Angemerkt

Kein Querdenker-Paradies mehr

Paraguay ist der neue Sehnsuchtsort für Corona-müde Europäer. Vor allem Deutsche hat es in das 7-Millionen-Einwohner-Land zwischen Argentinien, Brasilien und Bolivien gezogen. Und das nicht zum ersten Mal. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert haben zahlreiche deutsche Einwanderer Dörfer und Städtchen in dem südamerikanischen Staat gegründet, der deutlich größer ist als das heutige Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Land bevorzugtes Ziel flüchtiger Nationalsozialisten, über die der Diktator Alfredo Stroessner seine schützende Hand hielt. Jetzt zog es in Scharen Querdenker und Impfgegner dorthin – bis die Regierung dem einen Riegel vorschob.


Olympische Doppelmoral

Am Ende sind die Götter schuld. Als Homer-Kenner wissen wir: Sie waren das Ebenbild der Menschen, die von ihnen geschaffen wurden – also herrschsüchtig, gewalttätig und ränkevoll. In Summe eine ziemlich unkorrekte Gesellschaft. Wie kann man daher erwarten, dass Feste, die ihnen zur Ehre alle vier Jahre ausgerichtet werden, korrekt und unschuldig sind? Die Olympischen Spiele in China, die uns in den nächsten vierzehn Tagen hoffentlich gut unterhalten werden, sind es jedenfalls nicht. Aber sind auch westliche Moral und Entrüstung absolut rein und sauber?


Bleibende Scham

Vor 44 Jahren – 1978 also – hatte der Film „Holocaust“ weltweit (vor allem aber in Deutschland) für Aufsehen gesorgt, Diskussionen ausgelöst, zum Streit zwischen Historikern geführt, vor allem aber viele junge Menschen unangenehm bohrende Fragen an ihre Eltern und Großeltern stellen lassen. Es ging um die Geschichte der fiktiven deutschen Familie Weiss; genauer: Um deren Zerstörung und Vernichtung durch die Nazis. Der Hollywood-Streifen glänzte nicht durch historische Genauigkeit. Dennoch schlug er besonders hierzulande ein wie eine Bombe. Ob das ähnlich ist bei dem ZDF-Streifen “Die Wannseekonferenz”? Es wäre sehr zu wünschen


Windige Windkraft

Win-win-Situationen kommen in der Politik wie im normalen Leben leider selten vor. Häufiger anzutreffen ist das Gegenteil, nämlich die Qual der Wahl zwischen zwei Zielen, von denen jedes nur durch Schädigung des andern erreicht werden kann. Die mulmige Gefühlslage, die sich dabei einstellt und die in der Sozialpsychologie als „kognitive Dissonanz“ bekannt ist, begleitet Ampel-Wirtschaftsminister Robert Habeck auf Schritt und Tritt. Momentan reist er als Vertreter für Windräder durch die Lande, wohl wissend, dass mehr Rotoren mehr Landschaftszerstörung bedeuten. Schwer vorstellbar, dass die Grünen in der Regierung ausgerechnet das umzusetzen vermögen, was sie in Oppositionszeiten vehement bekämpften.


Freiheit heißt immer auch Verantwortung

„Freiheit statt Spaltung“ stand jüngst auf den fein säuberlich gedruckten Schautäfelchen zu lesen, die während einer parlamentarischen Fragestunde auf der rechten Seite des Bundestag-Plenarsaals in Berlin von den Abgeordneten der „Alternative für Deutschland“ (AfD) provokativ in die Kameras gehalten wurden. Deutlich weniger professionell, aber trotz der etwas krakeligen Schrift auf einem knittrigen Plakat gut lesbar, verlangte zur etwa gleichen Zeit eine Demonstrantin irgendwo in Deutschland „Freiheit statt Diktatur“. Szenen wie diese gehören mittlerweile zur Normalität hierzulande. Als Teil des politischen Alltags genauso, wie draußen auf den Straßen – dem so genannten vorpolitischen Raum. Was ist los in diesem Land und seiner Gesellschaft?


Dämmerung des Christentums

Die Gottesdienste an Weihnachten waren trotz Pandemie-Bedingungen so voll wie nie sonst während des Jahres. Dennoch hatte das Christfest des Jahres 2021 eine Besonderheit-  es könnte das letzte gewesen sein, das in einer christlichen und christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft stattfand. Wenn zum nächsten Mal die Kirchenglocken zur Mitternachtsmesse einladen, dann werden – mit hoher Wahrscheinlichkeit – die Mitglieder der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland zusammen unter 50 Prozent der Gesamtbevölkerung geraten sein. Die Folgen für das gesellschaftliche Gefüge werden einschneidend sein.


Deutschland und die Russlandversteher

Sich irren, kann vorkommen. Im Irrtum verharren,  ist dagegen unentschuldbar. Über viele Jahre hat Berlin versucht, durch Nachsicht und Beschwichtigung mäßigend auf die Aggressivität der russischen Politik einzuwirken. Erreicht wurde das Gegenteil. Jetzt wäre der Zeitpunkt für ein Umsteuern gekommen. Die neue Bundesaußenministerin muss zeigen, dass sich nicht nur die Tonlage ändert.


“…und wie man Freunde verliert”

Eigentlich wäre jede Regierung gut beraten, eine Politik zu betreiben, die sich an dem Handbuch orientiert “Wie man Freunde gewinnt”. Was allerdings Polens regierende nationalkonservative Partei PiS (in deutscher Übersetzung “Recht und Gerechtigkeit”) schon seit geraumer Zeit praktiziert, entspricht eher dem Inhalt der zweiten Handlungsanweisung: “…und wie man sie wieder los wird”. Im Fokus der von Warschau ausgehenden “Nettigkeiten” steht (keine Überraschung mehr) wieder einmal Deutschland. Gespickt mit der Forderung nach Reparationen für die im Krieg erlittenen Leiden und Zerstörungen. Auf dem Wunschzettel steht die Summe von 840 bis 850 Milliarden Euro!


Die wunderbare Ampel

Das trikolore Berliner Bündnis ist anständig in die Gänge gekommen. Der Antritt war blitzsauber. Keine Streitereien im Verhandlungsprozess, keine Durchstechereien, Zeitplan eingehalten. Summa summarum hat die Ampel ein Startkapital gesammelt, das beachtlich ist. Aber Erfolgsgeschichten werden nicht im Zauber des Anfangs geschrieben, sondern in den Mühen der Ebene.


Am liebsten mit dem Kopf im Sand

“Was nützt die beste Sozialpolitik, wenn die Kosaken kommen?” Der Satz stammt von dem großen liberalen Vordenker und Politiker Friedrich Naumann (1860 – 1919) und gehörte zu den Lieblingszitaten von Helmut Kohl. Heute glaubt kaum ein Mensch an einen Krieg mit Russland. Warum jedoch lässt Wladimir Putin mehr als 100 000 Soldaten und 1200 Kampfpanzer an den Grenzen zur Ukraine und zu den Baltischen Staaten aufmarschieren? Es herrscht wieder ein rauer Ton zwischen Ost und West. Aber Außen- und Sicherheitspolitik spielt hierzulande kaum eine Rolle…