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Modern und ohne Barriere

Emanzipation des Alters

Autor Dieter Buchholtz

Schon längere Zeit ist Rücksichtnahme auf Seniorinnen und Senioren in unserem Land deutlich mehr als nur eine abstrakte Randbemerkung vor dem Hintergrund der viel zitierten älter werdenden Gesellschaft. Indizien dafür sind etwa die deutlichen Aufnahmen dieser Thematik in Parteiprogramme, in der praktischen Politik oder in kommerziellen Produktentwicklungen. Das ist ein wichtiger und anerkennenswerter Erfolg derjenigen Menschen, die sich seit langem für mehr Beachtung der Belange der älteren Bevölkerung eingesetzt haben. 

Die Emanzipation des Alters auf Augenhöhe mit der jüngeren Generation ist also durchaus ein Stück vorangekommen. Ein weiter Weg steht aber noch vor uns.

Verunsicherung ist programmiert

Umso mehr hat es mich gefreut, dass in der Vorfeld-Diskussion um die verkehrsrechtliche Einführung des E-Scooter-Rollers in Deutschland (E-Scooter-Beitrag in rantlos) immer wieder von unterschiedlicher Seite die notwendige und frühzeitige Rücksichtnahme auf die Interessen der älteren Mitmenschen eingefordert wurde. 

Denn es ist richtig, dass ein derartiges, elektrisch getriebenes Gefährt gehunsichere Seniorinnen und Senioren stark verunsichert, wenn sie ihre Wege mit diesen verhältnismäßig schnellen Tretrollern teilen müssen. Das gilt natürlich auch mit Blick auf Kinder oder Behinderte. Die vorgesehene Verbannung dieser modernen Mini-Fahrzeuge von den Bürgersteigen ist daher gegenüber den ursprünglichen Planungen durchaus ein Gewinn. 

Marode Infrastrukturen 

Vor diesem Hintergrund ist es also durchaus löblich, dass mit Hilfe des E-Rollers der CO2-Ausstoß reduziert werden kann. Unwohl wird es mir aber, wenn ich an die vielfach sehr marode und sparsame Infrastruktur unserer Radwege denke, auf denen sich bald neben den Fahrrädern auch e-gespeiste Flitzer einreihen. Hier müsste schnellstens und in sehr vielen Fällen mächtig nachgebessert werden. Auch müssten wohl die Radwege breiter angelegt werden. Von klaren und gut sichtbaren Markierungen auf den Wegen ganz zu schweigen.

Und irgendwie habe ich in unserem Land häufig das Gefühl, dass wir unterschwellig glauben, wir seien die ersten, die etwas Neues einführen. Dem ist zumeist nicht so. Auch den E-Roller gibt es u.a. bereits in Los Angeles und Miami. Auch in Tel Aviv und Paris hat man bereits sehr intensive Erfahrungen mit diesem Fortbewegungsmittel gemacht. Und es sind nicht nur positive. 

Stolperfallen inbegriffen

Rücksichtsloses Fahren auch auf den Fußwegen (ist nicht erlaubt), Fahren ohne Helm (obwohl Helmpflicht besteht), Stehenlassen der E-Renner als Stolperfallen auf dem Fußweg oder auf dem Radweg. Und der Tel Aviver Stadtverwaltung wird dazu noch vorgeworfen, dass sie nicht vor der Erlaubnis zum Gebrauch der E-Roller eine entsprechende Infrastruktur geschaffen habe. 

Im Sinne der älteren Verkehrsteilnehmer ist also dringend zu fordern, dass wir hier nicht die gleichen Fehler begehen. Ein Aspekt sollte in diesen Überlegungen auch eine Rolle spielen: Unter welchen Bedingungen können auch ältere Menschen als Fahrer an den modernen Entwicklungen ohne besondere Gefahr für die eigene Gesundheit teilnehmen?

Senioren mit Gewinn an der Spielekonsole

Diese grundsätzliche Frage nach der Teilhabe der Alten an der Modernisierung unseres Alltagslebens zeigt sich auch an einem weiteren Beispiel. Wie oft hört man Negatives über die Digitalisierung generell und über Videospiele im Besonderen. Schnell stehen die gefährlichen Seiten wie Sucht, Verrohung, Entfernung von der Realität im Fokus der Betrachtungen und Bewertungen. Ganz besonders gilt dies mit Blick auf junge Leute. 

Aber auch die Senioren sind im digitalen Spielegeschäft eine wachsende und damit interessante Zielgruppe. Der Verband „Game“ beziffert die über 50-jährigen Zocker auf 9,5 Millionen. In der Teilkategorie Health Games hilft wieder einmal der Blick ins benachbarte EU-Land Niederlande. Hier sind Spiele der Firma SilverFit bereits etabliert. 

In die Kurve im Pflegeheim

In Deutschland wurde jetzt speziell für ältere Menschen die Spielkonsole „MemoreBox“ vorgestellt. Denn besonders für Seniorinnen und Senioren entwickelte Video-Spiele unterstützen Gedächtnis, Lebensfreude und Beweglichkeit. Aus Studien weis man, dass die älteren Menschen mit Video-Spielen doppelt so lange üben. Eben weil es Spaß macht. Bundesweit wird nun unter wissenschaftlicher Begleitung der Berliner Humboldt-Universität in 100 Einrichtungen die Brauchbarkeit der Start-up-Konsole getestet. 

Es scheint sich nunmehr auch bezahlt zu machen, dass immer mehr ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger bereits smartphone- und laptop-gewohnt in den “Silber-Abschnitt” ihres Lebens gehen. Die Barrieren gegenüber der neuen Technik schmelzen dann dahin. Wenn also eine Seniorin sich in ihrem Rollstuhl vor einer Leinwand mit „ihrem“ Motorrad in die Kurve legt und gleichzeitig ein Ziel behalten muss, dann macht das den Probanden dieser Studie offensichtlich riesig Spaß. Der Nutzen für eine andere Art der Fortbewegung im Pflegeheim fährt dann einfach mit. Barrierefreit geht auch mal anders…

Dieter Buchholtz