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Gestörte Balance

Hirschhausen sieht die Welt im Fieber

Autor Dieter Buchholtz

Eine Diagnose von Arzt und Entertainer Dr. Eckart von Hirschhausen auf dem kürzlichen Katholikentag hieß: „Die Welt hat Fieber“. Recht hat er. Umweltkatastrophen, aus dem Ruder laufende narzistische Politiker und Kriege in deren Gefolgschaft heizen das Klima zwischen den Menschen weltweit an. Viele kleine und große Weiter-so-Gesellschaften zerbersten an einer zunehmend rebellierenden Jugend, die weltumspannende Digitalisierung verändert in rasender Geschwindigkeit unser Leben, unser Denken, unsere an Kraft verlierenden ethischen Haltepunkte – atemlos bleiben die Looser dieser Umbrüche zurück und werden ebenfalls rebellisch oder resignieren. Schüttelfrost also für alle?

Nein, habe ich mir vor wenigen Wochen gesagt. Ich will mich nicht in ein solches Krankheitsbild einreihen. Es gibt doch so viel Schönes auf unserem aus Weltraumsicht immer noch herrlich blauen Planeten. Ja, aus astronomischer Ferne sieht er tatsächlich gesund aus. 

Lust zum knackigen Kurzurlaub

Dann aber erwischte mich die Stunde der Wahrheit. Ja, ich bin vom Umweltzweifler gleich mal übergesprungen zum Umweltverzweifeler. Denn inzwischen meine ich zwar, viele Zusammenhänge erkannt zu haben. Regelmäßig aber verirre ich mich bei der Umsetzung hin zu vermeintlich richtigen Wegen; es ist zum Verzweifeln. Konkret : Vor einigen Wochen packte mich die unbändige Lust zu einem knackigen Kurzurlaub. Einfach mal weit weg von der alltäglichen und gleichwohl stimmungsvermiesenden Wutbürger-Kultur in unserem Land. Eintauchen also in eine andere und damit wohl schöne Urlaubswelt. 

In Folge dieser Sehnsucht gingen Nächte drauf mit Recherchen im Internet, immer den Blick starr ausgerichtet auf „Best of“ für Ausstattung und Preise – die Algorithmen wurden für ein  ultimatives Schnäppchen zu Höchstleistungen angestachelt. Alle Angebote waren eingefärbt mit einheitlich blauem Himmel. Er ist wohl weltweit Synonym für Wohlbefinden und Gesundheit – Erklärungsnot gibt es hierbei international offensichtlich nicht.

Mit Tippstarre hinein in die Zweifel

Irgendwann und in tiefer Nacht war ich sicher: Das Urlaubsziel steht fest. Mein Status war kurz vor „kaufen“ (oder besser: buchen) einer verführerischen All-Inclusive-Flugreise auf die germanische Glückseligkeitsinsel Malle. Dann setzte plötzlich diese von mir dauernd gefürchtete Tippstarre ein. Den letzten Schritt hin zu verheißungsvollen glücklichen Tagen vollzieht mein Tastatur-Zeigefinger in starrer Sturheit nicht. Wie in einem Bewusstseinsklimakterium schießen mir Kaskaden von Zweifeln vor die gierigen Synapsen im Hirn. 

Mein gedachtes Verursacher-Konto sieht dann so aus: Viel zu lange am PC im Internet verbracht (unverzeihliche Nachteile für das Familienleben und natürlich für das örtliche Reisebüro), erhebliche Nachteile auch für die unterlegenen Hotel-Mitbieter. Der Hammer aber schlussendlich ist die Kerosin-Statistik. Danach würde ich statistisch gesehen 3,64 Liter pro 100 Kilometer verbrauchen, also nach Malle hin und zurück etwa 116 Liter Kerosin. Die würden für mein Urlaubsglück einfach so in der Atmosphäre verdampfen. Da je Liter Kerosin rund 1.200 Liter Wasserdampf entstehen, trage ich bequem im klimatisierten Flieger zur Vermehrung der Wolkenbildung bei. Das wiederum verstärkt bekanntlich den Treibhauseffekt. Diese schuldbeladenden Gedanken benebeln mich in die Handlungsunfähigkeit hinein.  Also No Go/No Fly.

