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Kann das weg?

von Dieter Buchholtz

Stell dir vor, es ist Bildersturm – und wir machen mit

Autor Dieter Buchholtz

Es ist doch herrlich, wenn wir in Deutschland am gerade verflossenen Valentinstag Blumen schenken. Und es tut unendlich gut, wenn aus diesem Anlass pure Romantik knistert. Ganz besonders dann, wenn Paare füreinander und miteinander feiern. Völlig anders sieht das in Indonesien aus. Hier veranstaltete die Polizei an diesem besonderen Tag Razzien gegen mutmaßliche Valentinstagfeiern. Paare wurden kurzzeitig – besonders in Hotels – festgenommen. Begründung: Schutz von Anstand und Sittlichkeit. Logisch, denn konservative islamische Geistliche bezeichneten das Valentinsfest als eine westlich-dekadente Sitte. Fertig!

Eine derart humor- und romantiklose Gesinnungspolizei ist – ein Glück – beruhigende 11 200 Kilometer von uns entfernt. Also alles im Lot!? Wohl kaum. Denn in brutalster Form ist der IS (also der so genannte Islamische Staat) ein mörderisches Beispiel dafür, wie religiöse Gesinnungstäter wieder einmal verbrannte Erde hinterlassen. Die Entfernung zwischen der IS-Kernregion und uns beträgt etwa 3.600 Kilometer. Aber selbst bei dieser schon deutlich näheren Distanz rümpfen wir zumeist nur die moralische Nase. 

Natürlich verurteilen wir stets und ebenso wortreich betroffen, wenn irgendwo auf der Welt ein Bildersturm stattfindet, wenn Kulturgüter gespreng und solche Taten auch noch ideologisch oder religiös untermauert werden, wenn davon abgeleitet eine wie auch immer geartete Gesinnungspolizei darüber wacht, was Kunst ist, was gezeigt werden kann oder nicht. 

Können nackte Statuen eine andere Kultur beleidigen?

Unsere Wut steigt aktuell so langsam an, wenn wir sehen, was in der Türkei – auch nach der Entlassung des Journalisten Deniz Yücel – an Gesinnungsverhaftungen geschehen ist und weiter passiert. Immerhin sind die türkischen Gefahren (Erdogan spricht schon von der Osmanischen Ohrfeige) für Freiheit und Demokratie in diesem Fall nur noch circa 2.600 Kilometer von uns entfernt. 

Nun ist es noch nicht so lange her, dass sich in Rom indirekt zwei Religionen begegneten. Angesagt war im Januar 2016 der Staatsbesuch des iranischen Präsidenten Hassan Rohani (Moslem) in Rom. Die römischen Behörden (Christen) reagierten in sicherlich gut gemeinter Höflichkeit mit einem vorauseilenden Gesinnungsgehorsam in einem delikaten Bereich. Sie verhüllten in den Kapitolinischen Museen mehrere nackte Statuen. Hat uns das wirklich aufgeregt? Haben wir das als Auftakt einer neuen politischen Prüderie in unserem kollektiven Kulturgedächtnis verankert? Meines Erachtens aber waren das bereits Vorboten von indirekter Bilderstürmerei und Gesinnungszensur. 

Grenzfälle von Wertegemeinschaften

Immerhin: Dieses Ereignis war nur noch etwa 1500 Kilometer von uns entfernt. Viel internationale Kritik grüßte Italien aus der ganzen Welt. Land-, Wasser- und Luftwege spielen dabei aber zunehmend keine Rolle mehr. Denn in Echtzeit werden im Global Village derartige Provinzpossen zur eigenen Bewertungsbrust genommen. Gut so. Denn von solchen Diskursen lebt doch eigentlich die Demokratie – auch weltweit. Oder?

In den genannten Fällen addiert sich das Problem. Denn im Zusammenhang mit der Türkei befinden wir uns ja schon innerhalb der NATO, der westlichen Werte- und Verteidigungsgemeinschaft. Und bei Italien müssen wir bei Eingriffen in Grundwerte (Meinungsfreiheit) mit einbeziehen, dass wir von einem Kernland der EU sprechen. Die Dinge können also nicht mehr locker nur im nationalen Zuständigkeitsbereich abgelegt werden. Was in verbündeten Ländern – auch kulturell – passiert, geht eben auch uns an. Gut so!

