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Neokolonialismus à la China

Von Dietrich Kantel

Mitte der 1900-er Jahre endete die europäische Kolonialzeit in Afrika. Die in die Unabhängigkeit entlassenen Ländergebilde in Grenzen, die 1884/85 auf der Berliner Afrikakonferenz willkürlich fixiert wurden, landeten in der Regel alsbald unter der Fuchtel von Despotenregimen. Diese plündern „ihre“ Länder zum Schaden der Bevölkerung seither mehrheitlich rigoros aus. Während die europäischen Staaten ihre Milliarden an Entwicklungshilfe mit Forderungen an „Good Governance“ und Demokratisierung zu koppeln suchen, hat sich ein neuer Player in Afrika etabliert: China. Demokratie, „Good Governance“, Menschenrechte: egal.

Das Elend Afrikas

Autor Dietrich Kantel

„Städte, die sich in ihrem Elend und ihrer Verwahrlosung durch nichts unterscheiden. In den unsäglich zerrütteten Städten des Afrika südlich der Sahara fristen die von ihren Regierungen ignorierten Armen – die Millionen, die Mehrheit – ein kümmerliches Dasein unter nahezu identischen Bedingungen. Sie hausen in Hütten zwischen dem Müll minderwertiger, in China hergestellten Haushaltswaren – Schüsseln und Eimern aus Plastik – und tragen in China gefertigte Kleidung. … Sie leiden alle unter denselben Unzulänglichkeiten – Nahrungsmangel, Fehlen von Sanitäreinrichtungen, Krankenhäusern, Schulen und Sicherheit – und denselben Krankheiten: Cholera, Malaria, Tuberkulose und HIV/Aids.“

So fasst Paul Theroux, der über Jahrzehnte wohl erfahrenste westliche Afrikareisende, den Ist-Zustand Afrikas südlich der Sahara zusammen in seinem 2017 erschienenen Buch „Ein letztes Mal in Afrika“. Der Grund für diesen Zustand ist bekannt: Die beachtlichen Einnahmen zahlreicher Staaten aus immensem Rohstoffvorkommen landen überwiegend in den Taschen der jeweils an die Macht Gekommenen. Mit den Entwicklungshilfegeldern geht es kaum anders.

Bad Governance

Ein Beispiel. Der vermutlich reichste Mann Schwarz-Afrikas ist Eduardo dos Santos. Zu Zeiten des Kalten Krieges wurde der damals mittellose Jungfunktionär der kommunistischen angolanischen MPLA im sowjetischen Baku zum Erdölingenieur ausgebildet. 1979 wurde er von Breschnew als Angolas Staatspräsident installiert. Er blieb dies bis 2017. In den 38 Jahren seiner Herrschaft scheffelten er und seine Familienmitglieder aus den steigenden Erdöleinnahmen des Landes Milliarden. Kenner der Erdölbranche wussten schon in den 1980-er Jahren zu berichten, dass die Familie dos Santos je Barrel Öl einen US-Dollar für sich kassierten. Privat. Laut der US-Behörde „Energy Information Administration“ betrug die Erdölproduktion Angolas zwischen 1980 und 2014 durchschnittlich 866.000 Barrel täglich. Macht 316 Millionen Barrel im Jahr. Macht 316 Millionen US-Dollar im Jahr für den dos Santos-Clan. Und die vermutlich reichste Frau Afrikas? Isabel dos Santos. Die älteste Tochter des Ex-Präsidenten.

Während die Erdöleinnahmen weiter sprudeln, wie auch die Einnahmen aus der Förderung von Diamanten oder von Platin, Gold, Kupfer, Bauxit, Zinn, Uran und anderen, lebt der weit überwiegende Teil der Bevölkerung des Landes unverändert in bitterer Armut.

China investiert politisch bedingungslos …

„Bad Governance“, am exemplarischen Beispiel von Angola, ist für die Länder des „Sub Saharan Africa“ der Normalfall. Das ficht den Newcomer in Afrika, China, nicht an, massiv in gerade solchen Staaten zu investieren. Auf Kreditbasis und gegen entsprechende Sicherheiten versteht sich. 90 Milliarden US-Dollar an Krediten sind allein in den letzten 10 Jahren aus China an afrikanische Regierungen oder deren Staatsunternehmen geflossen.

