--- Anzeige ---
Homepage-Baukasten von Host Europe

Rasen, bis der Tod kommt?

Protestkultur im Wandel

Autor Dieter Buchholtz

Die Demokratie ist in Gefahr. Das Bewusstsein hierfür steigt. Gleichzeitig aber werden immer häufiger Brandherde sichtbar, die unsere mühsam erworbene Freiheit zerstören. Die Brandbeschleuniger dafür geben sich teilweise noch nicht einmal mehr Mühe, ihr gefährliches Treiben zu kaschieren.

Diffuse Befürchtungen aller Art sind häufig Treiber für wachsende Verunsicherung. Ängste formen deshalb nicht selten den Stoff, aus dem auch die seit Jahren steigende Demokratieverdrossenheit wächst. Entsprechende Beispiele gibt es reichlich.

In diese sich oft mehrfach polarisierende Befindlichkeit unserer Gesellschaft hat sich kürzlich der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, eingebracht. Plakativ stellte der Kirchenaktive in den Diskussionsraum: „Hoffnung ist die Alternative zur Angst“. Huber plädiert für eine neue politische Ethik, die alle Bürger in die Pflicht nimmt. Und in aller Deutlichkeit erläuterte er, was hierfür erforderlich ist: „Mündige Bürgerinnen und Bürger sowie Gemeinschaften, in denen sie Verantwortung lernen und Zutrauen zu den eigenen Kräften gewinnen.“

Einfach mal hinhören: Tempo 130

Und seine Brüder und Schwestern der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland sind beispielgebend zur Tat geschritten. Sie haben – wohl auch erstmalig als Landeskirche – eine Petition im Deutschen Bundestag eingereicht. Vordergründig geht es ihnen nicht um ein religiöses Thema. Die Kirchenleute formulierten schlicht und einfach: „Der Bundestag möge beschließen: Auf deutschen Autobahnen wird ein generelles Tempolimit von 130 km/h eingeführt.“ 

Erster Erfolg dieser verantwortungsvollen Bürgerinnen und Bürger: Das Anliegen hat die bis zum 03. April 2019 die erforderlichen 50.000 Unterzeichner mobilisiert. Es folgt wohl nun eine öffentliche Anhörung. Ach, übrigens – Gerade hat eine Umfrage gezeigt, dass 63 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland für ein generelles Tempolimit sind. Empfehlung also an die Politiker: Einfach mal hinhören.

Ökumenische Handreichung im Protest

Erfreulich finde ich, dass auch die Landeskirchen Bayern und Hannover mit von der Partie sind. Aber ebenso haben sich die katholischen Bistümer Köln und Würzburg angeschlossen. Diese, so gesehen ökumenische, Petition stützt sich sehr stark auf die Umweltthematik. Richtig so. Denn hier ist jede noch so kleine Maßnahme ein gewonnenes Stück, um das über Jahre mangelhafte politische Handeln ein Stück auszugleichen. 

Es geht den Kirchen dabei schlicht und einfach um den Schutz der menschlichen Existenz, um die Bewahrung der Schöpfung. Und das ist wohl unbestritten ihr Thema. Man kann also froh sein, dass sich die Kirchen in so eminent wichtige Debatten einmischen. Es ist eine, nein, es ist ihre Verpflichtung. Und es ist auch etwas Neues. Denn die Gesellschaft ist über viele Jahre davon entwöhnt worden, dass die Kirchen sich deutlich erkennbar in uns alle angehende Debatten einbringen. Da kann es dann eben auch um ein vermeintlich nur verkehrstechnisches Problem gehen, das aber viele Menschenleben fordert – durch Unfälle und durch die Vergiftung unserer Umwelt. Wenn sich also kaum jemand zuvor gefunden hat, diese Rechte für die Menschen einzufordern, dann kommt wenigstens jetzt ein Teil der Kirchen dieser Verantwortung nach.

D ist einsame Klasse in der EU

Zum Thema Klima erleben wir gerade aktuell, wie eine neue Demonstrationskultur global entsteht. Es sind nicht die Experten, es sind nicht die wahlberichtigten Bürgerinnen und Bürger, es sind keine Lobbyisten, es sind keine Partei- oder Gewerkschaftsmitglieder. Nein, es sind unsere Kinder. Haben wir Erwachsenen denn nicht in vielen vergangenen Jahren darüber lamentiert, wie unpolitisch unsere Jugend ist? DieJugendlichen  bekämen, weil sie Wohlstand und Frieden gewöhnt sind, den politischen Hintern kaum hoch, wenn es darum geht, ihre demokratischen Rechte zu verteidigen. So das pauschale und damit eben nicht immer richtige (Vor)urteil. 