Kuratorin zensiert in der Disziplin „Öffentliche Erregung“

Hinzu kommt aktuell ein weiterer Fall von vermutlicher Kunstzensur im Noch-EU-Land England. In der Manchester Art Gallery hing ein als erotisch bezeichnetes Gemälde „Hylas und die Nymphen“. Gemalt hatte es der Engländer John William Waterhouse. Die Kuratorin Clare Gannaway hat es kürzlich einfach abgehängt. Sie will in der Disziplin „öffentliche Erregung“ eine eigene Performance kreieren. Sie sei angeregt worden durch die Sexismusdebatte, die derzeit unter dem Label „MeToo“ läuft. 

Das willkürlich kreierte Kunstloch in der Galerie wurde kurzerhand in eine Pinnwand umgewandelt. Die erfolgten Wand-Kommentare sind mehrheitlich kritisch. Ein Besucher schreibt: „Ich habe Angst, dass wir nur noch das zeigen, was akzeptabel ist.“ Das empfinde ich ganz genau so. Aber: Zwischen Berlin und Manchester sind es immerhin auch 1500 Kilometer. Also sollte mich das konsequenterweise in etwa nur so wie der Vorfall in Rom berühren!?

Zensurübergriffe in den USA häufen sich

Was machen denn die sich häufenden Zensurfälle in den USA hier in Deutschland mit mir? Es erstaunt mich bei mir selbst, dass plötzlich große Entfernungen zwischen 6300 bis 9300 Kilometer keine Rolle mehr in meiner Kritikbereitschaft spielen. Es beunruhigt mich, dass sich in den USA solche Zensurübergriffe – insbesondere auch an den Universitäten – häufen. Denn in diesem riesigen Land der unbegrenzten Möglichkeiten und damit aber auch der Heimat von Geschmacksbrutalitäten, bigotter Welterklärer und Faktenverdreher (Fake news) entbehrt es leider nicht einer gewissen Logik, wenn immer häufiger auch Zensur geübt wird. 

Offensichtlich gibt es in den USA eine Tradition für die Beurteilung dessen, was weg muss. Besonders kritisch wird dort nackte Haut gesehen. Immerhin wurde zeitweise die Meerjungfrau von Kopenhagen aus Facebook entfernt. Es ist es ja nicht neu, dass in den Vereinigten Staaten eine zunehmende, fast schon offizielle Prüderie zu verzeichnen ist. Ist also der Bazillus „Angst vor der Nacktheit“ inzwischen bei uns vor der Haustür gelandet – oder sogar schon in unserem Wohnzimmer? 

Untergang in der Hölle der Besser-Wissenden?

Ganz offensichtlich gewinnt die Diskussion – insbesondere in Bereichen der Prüderie – an Schwung. Ganz offen wird über Zensur von unten diskutiert. Also winkt von gar nicht mehr so weit her die Volksmeinung als alleiniger Maßstab? Moralischer Rigorismus stellt sich gegen verfasste Liberalität von Demokratien. So werden bereits – auch berühmte – Maler bezüglich einer geforderten selbstgerechten Correctness hinterfragt. In Gemälden werden neue sexistische Hintergründe herausrecherchiert und als verhindernde Handlungsmaxime instrumentalisiert. Und wo dieser Weg vorgezeichnet ist, werden immer häufiger Sündenfälle entdeckt. Auf sie wartet die Hölle der Verdammnis durch die vermeintlich Besser-Wissenden.

Droht ein bilderstürmender Tsunami?

Nun befürchten schon Museumsleute, dass demnächst Hunderte oder sogar Tausende Kunstwerke in Archiven verschwinden sollen/müssen. Werke der Künstler wie Michelangelo, Carravagio, Modigliani, Degas und Picasso sowie viele andere müssten einer solchen Untersuchung (Kunst-Inquisition) unterzogen werden. Mir graut vor einer solchen Bilderstürmerei. Sicherlich belasten meinen Blick auch die fürchterlich eindrücklichen Bilder über Bücherverbrennungen und deklarierte entartete Kunst als Gesinnungssäuberung der Nazis.

Nichts liegt mir natürlich ferner, als geschmäcklerisches Geplänkel in unserem freiheitlich-demokratischen Gesellschaftssystems mit den menschenverachtenden Niederungen des Dritten Reiches nur annähernd zu vergleichen. Aber es gehen bei mir immer dann kleine Warnmarken auf, wenn Gesinnungsschnüffelei und Rigorismus näher an uns herankommen. 