300 Megaliner auf den Weltmeeren

Ich höre dann Tage später und mitten in meiner fiebrigen Urlaubsunentschlossenheit eine Mitrentnerin während meiner so geliebten Vorgarten-Tätigkeit empfehlen: „Machen Sie doch eine Kreuzfahrt im Mittelmeer mit dem Höhepunkt Venedig.“ Und schon bin ich mental wieder auf der Schüttelfrost-Tour. Im Internet durchflüge ich wasserwärts unseren mediterranen Süden. Klarer Kurs, feste Zeiten in den Häfen, Rundum-Versorgung an Bord und immer frische Seeluft.

Durch meinen widerspenstigen und damit schwer steuerbaren Tipp-Zeigefinger lande ich bei der hoffnungsfrohen Suche nach der ultimativen Kreuzfahrt versehentlich auf einem äußerst kritischen Bericht über das riesige Leiden der Venetianer unter den unzähligen Kreuzfahrtschiffen in ihrem Hafen. 

In dem Bericht hagelt es Fakten wie: Diese Pötte des weiter steigenden Massentourismus sind wahre Dreckschleudern. Pro Jahr spricht man weltweit von 22 Millionen kreuzfahrenden Passagieren auf etwa 300 Megalinern. Jedes dieser Schiffe verbraucht die Energie einer Kleinstadt. Auf See heizen die Kreuzfahrtschiffe dann auch noch mit dem giftigen Schweröl. Davon verbrauchen sie pro Tag 150 Tonnen. Damit stoßen diese Schiffe pro Fahrt so viel von diesem Abfallprodukt der Petrochemie aus wie fünf Millionen PkW auf gleicher Strecke.

Krieg gegen die Umwelt

Greenpeace behauptet sogar, dass jährlich 50.000 vorzeitige Todesfälle in Europa durch Schiffsabgase verursacht werden. Auf keinen Fall also will ich mich in die modernen Kreuzfahrer-Heere einreihen und damit auch noch schuldig am Krieg gegen die Umwelt werden. Somit: No Go/No Seacrossing.

Mein Zwischenfazit: Die größeren Reisen sollen oder dürfen es nicht mehr sein, weil die Ökobilanz so gut wie nie ausgeglichen ist. Also geht es ab in heimatnahe freie Tage. Mit der Bahn? Zu teuer und unzuverlässig. Reisen mit viel Gepäck ist ungemütlich. Denn schnell wird man ungewollt zum Umsteigeweltmeister, der immer wieder unter erschwerten Bedingungen Anschluss sucht – an die nächste Zugverbindung natürlich.

Meine feste Wahl ergab sich dann sehr schnell: 700 Auto-Kilometer insgesamt hin und zurück. Kann doch nicht so schlimm für die Umwelt sein, denn als bisher so leidlich praktizierender Umweltversteher fahre ich Benziner mit Katalysator. Im Hotel benutze ich – seit Jahren – meine Handtücher länger als zu Hause, schmeiße sie also nicht jeden Tag umweltverachtend auf den Badezimmer-Boden. Kleine Schilder erinnern mich jeder Tag daran. Ich mache nicht sofort die Heizung an, weil es noch ein wenig April-kalt ist. Obwohl: Es würde mich ja nichts kosten. 

Im Tütengewürge zwischen den Stühlen

Ich nehme den kleinen Jutesack mit in den Kurpark, weil vielleicht danach ein Einkauf ansteht. Dann kann ich mit gutem Gewissen auf die Frage der Verkäuferin nach der Plastiktüte mit der Attitüde des Besserwissers und Handlungsüberlegenden antworten: Nein danke, ich habe natürlich meine Stofftasche dabei. Und bei diesem Thema passiert es wieder. Aktuell verbiegen Medienberichte meinen mühsam erworbenen Wechsel vom Plastiktütenträger mit massenweise und teils unnützen Konsumgütern zum Jute-Sack-Träger. Bei mir ist es aber irgendwie eine Mogelpackung, weil schon die Inhalte unter Umweltgesichtspunkten strengen Maßstäben niemals standhalten würden. 

