Putins Krieg und Kyrills Beitrag

 Von Wolfgang Bergsdorf

Autor Wolfgang Bergsdorf

 Christliche Würdenträger und ihre Anhänger zeichnen sich normalerweise durch eine vom Evangelium verlangte Friedensliebe aus. Kleriker, und vor allem Bischöfe, verabscheuen deshalb grundsätzlich jede Gewaltanwendung. Jedenfalls sollten sie es tun. Aber wie immer gibt es Ausnahmen. Eine solche ist der Moskauer Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK), Kyrill I., Oberhaupt von 100 Millionen orthodoxer Christen in rund 240 Diözesen in Russland. Wie Wladimir Putin stammt er aus Sankt Petersburg und war – wie auch das Staatsoberhaupt – vor seiner kirchlichen Karriere Offizier des berüchtigten Geheimdienstes KGB download the studies for free. Von zahlreichen Fernsehbildern wissen wir, dass der russische Diktator vor geraumer Zeit seine religiöse Ader entdeckt und die russische Kirche zum Zwecke der nationalistischen Indoktrination instrumentalisiert hat. Putin ist regelmäßiger Gast bei feierlichen Gottesdiensten und hat sich mit einer Kerze in der Hand immer wieder fotografieren lassen.

Der russische Staat überschüttet die kirchliche Hierarchie nicht nur mit Wohlwollen, sondern auch mit zahlreichen Wohltaten und domestiziert sie so in einem goldenen Käfig. Deshalb ist es nicht ganz überraschend, dass der Moskauer Patriarch wie auch die staatliche Propaganda für die Ereignisse in der Ukraine die Bezeichnung „Krieg“ vermeidet und die Putin’sche Formel von den militärischen Sonderaktionen übernimmt, mit der die „Kräfte des Bösen“ (also die orthodoxen Soldaten der Ukrainer) aber auch der Westen insgesamt, bekämpft werden sollen. Denn die „moralische Dekadenz des Westens“ wird an der Libertinage und der öffentlichen Duldung der Homosexualität festgemacht. Kyrill ist klar, dass der Kampf gegen die Ukrainer „keine physische, sondern eine metaphysische Bedeutung hat“ twitch addons downloaden. Denn es handele sich um eine Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse. Gut ist in diesem Fall die Position Putins, der die Rus wiederherstellen will, also jenes mittelalterliche Großreich mit der Hauptstadt Kiew, in dem Russen, Ukrainer (Kleinrussen) und Weißrussen ihre gemeinsamen Vorfahren sehen.

Der apostelgleiche Wladimir der Große stand am Beginn der Christianisierung Russlands, als er im Jahre 988 aus Anlass seiner Vermählung mit Anne von Byzanz die Taufe erhielt. Die Orthodoxie wurde dann die Klammer, welche die Menschen des Rus zusammenhielt. Nach dem Mongolen-Einfall im 13. Jahrhundert entstand aus den Trümmern des alten Rus im Nordosten ein neuer Staat, der im 16. Jahrhundert mit dem Zentrum Moskau als russländisches Reich zur europäischen Großmacht aufstieg. Die Vorfahren der Ukrainer gerieten unter die Herrschaft des Königreiches Polen-Litauen fernsehsendungen herunterladen kostenlos. Die östlichen Teile der heutigen Ukraine unterstellten sich Mitte des 17. Jahrhunderts dem russischen Zaren, während die westlichen Teile, 1783 durch die zweite Teilung Polens 100 Jahre später unter die russische Herrschaft gerieten. Deshalb wurden die Westukrainer durch geistige Strömungen wie Humanismus, Reformation und Aufklärung beeinflusst, die Russland und die von ihr beherrschte Ostukraine nur gestreift hatten.

