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Migration war gestern schon

Nicht wirklich neu: Migration und ihre Geschichten

Autor Dieter Buchholtz

Migration als Schulwissen habe ich vor knapp 60 Jahren getankt. In Erinnerung geblieben sind mir im Wesentlichen nur die vielen bunten Karten im Geschichtsatlas. Große Pfeilflächen zeigten endlos an, wer von hier nach dort und von dort nach hier gewandert ist. Die Dramatik der Millionen von Menschen, die dahinter steckte, hatte keinen Platz beim pädagogisch-coolen Vermitteln des vermeintlich unumstößlichen Faktenwissens. Dahinter stand zumeist – so ist in meiner Rückerinnerung zu vermuten – eine Deutschland- oder auch Europa-Zentrierung. Die Botschaften dieser Karten wurden eben sehr häufig eng mit dem damals üblichen Geschichtsbild verbunden. Das war nicht nur in Deutschland so. Mit anderen Worten: Die Nationalstaaten prägten und prägen immer noch unterschiedliche Geschichtsbilder.

Um aber möglichst vorurteilsfreie Historie zu fördern, müssen mutig Landes- und Denkgrenzen überschritten werden. Das hat schon der frühere Bundespräsident Roman Herzog 1996 in seiner Rede beim 41. Deutschen Historikertag in München gefordert: „Wir müssen mehr voneinander wissen. Ohne gegenseitiges Wissen gibt es kein Verständnis, keinen Respekt und auch kein Zusammenleben. Die Geschichtswissenschaft muss hier sozusagen die Avantgarde werden, die dieses Thema gerade auch in den Schulen auf den Tisch bringt.“ Hier liegt vielleicht auch ein wichtiger Schlüssel zur verständnisvollen Begleitung der aktuellen und zwiespältig dikutierten Migration. Der leider zu sehr umstrittene UN-Migrationspakt mag hierfür ein globaler Schritt in die richtige Richtung sein.

Angst und Unwissenheit beschleunigen

Denn wir erleben erneut, wie schnell es geht, Fremde zu diskriminieren, die Gründe für ihre Migration mit Hasskommentaren zu begleiten. Vielfach sind Unwissenheit und damit verbundene Angst die Beschleuniger für fremdenfeindliches Handeln. Können wir solche Handlungsmuster auch für die gigantischen Migrationen in der Steinzeit annehmen? Vermutlich schon, aber belegen lässt sich das in letzter Konsequenz wohl nicht. Aber wir können durchaus ableiten, dass sich manche Aspekte wie beispielsweise Völkerwanderungen über die Jahrtausende ständig wiederholen. Sie sind historischer Teil unseres modernen Menschseins.

Und genau an dieser Stelle schluckt der mit kartografischem Schülerwissen bepackte unwissenheitsgeplagte Senior kurz auf. Hatte ich doch über Jahrzehnte von Lehrern und Wissenschaft gelernt, dass einer unserer Vorfahren, der Neandertaler, ein muskelbepackter kleiner Menschentyp (im Schnitt 160 m groß) ist, der mit seiner Keule primitiv, stumpfsinnig und auch brutal durch die damaligen Landschaften migriert sein soll. Immer wieder holte ich mir ungestört die Bestätigung für dieses Vorurteil im Museum. Das ist vorbei. Denn die moderne Achäologie bedient sich seit vielen Jahren hochmoderner Untersuchungsmethoden und kommt mit den dadurch gewonnen Erkenntnissen zu sehr erstaunlichen Ergebnissen. Einige tiefsitzende Klischees müssen in Folge über Bord geschmissen werden. Vorweg: Der Neandertaler war kräftig und klug.

Der Neandertaler war geschickt und sozial

Es wurde lange Zeit auch von der Wissenschaft behauptet, der Neandertaler könne kein für damalige Zeiten anspruchsvolles Werkzeug herstellen. Stimmt nicht. Funde belegen das Gegenteil. Die als primitiv Gescholtenen waren clevere Großwildjäger und geschickte Werkzeugmacher. Mit modernsten technischen Mitteln lässt sich belegen, dass dieser Steinzeitmensch feinmotorisch geschickt Daumen und Zeigefinger einsetzte und eben nicht nur den groben Kraftgriff beherrschte.