Das wiederum macht aber auch wieder ein verdammt schlechtes Gewissen. Ich will mich aber wegen meiner mühsam aufrecht erhaltenen Urlaubsstimmung nicht in solchen Details verlieren. Denn hilfreich für mein Tütengewürge ist, dass eine Analyse im britischen Umweltministerium herausgefunden hat, Baumwollbeutel müssten 131 mal genutzt werden müssen, damit sie in der Ökobilanz besser sind als die Plastiktüte. Denn die Herstellung der Baumwolltasche ist wesentlich ressourcenintensiver als die Plastiktüte. Na also! Und so hänge ich wieder entscheidungsgeschädigt zwischen den Stühlen umweltbewusster Korrektness.

Tiefschlag durch Reifenabrieb

Ich weiß, dass meine Selbstentschuldigungen ein durchaus wackeliges Gebäude darstellen. Und an jeder dieser Gutes-Gewissen-Säulen bröckelt und knallt es erheblich. Die Autoindustrie hat mir doch vorgegaukelt, dass der CO2-Ausstoß meines Autos OK sei. Wir wurden – das wissen wir heute – schamlos betrogen. Ich kann nach diesem eklatanten Umweltbetrug keinesfalls Hunderte von Kilometern in eine bedenkenlose Zukunft fahren. Die Sache mit der Gute-Gefühl-Ausbalancierung gerät schwer ins Wanken. Denn im Pkw verbrauche ich pro 100 Personenkilometer etwa drei bis fünf Liter Benzin. In der Bahn wären es nur etwa zwei Liter. 

Und dann – nach dem trotzdem sehr schönen Urlaub – der umwerfende umwelttechnische Tiefschlag der TU Berlin. Es besteht bei Wissenschaftlern und Unternehmen der Verdacht, dass der millionen- und milliardenfache Reifenabrieb ein Grund für die feinen und gefährlichen Kunststoff-Partikelchen in den Gewässern sein könnte. Nach derzeitigen Schätzungen der Bundesanstalt für Straßenwesen landen jährlich 111.000 Tonnen Reifenabrieb auf der Straße. Dieser Sachverhalt soll nun durch eine Studie bis 2020 erhärtet werden. Das hat mir meine Erholung in Verbindung mit meinem mühsam beruhigten Gewissen erneut völlig von der Bahn geschleudert. Ich komme offensichtlich aus meiner nicht gewollten Rolle als tragischer Umweltsünder nicht mehr heraus. Die Fallensteller sind in der Übermacht.

Klimaschutz offensichtlich nicht mehr an erster Stelle

Nun beschleicht mich ein Verdacht. Vielleicht neige ich dazu, die Dinge zu eng zu sehen. Also suche ich nach Quellen, die mich eher in einer lockeren Sicht der Dinge bestärken. Ein kurzes Medien-Screening lässt mich schnell fündig werden. Wie schon angedeutet: Der milliardenschwere Abgas-Umweltbetrug der Autoindustrie bleibt vermutlich in der erforderlichen Dimension ungesühnt. Mit anderen Worten: Keiner war so richtig schuld. 