Aktivistinnen machen ihre Gefühle zum Maßstab

Ein Beispiel ist das kürzlich erfolgte Abhängen der Kunstausstellung „Geschmackssache“ in der Mensa der Universität Göttingen. Wie es heißt, haben wir dies Sexismus-Vorwürfen zu verdanken. Interessant und beklemmend sind Aussagen von Aktivistinnen in diesem Streit, dass nicht mehr Argumente darüber entscheiden sollen, was sexistisch ist, sondern die Gefühle von sich betroffen Fühlenden. 

Der Geschäftsführer des örtlichen Studentenwerks, Jörg Magull, sagte dem Göttinger Tageblatt: “Es ist schade, wenn das Studentenwerk in einem universitären Umfeld, das sich der Aufklärung verpflichtet fühlt, satirische Kunstausstellungen, die auch provozieren können, nicht zeigen kann. Ich hoffe, dass dies nicht der Beginn einer Entwicklung ist, die Kunst über guten und schlechten Geschmack definiert.“ 

Glücklicherweise kam auch Unterstützung vom „Deutschen Kulturrat“: „Debattieren ja. Zensieren nein.“ Ach übrigens: Göttingen ist von meinem Wohnort Bonn nur etwa schlappe 300 Kilometer entfernt. Da gehen bei mir entfernungsbedingt nun schon größere rote Laternen an. Denn auch an der Berliner Alice-Salomon Hochschule wurde ein unliebsames (angeblich sexistisches) Gedicht in spanischer Sprache auf einer Fassade übermalt. Es handelte sich um das Gedicht „avenidas“ des Lyrikers Eugen Gomringer.

Asyl für sexistisches Gedicht in der bayerischen Provinz

Sogar im als weltoffen verschrienden Berlin malern also bereits selbst ernannte Kunstzensoren Dichtkunst einfach aus dem öffentlichen Bewusstsein. Diese Aktion „Weg damit“ erinnert mich an kleine Kinder, die ihre Hände vor die Augen halten. Ihre Wahrnehmung: Jetzt sind sie nicht mehr da. Eine solche Infantilität ist schlicht zum Haare raufen. 

Umso toller finde ich den Gegenzug von Bürgermeister Michael Abraham (CSU) zusammen mit der Mehrheit des Stadtrates. Er setzte  ein klares Zeichen gegen Berlin und stellt die Fassade des städtischen Museums in Gomringers nordbayerischem Heimatort Rehau für das Gedicht zur Verfügung. In diesem Fall wünsche ich mir – um nochmals mit Kilometern zu spielen – eine messbare Entfernung zwischen mir und Rehau von etwa einem Meter. Dieser Abstand gilt wohl weltweit als zu berücksichtigende Intimsphäre. Anders ausgedrückt: Ich fühle mich dem Städtchen Rehau sehr nahe.

Und es meldet sich weiterer Widerstand gegen die Fassadenzensur. Seit dem 22. Februar 2018 hängt bis Anfang April an einer Wand des Max-Liebermann-Hauses unweit des Berliner Brandenburger Tores ein Banner – und mitten drauf das umstrittene Gedicht von Gomringer. Auch aus einem politischen Bereich der Bundeshauptstadt kommt eine scharfe Rüge. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kritisiert: “Die Entscheidung des Akademischen Senats der Alice Salomon Hochschule, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei.” Und es machen wohl auch in anderen Städten Fassaden frei für das Gedicht. Genannt werden u.a. Bielefeld und Schaffhausen in der Schweiz. Glückwunsch an die Orte der Freiheit für die Kunst.

Egon-Schiele-Plakate in Wien mit Zensurstreifen

Und es geht weiter im Zensur-Karussel. Diesmal in Österreich (knapp 700 Kilometer von Berlin entfernt): Kühn wollte die Stadt Wien das 100. Todesjahr von Egon Schiele feiern und mit vier Nacktmotiven seiner Werke auf Plakaten werben. Gegenwind kam aus Großbritannien und Deutschland (!). Nun gibt es zensierte Plakate. Basta! Und alles ist wieder im eingeknickten Lot!?

Hysterie und Prüderie scheinen wieder einmal und erneut weltweit teilweise fragwürdige Hochzeiten zu feiern. Es tagen vermehrt still und lange unerkannt Laiengerichte. Sie wachen über die Tugendhaftigkeit von Künstlern und ihrer Kunst. Ihr einziger Maßstab ist dann offensichtlich der moralische Furor als Vorhof möglicher Bilderstürmerei. Dem Rigorismus sei Dank.

