes Jahr in vollen Zügen – auch als Rentner.

Tonnen Süßes als Abfall für das Brauchtum

Ein zweiter Fall in Sachen Feiertag: In mir leben noch die konfetti-beladenden Bilder des Rosenmontagszuges in Bonn. Ein Sturm bedrohte die alaaf-schreienden Jecken. Es ging glücklicherweise alles glimpflich vonstatten. Ist ja auch schunkelnd schön, das auf lustig getrimmte Volk an sich vorbeiziehen zu lassen. Weniger lustig aber ist es , nach dem Zug über Tonnen von Süßigkeiten auf Straßen und Bürgersteigen zu stapfen. Hoch kommt mir dann erneut die aktuelle Diskussion über die tonnenweise Vernichtung von Lebensmitteln in unserem Land – jedes Jahr und jeden Tag! Im Rheinland aber wird die sich jährlich wiederholende Vernichtung von in der Regel billigem Süßzeug mit dem Argument Brauchtum vom Tisch gewischt – und bleibt weiter unten einfach liegen. So lange, bis die orangefarbene Stadtreinigung mit hohem Kosten- und Arbeitsaufwand diesen vielleicht nicht mehr zeitgemäßen Kamelle-Brauch in die Mülleimer schiebt.

Vorstoß aus Köln: Rosenmontag frei machen

In meiner Alaaf-Clique machte ich mir mit meinen antikarnevalistischen Nachdenklichkeiten natürlich keine Freunde. Diese wurden aber schnell hellhörig, als ich von meinen Erfahrungen mit dem Weltfrauentag in Berlin berichtete. Spontan entstand Einigkeit: Man sollte im karnevalistischen Bundesland NRW eine Inivitative gründen, damit dieser Tag gesetzlicher Feiertag wird. Das war in der beschwingten Runde mehrheitsfähig. Bei einem Gläschen Kölsch dann die spontane Suche im Internet via Smartphone, ob es vielleicht schon so einen Vorstoß gäbe. Treffer.

Der Kölner Karnevalist und IT-Unternehmer Helmut Schmidt hat schon eine entsprechende Petition (Website „Open Petition“) gestartet. Sein Vorbild sind die neuen Feiertage in Thüringen und Berlin. Er will insgesamt 29.000 Unterstützer zuammenbekommen. Und er möchte, dass sich der NRW-Petitionsausschuss des Landtages mit dem Thema beschäftigt.

Gereicht hätten Erzählgeschichten

Nun könnte man ja bis jetzt annehmen, das hier Geschriebene sei nur eine Geschichte, schlicht erzählt aus unbegrenzter Phantasie. Das aber wäre viel zu riskant. Denn nullkommanichts landen wir im Bereich der Fake News. Und das will doch keiner. Also nochmal zur Sicherheit: Das zuvor „angemerkte“ ist wahr und bewegt die Menschen – ernsthaft. Auch im Spaß.

Um der Sache die Krönung aufzusetzen, entdeckte ich bei der Recherche zu den arbeitsfreien Feiertagen den „World Storytelling Day“. Der wurde 2004 in die Welt gesetzt und findet jedes Jahr am 20. März statt – weltweit. Er hat es nicht zum gesetzlichen Feiertag geschafft – also ist auch nicht arbeitsfrei. Im Mittelpunkt steht – so wollen es die Urheber – die Kunst des mündlichen Erzählens. Denn sie gilt als eine der ältesten Künste der Welt. Bei den genannten Bemühungen um mehr freie Tage hätte ich mir irgendwie gewünscht, dass solche Aktivitäten – oder sollte man von Kuriositäten reden – einfach nur Erzählgeschichten geblieben wären. Das hätte gereicht.

Dieter Buchholtz