Putins Ideengeber

 Von Wolfgang Bergsdorf

Autor Wolfgang Bergsdorf

Tausende von Experten in den Denkfabriken dieser Welt unternehmen seit geraumer Zeit den Versuch, die Gedankenwelt des russischen Diktators Wladimir Putin zu erforschen und seine geistigen Stichwortgeber ausfindig zu machen. Dabei kommt erstaunlicherweise ein Name systematisch zu kurz, der Putin sehr stark beeinflusst, obwohl dessen Träger schon seit fast 70 Jahren tot ist. Der russische Religionsphilosoph Ivan Alexander Iljin (1883-1954) wird von Putin seit geraumer Zeit als Begründer eines christlichen inspirierten Autoritatismus gewürdigt, für den vor 100 Jahren in Italien der Begriff „Faschismus“ erfunden wurde. Putin ließ die sterblichen Überreste Iljins sogar 2005 in der Schweiz exhumieren und im Moskauer Donskoi-Kloster bestatten, wie dieser es sich in seinem Testament gewünscht hatte arbeitslosengeld antrag herunterladen.

Selbstverständlich ehrte Putin Iljin bei dieser Zeremonie durch seine Präsenz. Der damalige Patriarch der Russisch­Orthodoxen Kirche (ROK), Alexis II., sah in der Umbettung ein Zeichen für die „wiederhergestellte Einheit zwischen der russischen Nation und der orthodoxen Kirche“. Putin sorgte dann auch dafür, dass Iljins Nachlass aus der Michigan State University nach Russland verbracht wurde.

Wer aber war Ivan Alexander Iljin? Der Mann war ein konservativer russischer Monarchist mit großen Sympathien für den Faschismus und ein Slawophiler mit imperialistischen Träumen, der nicht zuletzt auch auf den russischen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn starken Einfluss ausübte. Nach der Oktoberrevolution von 1917 geriet Illjn wegen antikommunistischer Aktivitäten in das Visier der Bolschewiken, wurde verhaftet und zum Tode verurteilt epaper herunterladen. Er kam jedoch noch einmal davon und wurde 1922 mit 160 anderen Intellektuellen aus Russland verbannt. Mit dem sogenannten Philosophenschiff landete er in Stettin und übersiedelte ein Jahr später nach Berlin, wo eine große Zahl russischer Exilanten lebte.

Dort gründete er eine religionsphilosophische Akademie, an der er bis 1934 als Professor beschäftigt war und in dieser Zeit zum einflussreichsten Ideologen der antikommunistischen „weißen Bewegung” wurde. In seinem Buch „Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse” rief Iljin zum Mut auf, ,,zu verhaften, zu verurteilen, zu erschießen”. Maxim Gorki charakterisierte diese Schrift nicht zu Unrecht als ein „Evangelium der Rache”. Für die Machtergreifung Hitlers 1933 äußerte er Verständnis, denn der Faschismus sei die Antwort auf die bolschewistische Barbarei herunterladen. Hitler wurde von ihm als den Verteidiger Europas bewertet. Diesen Sympathien zum Trotz bekam er Schwierigkeiten mit den Nazis und übersiedelte 1938 nach Genf, wo er sich Gedanken über die Staatsform nach dem Kommunismus machte. Er plädierte für eine „nationale, patriotische, keineswegs totalitäre, doch autoritäre und zugleich erziehende und aufweckende Diktatur”.