Und nun passiert es. Jeden Freitag sind die jungen Menschen für den bitter notwendigen Umweltschutz auf der Straße. Während die eigentlich verantwortlichen Erwachsenen weiter ihren CO2-Beitrag in die Luft blasen. Und dafür brauchen die freien Bürger dann auf unseren Autobahnen auch grenzenlos freie Fahrt – auf Teufel komm raus. Mit diesem eher traurigen Alleinstellungsmerkmal  sind wir in der EU wirklich einsame „Klasse“. Um unter anderem diese Mauer einer jahrzehntelangen Ignoranz aufzubrechen, dürfen unsere Schülerinnen und Schüler auch mal am Freitag die Schule schwänzen. Wenn dann die wichtigen Dinge ins Rollen gekommen sind, kann auch gerne außerhalb der Schulzeit weiter demonstriert werden.

Kriegerische Attitüden auf Gehwegen

Und wir müssen – um bei den Geschwindigkeiten auf Straßen zu bleiben – gar nicht erst die Bundesautobahnen ansteuern. Genügend Stoff für kriegerische Attitüden finden sich bereits auf unseren Gehwegen. Hier geht es ja teilweise ziemlich grob zu. Da beanspruchen Fußgänger, Kinderwagen, Rollatoren, Radfahrer und zukünftig auch E-Scooter ihre wirklichen oder vermeintlichen Rechte. Rücksichtslosigkeit verbreitet sich. Ein Sonntagsausflug mit der Kombinutzung eines Panoramaweges belegt die zuvor beschriebene Kampfszene – dazwischen dann noch Kinder. Und Hunde, die hoch gefährdet sind.

Apropos rücksichtslose Gefährdung. Vor einigen Tagen wollte ich mir ein paar Sonntagsstunden in der Eifel gönnen, nur etwa zwanzig Kilometer vom Nürburgring entfernt. Also Ruhe war da schon angesagt. Kaum hatte ich am nachmittäglichen Kaffee- und Kuchentisch Platz genommen, glaubte ich Zeuge eines Motorradrennens zu sein – ohne aber die röhrenden Kampf-Zweiräder in der dichten Waldkulisse zu sehen. Der bis in die späten Abendstunden andauernde Beschleunigungshorror war unerträglich. Das angrenzende Naturschutzgebiet blieb äußerlich genauso ruhig wie ich. Aber fassungslose Wut über diesen Biker-Sound-Terror wuchs Stunde für Stunde.

Kirchlicher Segen für das „Anlassen“

Am Folgetag konnte ich dann die restlichen Informationen in das Raserbild einfügen. Am Sonntag hatten sich etwa 10.000 Biker auf dem Nürburgring getroffen. Zum 20. Mal fand auf dem Ring ein ökumenischer Motorrad-Gottesdienst mit einem gemeinsamen Korso über die Nordschleife der legendären Rennstrecke statt. Die Biker bekamen unter dem Motto „Anlassen“ wieder einmal den kirchlichen Segen für ihren Start in die Zweiradsaison. So weit so gut. 

Dass aber ein Teil der heimfahrenden Biker von Bewahrung der Schöpfung wohl eher nichts gehört hat, muss der Grund dafür sein, dass sie in Anwesenheit der Priester auf dem Ring smart die segnende Hand über sich spürten, auf den kurvigen Landstraßen dann aber vom Teufel geritten sein müssen. Unterhalb meiner Terrasse im Wald sind dann zwei Biker frontal zusammengestoßen: Ein Toter und ein Schwerverletzter. Einfach grässlich diese Rechnung für mörderische Unvernunft. 

„Cruisen for Future“ 

Die hier und da anzutreffenden Schilder „Rasen ist out“ – wieder waren sie wirkungslos. Auch in dieser entfesselten  Biker-Raser-Szene wären in aller Deutlichkeit Politik und Polizei gefordert. Dieser Krach, diese Geschwindigkeiten, dieses unaufhörliche Aufheulen der Motoren, diese CO2-Schleudern sind einfach gesundheitsgefährdend – für Biker und Anwohner. 

Hier hilft – das lehrt die Erfahrung – zumeist kein Verkehrsminister. Hier ist die von Wolfgang Huber verlangte praktizierte Verantwortung gefragt. Bürgerinnen und Bürger formieren sich bereits im Umfeld des Nürburgringes. Denn sie haben etwas zu verlieren: Gesundheit. Sie können etwas gewinnen: Mitwirkung in Demokratie.

„Cruisen for Future“ könnte ein besseres und gesünderes Motto für Biker sein. Hoffentlich dann bald mit einem leisen E-Motor.

Dieter Buchholtz