In den Jahrhunderten danach versuchten die Ukrainer immer wieder, eine eigene Staatlichkeit zu erreichen. Sie hatten dabei aber nur wenig Erfolg, auch wenn sie 1948 neben der Sowjetunion zu den Gründungsmitgliedern der Vereinten Nationen wurden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Ukraine das am stärksten von Gewalt heimgesuchte Land in Europa, das Zentrum von „bloodlands“, die der amerikanische Historiker Timothy Snyder beschrieben hat music legal. In den beiden Weltkriegen, im Russischen Bürgerkrieg und in dem Holodomor, der von Stalin in den dreißiger Jahren verursachten Hungersnot, starben mehr als 12 Millionen Ukrainer unterschiedlicher ethnischer Herkunft.

Zurück zu der „Friedensmission“ Putins, der die Einflusszonen wieder herstellen will, die Russland durch die Auflösung der Sowjetunion verloren hat. Nachdem die kommunistische Weltanschauung mit dem Ende des Kalten Krieges implodiert war, benötigte Putin eine neue Weltsicht, die mit der alten einiges gemeinsam hat, aber sich auch von ihr unterschied. Und hier entdeckte er den Imperialismus, der nicht mehr auf die Eroberung der ganzen Welt abzielt, sondern sich auf die eigene Nation fokussiert und auf jene Einflusszonen, in denen Russen in nennenswerter Zahl wohnen herunterladen. Die Wiederherstellung dieses Imperiums ist Putins Ziel. Von ihm hat er seit geraumer Zeit immer wieder öffentlich gesprochen, ohne dass sein eigenes Publikum und schon einmal gar nicht die Öffentlichkeit der westlichen Welt dies ernst genommen hat.

Als gelernter Geheimdienstler beherrscht Putin das große und das kleine Instrumentarium der Desinformation. Jetzt hat er zwei hohe Geheimdienst-Funktionäre zum Hausarrest verurteilt, weil sie ihm offensichtlich falsche Informationen über die Stimmung in der Bevölkerung der Ukraine geliefert hatten. Putin war felsenfest davon überzeugt, dass seine Truppen von den Ukrainern mit Blumensträußen empfangen und als Befreier von den „Neofaschisten“ bejubelt würden. Die Geheimdienste hatten dem Diktator das geliefert, was er wünschte.

Vermutlich hatten nicht einmal die Geheimdienste damit gerechnet, dass Putin seine neoimperialistische Rhetorik wirklich ernst nimmt und zum Aggressor gegen die Ukraine wird herunterladen. Nun muss er wahrscheinlich mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, dass sein Überfall auf die Ukrainer die Bildung dieser Nation mächtig vorantreibt und vermutlich alle Ukrainer in der Überzeugung und Entschlossenheit einig sind, dem Aggressor die Stirn zu bieten. Es werden sich zu wenige Ukrainer finden, um eine russische Marionettenregierung in der Ukraine zustande zu bringen. Was er mit seinem Überfall auf die Ukraine bewirkt hat, ist das Gegenteil seiner Intention: 42 Million Ukrainer werden nichts mehr wünschen, als der russischen Welt zu entkommen.

Putin wird nicht der einzige Verlierer dieses Krieges sein. Auch Kyrill als sein Helfershelfer wird ihm in dieser Position Gesellschaft leisten. Das heimische Publikum wird der Moskauer Patriarch möglicherweise täuschen können, den Angriffskrieg als Putins „Friedensmission“ zu rechtfertigen videoload film downloaden. Hätte Putin das Wort „Angriffskrieg“ benutzt, dann hätte Kyrill den Aggressor als Sünder bezeichnen müssen. Und zwar ausgerechnet gemäß der Sozialdoktrin der orthodoxen Kirche, die 2000 in Moskau unter Kyrills Führung verabschiedet worden war. Damit suchte der Patriarch seinerzeit Anschluss an die katholische Soziallehre und an die evangelische Sozialethik. In dieser Sozialdoktrin werden auch Nationalismus und Feindschaft zwischen den Völkern als Sünde erkannt und Krieg als Missbrauch der gottgegebenen Freiheit abgelehnt. Den Gläubigen verbot Kyrill nicht die Teilnahme an Kämpfen. Allerdings nur, solange sie der Verteidigung dienen.