Chinesen bauten 45 Kilometer Nahverkehr auf Schienen in Abuja, der Hauptstadt Nigerias. Namibia: Ausbau des Tiefseehafens von Walfischbucht zum Drehkreuz für das südliche Afrika. In Uganda: eine komplette Autobahn. In Äthiopien: eine 750 Kilometer lange Eisenbahnlinie. In Angola setzten sie die einst von den Portugiesen und Briten gebaute, im Bürgerkrieg zerstörte legendäre Benguela-Eisenbahn (1.300 Kilometer) in Stand und lieferten auch gleich die Lokomotiven mit. In Djibuti finanzierten sie für knapp 400 Millionen US-Dollar die größte Freihandelszone in ganz Afrika. Und und und …

Die Arbeiter liefern sie im großen Stil gleich mit. Zwangsgastarbeiter könnte man diese armen chinesischen Kerle nennen. Dazu später mehr.

aber wirtschaftlich gnadenlos

So werden die afrikanischen Staaten Schritt für Schritt abhängig gemacht. Nochmal Angola: Das so Einnahme starke Land hat inzwischen Probleme, die chinesischen Kredite zu bedienen und deswegen beim Internationalen Währungsfond (IWF) um Hilfe angeklopft.

Wie rigide China mit klammen Kreditnehmern umgeht, hat es bisher zwar noch nicht in Afrika gezeigt. Allerdings in Sri Lanka. Weil das Land seine Schulden an China nicht begleichen konnte, wurde die Regierung gezwungen, den mit chinesischen Geldern finanzierten Hafen Hambatota nebst 60 Quadratkilometern Umland Ende 2017 auf 99 Jahre an China zu übergeben. Man holt sich die Projekte also einfach „zurück“. Widerstand zwecklos.

Und Waffen obendrauf

Die kleptokratischen afrikanischen Regime gieren nach Waffen. Man muss sich ja gegen das eigene Volk wappnen. China ist dabei. Oft über Umwegfinanzierung oder über Koppelgeschäfte. Aktuell auf Nummer Drei in Afrika. So sagt es das „Center for International Strategic Studies (CSIS). Über den analysierten Zeitraum von 2008 bis 2017. In Führung liegt Russland mit einem Exportwert von über 12 Milliarden US-Dollar. Vergleichsweise abgeschlagen die USA mit 4,9 Milliarden. Dicht gefolgt jedoch von China: 3 Milliarden. Und die chinesischen Waffen sind billiger. Also bekommt man mehr davon für’s Geld.

Afrika: Chinesische Strafkolonie?

Zu Zehntausenden entsenden die chinesischen (Staats-)Unternehmen Arbeiter in die afrikanischen Länder. Die Spezialität ist wenig bekannt. Der Deal: Chinesischen Häftlingen, darunter zahllose Gewaltverbrecher, wird Strafaussetzung gewährt, wenn sie sich für mehrere Jahre, abhängig vom Strafmaß, zu körperlich harten Arbeiten gegen geringes Entgelt in Afrika verdingen. Der Lohn: Nach Ableistung der Verpflichtungszeit wird die Freiheitsstrafe getilgt. Die Männer sind frei und dürfen, wenn sie es wünschen und Abkommen mit den afrikanischen Regierungen bestehen, in Afrika bleiben und ihre Familien nachholen. So generiert China landeskundige Arbeiter, die hilfreich sein werden für Folgeprojekte. Und so setzt China Keimzellen für eine weitere Übernahme des Kontinents. Afrikanisches Farmland wird in großem Stil aufgekauft. Zur Sicherung der Ernährung des bevölkerungsreichsten Landes der Erde. Auch da kann man gut Zwangsgasterbeiter unterbringen.

Die staatlich gesteuerte Invasion chinesischer Menschen, das heißt zunächst: von alleinstehenden Männern, führt inzwischen zu Friktionen. Von Luanda, der boomenden Hauptstadt Angolas und der teuersten Stadt der Welt, wurden gewalttätige Demonstrationen vermeldet gegen die chinesische Arbeiterinvasion. Warum werden nicht wir Angolaner in Arbeit gebracht? Und in Namibia berichtet die unabhängige „Nationale Gesellschaft für Menschenrechte“ (NamRights) von zunehmenden Vergewaltigungen namibischer Frauen durch die wachsende Zahl chinesischer Strafarbeiter. Derweil ist die namibische Regierung in Windhuk bemüht, das Problem klein zu reden.

Nach China flieht man nicht

Europa, mit seinen ambitionierten Ansprüchen in Afrika nach dem lang verstrichenen Ende der Kolonialzeit „Good Governance“, die Demokratie und die Achtung der Menschenrechte zu befördern, ist gegenüber dem aggressiven Expansionismus Chinas bereits beträchtlich ins Hintertreffen geraten. Der europäische Einfluss in Afrika geht schleichend verloren. Doch der Aderlass junger afrikanischer Menschen (Männer), die das afrikanische Dilemma wegen der Perspektivlosigkeit verlassen, hat den Fluchtpunkt Europa. Nicht China.

Aber das ist eine andere Geschichte.