Die europäischen Republiken, schrieb er, seien dem Untergang geweiht, und deshalb sei die Demokratie schädlich für das Grundgesetz des russischen Imperiums. Von Iljin stammt auch die Sakralisierung der russischen Sprache, die bei Putins Rede so auffällig ist. Er schrieb schon vor 80 Jahren: ,,Wir werden unsere Freiheit und unsere Gesetze von unserem russischen Patrioten erhalten, der Russland die Erlösung bringt”. Einheit von Staat und Kirche, er (der Präsident) als Erlöser – das sind die Stichworte, die seit mehr als einem Jahrzehnt die geistigen Hintergründe von Putins Regime aufleuchten lassen buy and download series. Dazu gehört natürlich eine Geschichtsdeutung, die Russland in den Mittelpunkt rückt und seine Feinde im Westen sucht. Nach dem Sieg über Hitler-Deutschland, das im Laufe der Jahre immer stärker von einem sowjetischen zu einem russischen Triumph wurde, werden nach dieser Auslegung alle Kräfte, die die historischen Fakten anders interpretieren, als „Nazis“ bezeichnet. Der Kampf gegen die Nazis in der Ukraine, im Westen, in der NATO wird so zur patriotischen Pflicht.

Seit 2013 läuft in Moskau eine Geschichtsausstellung mit dem Titel „Russland – Meine Geschichte”, die der geistigen Aufrüstung dient. Mittlerweile existiert in der Hauptstadt ein moderner Geschichtspark zur Vermittlung des gewünschten patriotischen Historienbildes. Initiator ist die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK), die zusammen mit der Akademie der Wissenschaften, der Stadt Moskau und einigen staatlichen Universitäten diesen Multimediapark entwickelte. 15.000 Besucher werden dort täglich gezählt.

Inzwischen gibt es 22 Ableger des Projekts, die im ganzen Land verstreut sind. Die zentrale Botschaft der Dauerausstellung lautet: Zentralisierung ist eine Wohltat und unumgänglich, ohne sie würde alles zusammenfallen und sich auflösen ancestry stammbaum downloaden. Zersplitterung heißt Schutzlosigkeit. Die Geschichte Russlands sei immer dann gut verlaufen, wenn das Imperium unter fester zentralistischer Führung durch einen starken Herrscher geeint gewesen sei und Staatsmacht und Kirche eng zusammengearbeitet hätten. Seit Anbeginn – so die Botschaft – habe sich Russland gegen Feinde und Aggressoren aus dem Westen verteidigen müssen; immer habe der Westen versucht, Russland zu schwächen und im Land Zwietracht zu säen, indem er Lügen verbreitete, oppositionelle Kräfte unterstützte und Revolutionen anzettelte. Weiter im Text: Russlands Kriege seien immer Verteidigungskriege gewesen, die das Land vor äußeren Bedrohungen retteten, allerdings auch seine Territorien und seine Macht vergrößert hätten. Dass die Kirche die hurrapatriotische Kunde in dem Multimedialen Geschichtspark gestaltet hat und auch in dem aktuellen Konflikt mit der Ukraine kein Blatt Papier zwischen der Staatsführung und der Kirche passt, lässt vergessen, dass Patriarch Kyrill 2014 der feierlichen Inszenierung zur Heimholung der Krim nicht beigewohnt und die Annexion der Halbinsel zumindest offiziell nicht begrüßt hatte 3d raumplaneren.

Aber das ist sieben Jahre her. Inzwischen ist die russisch-orthodoxe Kirche auf die Kriegspropaganda des Kreml eingeschwenkt und untermauert sie religiös: Die Zusammengehörigkeit von Russland und der Ukraine sei von außen bedroht. Die orthodoxen Gläubigen der ROK in der Ukraine würden entrechtet sowie die traditionellen Werte Russlands durch die liberalen Werte wie Selbstbestimmung, Säkularisierung, Pluralismus und sexuelle Selbstbestimmung (Schwulenparade) herausgefordert. Ob Patriarch Kyrill diese Motive als Kriegsziele immer noch unterstützt, ist unbekannt. Bekannt ist, dass die russische Armee im Donbass insbesondere Gotteshäuser beschädigt und zerstört hat. Und bekannt ist auch, dass der russische Angriff auf die Ukraine den größten Teil der Gläubigen der ROK dazu bewogen hat, sich der ukrainischen orthodoxen Kirche anzuschließen, die sich 2018 von der russischen trennte und selbstständig wurde Download sims 2 accessories packs for free.