Nach der Armee ist die russisch-orthodoxe Kirche die Institution, denen die Russen am stärksten vertrauen. Der Moskauer Patriarch hat also eine große Verantwortung, dieses Vertrauen nicht zu verspielen. Sobald seine Gläubigen bemerken, wie sie hinter das Licht geführt werden, droht ein Vertrauensverlust wie kann ich youtube video herunterladen. Die Glaubwürdigkeit der Kirche ist ohnehin schon angeschlagen seit der russischen Annexion der Krim 2014. Und auch die Kämpfe der russischen Milizen im Donbass haben das Vertrauen in die russisch-orthodoxe Kirche vermindert. Damals kam es zu einer Kirchenspaltung. Etwa die Hälfte der Ukrainer haben sich kirchlich selbstständig gemacht und eine autokephale (also von Moskau unabhängige und eigenständige) orthodoxe Kirche mit dem Metropoliten von Kiew gegründet. Diese wurden 2019 vom Patriarchen von Konstantinopel, dem Ehrenoberhaupt der gesamten Orthodoxie, als selbstständige Kirche anerkannt.

Das wiederum war für das Patriarchat in Moskau der Anlass, alle Beziehungen zu orthodoxen Kirchen abzubrechen, welche die ukrainische Kirche anerkennen. Der heutige Metropolit der ukrainischen orthodoxen Kirchen, Epiphanius, hat die russische Aggression gegen sein Land scharf verurteilt und Kyrill gebeten, auf Putin einzuwirken, damit die Russen sich aus der Ukraine zurückziehen von soundcloud musik downloaden. 8 Prozent der Ukrainer, die vor allem im Westen des Landes leben, sind griechisch-orthodoxe Christen und anerkennen den Papst in Rom als Oberhaupt. Ihr Großerzbischof Schewtschuk – seit 2011 im Amt – hat den Krieg ebenfalls als Angriffskrieg bezeichnet und daran erinnert, dass seine Kirche immer dann systematisch zerstört wurde, wenn Russland über die Ukraine herrscht.

 Interessant ist die russisch-orthodoxe Kirche im Osten der Ukraine, die dem Moskauer Patriarchen als Oberhaupt untersteht. Etwa 15 Prozent der Ukrainer in 12 000 Gemeinden bekennen sich als Gläubige dieser zum Moskauer Patriarchat gehörenden Kirche, in der aber seit dem Beginn des Überfalls in die Ukraine der Name des Moskauer Patriarchaten nicht mehr genannt wird. Denn dessen Metropolit, Onufrij, spricht ebenfalls von einer russischen Invasion und von einem Bruderkrieg. Dieser Krieg hat die Hoffnung der Russisch Orthodoxen Kirche zerstört, zu den kirchlichen Verhältnissen der Vergangenheit zurückzukehren und damit auch wieder über Tausende von Kirchengrundstücken zu verfügen. Das Moskauer Patriarchat muss vielmehr befürchten, nach dem Krieg auch die Reste jener Basis in der Ostukraine zu verlieren, die es bisher noch behalten konnte herunterladen. Fazit: Es gibt nur Verlierer.

Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf (Jahrgang 1941) ist nicht nur Politologe, sondern war, unter anderem als Mitglied von Helmut Kohls so genanntem „Küchenkabinet“, jahrelang selbst aktiv am politischen Geschehen beteiligt.  Zudem war Bergsdorf in der Regierungszeit Kohls Leiter der Inlandsabteilung des Bundespresseamtes und anschließend Chef der Kulturabteilung des Bundesinnenministeriums. 1987 war er zum außerplanmäßigen Professor für Politische Wissenschaften an der Bonner Universität ernannt worden. Von 2000 bis 2007 amtierte er als Präsident der Universität Erfurt.