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Ich will…

Ich habe da mal ein Problem – ohne Lösung

Autor Dieter Buchholtz

Der Flug der Ryanair von Berlin nach Köln/Bonn dauert normal eine knappe Stunde. Ich brauchte kürzlich sehr lange fünf Stunden. Der Grund: Die erwartete Maschine aus Köln konnte über Stunden nicht starten. Die versetzten Fluggäste in Wartestellung wurden Stunde um Stunde unleidlicher. Eine Brötchen- und Getränke-Spende der Fluggesellschaft wirkte kurze Zeit dämpfend. Ebenso der Hinweis eines jüngeren Vielfliegers: Wenn die mehr als drei Stunden Verspätung haben, kann man Entschädigung bei der Airline beantragen. Einige – schon halb auf den Wartebänken Hingestreckte – winkten müde ab: Können Sie vergessen. Die reagieren auf so was gar nicht. Wir erreichten dann mitten in der Nacht die Domstadt am Rhein…

Ich erwarte nichts, will aber alles versuchen

Tage später poppte bei mir die Erinnerung an den Spätflug hoch – und an den Tipp, doch eine Entschädigung zu beantragen. Brief schreiben, also meinem Alter gemäß, habe ich gleich in die virtuelle Tonne verbannt. Besser ist eine E-Mail. Noch besser: Mal auf deren Homepage nach einem Formular oder so was suchen. Ich wurde fündig. Tatsächlich reichten wenige Eintragungen aus. Ich vermutete, dass dies so eine Art Vorgeplänkel ist, um die fliegenden Wutbürger ruhig zu stellen. Also erwartete ich nichts, war aber auch sogleich zu eventuell erforderlichen weiteren Schritten bereit.

Ich bin positiv überrascht

Dann die Überraschung: Wenige Tage nach meinem Antrag sind 250 Euro auf meinem Konto. Finde ich richtig toll von der Airline. Das Ergebnis und die schnelle Abwicklung nötigen mir trotz der dunklen Prophezeiungen von Mitreisenden Freude ab. Nicht gemildert, aber relativiert wird sie, als ich beim Nachlesen eines kleingedruckten Hinweises im Internet-Auftritt von Ryanair erfahre, dass gemäß EU-Fluggastrechteverordnung 261/2004 die Fluggesellschaft verpflichtet ist, so zu handeln.

Und da ist es wieder, mein persönlich gepflegtes schlechtes EU-Gewissen. Immer wieder erfahre ich – oft eher indirekt – was für segensreiche Entscheidungen ich der Europäischen Union zu verdanken habe. Ich habe beispielsweise nicht gewusst, dass ab 1. Juli 2019 neue E- und Hybridautos bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km pro Stunde ein Akustiksignal abgeben müssen.

Ich höre schon das höhnische Lachen der Populisten, die eine solche Aufrüstung in Sachen Sicherheit für Gurkenkram halten. Vielleicht würde ich ja auch zu einer solchen Spontanargumentation neigen, wenn ich nicht bei einer Sightseeing-Tour in der Altstadt von Florenz erlebt hätte, wie gefährlich es ist, wenn ein lautloses E-Postauto neben mir in die Bremsen geht, weil ich die stille Gefahr nicht gesehen, geschweige gehört habe. Bruchteile von Sekunden wäre dann wohl bei mir die Post richtig abgegangen…

Ich habe auch nicht gewusst,…

…dass beispielsweise die EU ein Badezimmer-Kartell zerschlagen hat. Damit wurden Preisabsprachen unter Herstellern von Waschbecken und so aus fünf EU-Ländern unterbunden. Ein Verdienst der europäischen Kartellbehörden und schlussendlich auch des Europäischen Gerichtshofes.

Ich ärgere mich über…

…eine fast tragische Unsitte wohl aller EU-Nationen, ein offensichtlich für die Europäische Union fatales System nach dem Modell der Hütchenspieler-Trickserien zu praktizieren. Deutschland ist mit seinen nationalen Egoismen ganz offensichtlich dabei ein Player in der ersten Reihe. Da wird von deutschen Regierungsmitgliedern in der belgischen Hauptstadt für irgendeine Richtlinie gestimmt, abends wird das dann in der deutschen Hauptstadt von denselben Protagonisten aus nationaler Sicht mehr oder minder heftig kritisiert. Journalist und EU-Korrespondent Detlef Drewes führte bei einem Besuch in der Bonner EU-Vertretung die Feinstaub-Richtlinie als ein Zeichen dieser skrupellosen Doppelmoral an. Gerne glaube ich dies einem Medien-Profi, der seit 15 Jahren EU-Aktivitäten beobachtet.