Mittlerweile haben sich viele orthodoxen Kirchen dazu entschlossen, dem Moskauer Patriarchat Neokolonialismus und Imperialismus vorzuwerfen, weil es sich nicht von Putins Angriffskrieg distanziert. Selbst die Moskau-freundliche Serbisch-Orthodoxe Kirche übte Kritik an der russischen Staats- und Kirchenführung. Früher hatte sie das Moskauer Patriarchat in der Ukraine-Frage immer unterstützt. Aber auch in der ROK selbst gibt es Probleme. Zu den ersten Opfern des im März 2022 von der Duma (dem Moskauer Parlament) verabschiedeten Zensurgesetzes, wonach das Wort „Krieg“ für die militärische Spezialoperation in der Ukraine nicht verwendet werden dürfe, gehörte ein Priester der Oblast (Region) Kostroma. Er wurde zu einer Strafe von dreimal 35 000 Rubel verurteilt, weil er am 6. März – an dem Tag, an dem sein Patriarch Kyrill von einem ,,metaphysisrhen Krieg” – sprach, über das biblische Gebot, gepredigt hatte „Du sollst nicht töten“ windows 8 update manually!

Viele Menschen in der EU haben sich gewundert, dass der Moskauer Patriarch Kyrill als erster Kirchenführer auf der Sanktionsliste gelandet ist, die ihm das Reisen in die Europäischen Union verbietet und auch sein Vermögen in der EU beschlagnahmt. Über die Mobilitätseinschränkung wird er gewiss locker hinwegkommen, aber der Einzug seines Vermögens wird ihn treffen. Man wusste zwar im Westen, dass Kyrill wie auch Putin, im berüchtigten Geheimdienst KGB seine Karriere begonnen hatte. Man wusste aber nicht, dass er (genau wie Putin) in den vergangenen Jahren ein Milliardenvermögen angehäuft hat: Wohnungen, Villen und auch eine Yacht im Wert von 4 Millionen Euro, ein Geschenk des Öl-Konzerns Lukoil. Einige seiner Besitztümer liegen in westlichen Ländern und dürften vermutlich konfisziert werden.

Seinen Reichtum verdankt der orthodoxe Oberhirte einem Steuerprivileg, das der russischen Staat der Kirche vor vielen Jahren eingeräumt hat – sie darf Zigaretten zollfrei importieren download quicktime player for free. Mit den Gewinnen daraus konnte Kyrill Geschäfte mit Autos, Erdöl und Juwelen, darunter auch Uhren, tätigen. Er selbst trug eine Schweizer Uhr im Wert von 30.000 Euro. Der Patriarch hatte das lange vehement bestritten – bis ihn ein Foto überführte. Über das Dementi des Patriarchen höhnen seine Kritiker, ebenso könne er dementieren, dass er einen Bart trage. Würde sich das Gebaren des Patriarchen in westlichen Staaten vollziehen, spräche man wohl von Korruption. Aber bei der Elite Russlands verbietet sich dieser Ausdruck. Dort nennt man das: ,,Verdienste um das Imperium“.

 

Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf (Jahrgang 1941) ist nicht nur Politologe, sondern war, unter anderem als Mitglied von Helmut Kohls so genanntem „Küchenkabinett“, jahrelang selbst aktiv am politischen Geschehen beteiligt unity web player downloaden.  Zudem war Bergsdorf in der Regierungszeit Kohls Leiter der Inlandsabteilung des Bundespresseamtes und anschließend Chef der Kulturabteilung des Bundesinnenministeriums. 1987 war er zum außerplanmäßigen Professor für Politische Wissenschaften an der Bonner Universität ernannt worden. Von 2000 bis 2007 amtierte er als Präsident der Universität Erfurt.