Papst Franziskus wird dagegen sehr deutlich. Er fasst die düstere Bestandsaufnahme zu unserem geplünderten und dadurch fiebernden Planeten kurz und bündig zusammen: Wir haben eine „Wirtschaft, die tötet.“ Genau diese wohl leider richtigen Diagnosen des immer noch blau erscheinenden Planeten Erde erzeugt bei mir häufig so eine Art kurzer Schüttellähmung. Ich fühle mich in meiner Suche nach den perfekten Lösungen für eine friedliche, gerechte und saubere Welt völlig allein gelassen. Dann aber wieder kommt Trost von der Politik: 

Die Kohlekommission legte jetzt ein Papier vor, das zukünftige Prioritäten an den Schnittstellen Kohleausstieg und Klimaschutz festlegt. Wörtlich heißt es bereits beim Einstieg: „Die Politik der Bundesregierung dient der Schaffung von Vollbeschäftigung und gleichwertigen Lebensverhältnissen in ganz Deutschland.“ Aufgabe der Kommission ist es darzustellen, wie Deutschland den Weg aus der Kohleverstromung finden kann. Damit steht der Klimaschutz wohl nicht mehr an erster Stelle. 

Wieder Hoffnung auf politische Verlässlichkeit?

Wir hatten aber doch mal ein Klimaziel für 2020!? Die Kommission und auch die Bundeskanzlerin stellen lakonisch fest: Das ist nicht mehr zu schaffen. Neues Zieljahr ist nun 2030. Der CO2-Ausstoß soll dann 60 Prozent unter dem Stand von 1990 liegen. Seit 16.Mai 2018 ist nun durch Kabinettsbeschluss klar, dass die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ noch vor der Sommerpause ihre Arbeit aufnehmen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass in den kommenden zwölf Jahren die neuen Ziele und Prioritäten erreicht werden. 

Ich habe da so meine Zweifel. Das hat sich wohl auch die EU-Kommission gedacht. Sie hat jetzt Deutschland wegen genau dieser schmutzigen Luft am 17. Mai 2018 vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Brüssel hatte über Jahre mit Deutschland bezüglich der Stickoxyde viel Geduld gehabt. Genau so wie die Bürgerinnen und Bürger hierzulande – lammfromm also. Die EU macht uns und fünf weiteren EU-Ländern den Vorwurf, dass die Grenzwerte für Stickoxyde seit 2010 verbindlich festgelegt worden sind. Aber auch 2017 wurden diese in 66 deutschen Städten erneut deutlich überschritten. 

Eventuell hohe Zwangsgelder für Deutschland

Hastig leitete die Bundesregierung kurzatmige Schritte ein, um die EU-Kommission zu beruhigen. Diese ließ sich richtigerweise von diesen Blendraketen nicht benebeln. Die nachhaltigen Aufseher in Brüssel blieben hart. Sie verfahren mit viel Geduld aber schlussendlich nach EU-Recht. Und danach müssten die EU-Staaten “über wirksame, verhältnismäßige und abschreckende Sanktionssysteme verfügen, um Autohersteller davon abzuhalten, gegen geltendes Recht zu verstoßen”. Das sieht die Kommission u.a. bei Deutschland nicht erfüllt. 

Bekommt Deutschland das nicht auf die Reihe, drohen am Horizont hohe Zwangsgelder. Und wer finanziert das – ach Sie wissen schon? – die braven Bürgerinnen und Bürger. Und dennoch freue ich mich darüber, dass es die EU gibt und somit die Nationen nicht schrankenlos machen können, was sie wollen. Erst recht nicht, wenn es um unsere Gesundheit und die unserer Kinder und Kindeskinder geht.

Bei all diesen politischen Schieflagen bleibt bei mir ein schales Gefühl. Ob ich mich ab jetzt auf neue Versprechungen verlassen kann? Immer öfter geht mir der Glaube dafür verloren. Oder ganz konkret: Ich nehme die Sachen – oder besser: die Politik – nicht mehr ganz so ernst. Mit vollem Ernst aber finde ich die zuvor in kleinen anschaulichen Beispielen dargestellte Entwicklung nicht nur nicht schön, ich finde sie regelrecht gefährlich. Denn in Europa steht die Demokratie in einigen Ländern auf der Kippe, die USA und Russland assistieren. Das Fieber steigt. Bei 43 Grad ist medizinisch bekanntlich Schluss. Europa und die Welt würden wohl ähnlich reagieren. Auf keinen Fall sollten wir deshalb das politische Fieberthermometer nicht leichtfertig beiseite legen!

Dieter Buchholtz