Ich freue mich über…

…den italienischen Premier Guiseppe Conti, wenn dieser überraschend vor dem EU-Parlament ein klares Bekenntnis zur EU ablegt. Und das von einem Vertreter einer besonders EU-kritischen Regierung. Er fordert „ein starkes Europa“. Und weiter: „Das Europäische Parlament sollte alle Rechte haben, die für eine demokratische Volksvertretung selbstverständlich sind.“ Bravo! Ich möchte diesen Worten gerne Glauben schenken. Vielleicht deuten sich ja hier erste Erkenntnisse darüber an, was es bedeutet, wenn diese mühsam geschaffene EU nach dem Brexit-Muster in kurzer Zeit über den Jordan geht. Denn das kommt uns mit Sicherheit teuer zu stehen. Apropos Sicherheit. Insbesondere die europafeindlichen Populisten scheinen mit unschöner Regelmäßigkeit immer wieder zu vergessen, dass dieses Bündnis im engen Verbund letzlich auch mit der NATO ein Garant für ein friedliches Europa ist.

Ich rätsele darüber,…

…warum sich die EU selbst auch schwer damit tut, ihre Verdienste den EU-Bürgerinnen und Bürgern zu vermitteln. Beispielsweise eine solche Entschädigungsregelung bei verspäteten Flügen oder Bahnfahrten wie eingangs zitiert, nehmen nur 51 Prozent der Bundesbürger als Leistung der EU wahr. Dies ein Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Emnid-Instituts. Ebenfalls nur 51 Prozent der Befragten verorteten das Aus der Roaming-Gebühren für Handy-Gespräche aus dem EU-Ausland als eine Leistung der EU. Das muss deutlich mehr werden.

Ich bin dennoch sicher, dass…

…die EU sich in Zukunft auch weiter der Wünsche der Bürgerinnen und Bürger annimmt. So hat die zitierte Emnid-Umfrage auch ergeben, dass 88 Prozent sich die Einführung einer EU-Sammelklage wünschen. Eine weitere Erwartung ist, dass die Union Hersteller von großen Haushaltsgeräten zwingt, ihre Produkte so auszustatten, dass sie deutlich leichter zu reparieren sind als dies heute häufig der Fall ist. Ein lobenswertes Ziel. Spart es doch für den kleinen Bürger viel Geld.

Ich wünsche mir, dass…

…die EU erkennt, wie extrem wichtig es ist, das Geleistete auch angemessen in den Mitgliedsländern zu würdigen. Hierzu sind natürlich ebenso die nationalen Politiker aufgerufen.

Anlässlich vieler Besuche in Ostdeutschland nach der Wende haben sich bei mir zahlreiche große Schilder tief im Bewusstsein eingegraben. Für neue Projekte wurde auf diesen Tafeln darauf hingewiesen, wie sich die Finanzierung verteilt. Sehr oft wurden über diesen Weg die großen Anteile der EU dokumentiert. Mehr davon und auf unterschiedlichen Wegen wäre wünschenswert. Bei mir blieb schlicht hängen: Die Wende haben wir mit Hilfe von Europa geschafft. Nur so konnten wir das schaffen. Alleine war gestern und so sollte es auch bleiben.

Ich will auch…

…nicht mehr das Gefühl haben, dass die erste Garde der Politiker in den Regierungshauptstädten der EU-Länder verbleibt und erst danach etwas lustlos die Suche losgeht, wen man denn nun noch nach Brüssel schicken könnte. Es sollte viel häufiger geschehen, dass verantwortliche Persönlichkeiten sich häufiger und in einfacher sowie erkennbarer Weise für die EU und deren Fortbestand einsetzen. Beispielhaft fand ich, dass sich bei der letzten Sicherheitskonferenz in München Konferenzleiter Wolfgang Ischinger einen EU-Kapuzenpulli überzog. Vor dem aktuellen Brexit-Hintergrund setzte er ein pfiffiges Zeichen und verdammte so ganz nebenbei einen der Europa-Sterne auf seinen Rücken. Vorne blieb also eine Lücke in der EU.

Ich will einfach nicht, dass ein so grandioses Werk für Frieden und Freiheit in Kleingeisterei zerwürfelt wird, dass eine moderne und demokratische Zukunft für Europa unter unseren untätigen Händen zerbröselt.

 

Dieter Buchholtz

 

Leicht zu lesen

Wer sich vor der Europawahl im Mai 2019 (Deutschland 26. Mai 2019) in einfacher Sprache und kostenlos informieren will, kann Hefte von der Bundeszentrale für politische Bildung anfordern. Die Lieferung ist zwischen einen und sieben Tagen beim Empfänger. Leichter geht es nicht, einfach mehr zu wissen.

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