Hält die Mauer des Grundgesetzes?

Auf der anderen Seite steht in unserem Land als hoffentlich feste Mauer gegen ideologisches Aufheizen unser Grundgesetz. Im Artikel 5 heißt es klar und eindeutig: „Eine Zensur findet nicht statt“, denn Demokratie schließt Zensur aus. Ich hoffe inständig, dass dies auch so bleibt. Dennoch bleiben Fragezeichen.

Fröhlich stimmt mich, dass die Lovis Corinth-Ausstellung im Landesmuseum Hannover 2017 unter der Überschrift „Nackt und bloß“ ganz offensichtlich beschwerdefrei gelaufen ist. Soweit ich es übersehen kann, gab es auch keinerlei zensorische Eingriffe. Ebenso sieht es wohl im Frankfurter Städel aus. Dort läuft die Ausstellung „Rubens – Die Kraft der Verwandlung“ mit viel nackter und barocker Haut. Gewagt? Möglich! Denn zieht man eine weitere Berliner Provinzposse heran, dann wird ersichtlich, wie hartnäckig Kunstzensoren agieren. 

Akt-Köpenickade mit Kunstflüchtlingen

In Köpenick läuft schon seit 2010 ein verräterisches Ritual ab. Jedes Jahr stellt die Gesellschaft für Fotografie im Köpenicker Rathaus Hunderte von Bildern aus. Immer wieder geben Aktfotos den Anstoß für eine fast viktorianische Zensur. Bestimmte Bilder werden einfach abgehängt, Lücken im mehrfachen Sinne bleiben. So passierte es erneut im vergangenen Jahr. Vorsichtig geworden, schaute sich die Kulturstadträtin Cornelia Flader (CDU) die Präsentation nun schon vor der Eröffnung an. Sie wurde fündig. Vier Aktaufnahmen fielen ihrem Veröffentlichungsverbot zum Opfer. Die seit 20 Jahren stattfindende Wechselausstellung musste erstmalig ausfallen. 

Aber glücklicherweise fanden 40 Aufnahmen aus der Ausstellung Asyl im nahen Schöneweide. Hier hat Gregor Gysi sein Wahlkreisbüro. Der Linken-Politiker schlug bei der Eröffnung eine Bresche für die Freiheit der Kunst: „Ich weiß, dass es mehr oder weniger prüde Menschen gibt. Wenn man ein Amt ausübt, darf man seine Prüderie aber nicht zum Maßstab für die Öffentlichkeit machen. Ich möchte, dass wenigstens ein Teil der Bilder im Bezirk gezeigt werden kann“, sagte Gysi zu seinen Motiven. In diesem Fall kann ich nur erneut sagen: Gut, dass es noch genügend Kämpfer für die Freiheit der Kunst gibt. Genau diese Menschen stehen nämlich fest auf dem Boden unseres Grundgesetzes. Und Berlin gehört – ob es nun will oder nicht – auch zum Einflussbereich unseres Grundgesetzes – und das auch noch im Global Village.

Vorboten für eine Implosion von Freiheiten

Sind die geschilderten Ereignisse bemerkenswerte Eingriffe im Vorfeld eines neuen Denkens? In meiner Wahrnehmung liegen die genannten Vorfälle knapp neben unseren  grundgesetzlich verbrieften Freiheiten und Verpflichtungen. Sind hier bereits die Vorboten dafür zu erkennen, dass unsere liberale und damit freiheitliche Demokratie im Bermuda-Dreieck von ideologischer Verblendung, Zensurbessenheit, geschmäcklerischem Extremismus, radikaler Rückwärtsgewandtheit oder bigotter Correctness baden gehen? 

Betroffenheit und Entfernungen sind – so betrachtet – ganz sicher nicht mehr in Kilometern zu messen. Alleiniger Maßstab sind die jeweiligen Denk-Horizonte. Und hier klaffen nach wie vor Welten, teilweise eben auch sehr gefährliche Welten auseinander. Manchmal liegen sie auch dicht nebeneinander, obwohl wiederum ihre inneren Distanzen unendlich weit voneinander entfernt sind. Dazwischen wächst die Spannung. Der Aufenthalt in Komfortzonen glatt gebügelter Meinungen bekommt zunehmende Explosivkraft. Eine dadurch geopferte Freiheit ist auch nicht gerade sexy. Meinungsdiktaturen pflastern uns – zuweilen durchaus verführerisch – den Weg dahin. Eine Falle!?

 


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