Unser Urmensch muss als soziales Wesen anerkannt werden. Untersuchungen an Knochenverletzungen lieferten den Beweis, dass diese Wunden seinerzeit gepflegt wurden. Also war eine soziale Fürsorge diesen Urzeitmenschen nicht fremd. Wandmalereien lassen den Schluss zu, dass die Neandertaler auch über diesen Weg kommunizierten bzw. einen Sinn für Kunst und Musik hatten. Unsicher, aber wahrscheinlich ist, dass sie auch eine Sprache entwickelt haben. Der Beweis ist der Fund eines Zungenbeins in der Kebara-Höhle in Israel. Nicht zuletzt hatten sie wohl auch einen Totenkult, wie Gräber, kleine Friedhöfe und Blütenpollen beweisen.

Wieviel Neandertaler ist in uns?

Migration war also auch den Höhlenmenschen nicht fremd. Im ersten Schritt breiteten sich die Neandertaler-Menschen in Europa aus. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass der Neandertaler immerhin von 130.000 bis 30.000 Jahren vor unserer Zeit in Europa/Eurasien lebte, also von Südspanien bis Usbekistan und von Norddeutschland bis Israel. Aus Afrika migrierten dann etwa vor 88.000 Jahren (ältester Knochenbeleg für den Homo sapiens jenseits von Afrika) die Denisova-Menschen als Homo sapiens in die Siedlungsgebiete der Neandertaler. Gentechnische Untersuchungen belegen, dass es zwischen diesen beiden auch Sex-Kontakte gegeben hat. Also entstanden „Mischehen“. Auch das hatten die Wissenschaftler lange Zeit für undenkbar gehalten. Den Beweis für dieses Mutikulti liefert ein 50.000 Jahre altes Knochenstück eines Mädchens. Die Erbsubstanz verrät: Mutter war Neandertalerin und Vater ein Denisova-Mensch. Und noch heute könnten wir fragen: Wieviel Neandertaler ist denn in uns? Die Genforscher geben präzise Antwort: Etwa 1,8 bis 2,6 Prozent unserer DNA sind eine Erbschaft des Neandertalers.

Auf der Suche nach Stichworten zum Vergleich des Heute mit dem steinzeitalten Gestern taucht auch der Klimawandel auf. Mehre massive Eiszeiten, aber auch Warmzeiten in Verbindung mit andauernder Trockenheit könnten Gründe sein, warum der Neandertaler schließlich ausgestorben ist. Er konnte sich offensichtlich nicht so gut anpassen wie der Konkurrent aus Afrika. Allein der Vergleich mit dem Ernährungsverhalten geht zugunsten der „Afrikaner“ aus. Sie waren in der Verwertung zwischen Pflanzen und Fleisch breiter aufgestellt. Der Neandertaler war eben nur ein reiner Fleischesser. Also sollten wir heute auch fröhlich auf unsere Ernährungsberater hören, wenn wir den Bestand des modernen Homo sapiens erhalten oder retten wollen.

Und plötzlich war er weg…

Unter dem Strich bleibt, dass der Neandertaler ganz offensichtlich dem Homo sapiens aus Afrika ebenbürtig war. Seine pauschale Abqualifizierung ist nun erst recht nicht mehr zu vertreten. Das alte Schulwissen hat knüppeldick ausgedient, wenn nicht sogar versagt. Ich wünsche mir (bald ist ja Weihnachten), dass wir global das evolutionäre Anpassungspotential des Menschen mit Demut und damit würdig betrachten. Denn hier liegen unsere tiefen Urwurzeln. Die Natur hat sich unvorstellbar viel Zeit genommen, damit der Mensch in ihr wachsen konnte und weiter kann. Dies mit pauschalen Vergangenheits-Abwertungen zu belegen, kann nur durch Unwissenheit erklärt, aber nicht entschuldigt werden. Hier darf man ruhig einmal die Ehrfurcht vor der Schöpfung, ob nun religiös oder evolutionär, einfordern.

Ach, da ist noch etwas: Das Gehirn des Neandertalers war größer als das Unsere! Besser sehen und hören als wir konnte er auch. Leider ist er vor etwa 30.000 bis 40.000 Jahren ausgestorben. Warum, das weiß keiner genau. Auch die Wissenschaft stochert bis heute erfolglos im Nebel versteckter Erkenntnis. Es scheint so zu sein, dass der aus Afrika (!) nach Europa (!) migrierte Homo sapiens besser mit beispielsweise dem unwirtlichen Klima (Eiszeiten) zu Recht kam. Die Gelegenheit, die wir heute haben, ist es, in einer beherrschbaren Migration mehr Chancen als Gefahren zu erkennen. Rassismus beispielsweise bleibt seit Urzeiten eine Sackgasse, die Weiterentwicklungen ausbremst und Menschenrechte gröblichst verletzt.

Dieter Buchholtz