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EU-Tempo am Limit

Deutschland diskutiert – Frankreich handelt

Autor Dieter Buchholtz

Es kocht immer wieder hoch: Ein Europa der zwei oder sogar mehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Der Euro oder das Schengen-Abkommen sind berühmte Beispiele. Gerade konnten wir beim Thema Asyl beobachten, wie schnell sich in einzelnen Ländern Handlungsgeschwindigkeiten ändern. Stärker integrationswillige Staaten kommen in solchen Lagen offenbar besser in kleineren Koaltionen voran. Stotterschritte markieren so nicht selten den besseren oder sogar schnelleren Weg. 

In Sachen Tempolimit beim Autoverkehr hat Frankreich jetzt erneut Ernst gemacht. Auf rund 400.000 Kilometern Landstraßen gelten ab 1. Juli 2018 schlicht 80 Kilometer pro Stunde als Tempolimit. Das Ziel der Regierung: Leben retten. Obwohl: Dreiviertel der Franzosen bezeichnen das als Unsinn. Proteste sind angesagt. 

Solche Maßnahmen und Vorgehensweisen sind in Deutschland eher undenkbar. Wir haben auf Landstraßen Tempo 100 als Regelgeschwindigkeit. Das scheint auch für die Zukunft festgemeißelt. Und auf der Autobahn halten wir – entgegen der mehrheitlichen Regelungen in EU-Europa – weiter und irgendwie auch stur an der Richtgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern fest. Man könnte einwenden: Trotz des offensichtlich besseren Wissens der meisten EU-Länder.

6630 Verkehrstote in nur zwei EU-Ländern

Haben wir nicht immer wieder feststellen müssen, dass hohe Geschwindigkeiten auf Landstraßen und Autobahnen an der Spitze insbesondere der folgenschweren Unfallursachen stehen? Lässt man sich auf einen Ländervergleich ein, so waren 2017 in Frankreich und Deutschland insgesamt 6630 Verkehrstote zu beklagen. Also: Jede Maßnahme, die solch mörderische Zahlen reduziert, ist ein lebensrettender Schritt in die richtige Richtung.

Hier in Deutschland scheint sich jetzt aber bei den Autofahrern etwas zu bewegen. Knapp 52 Prozent der Deutschen sind nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage vom Anfang diesen Jahres für ein Tempolimit von 130 Km/h auf den Autobahnen. Deutlich höher fällt diese Zustimmung mit 65 Prozent bei Befragten ab 60 Jahren aus.

Rechts schleichen und links rasen?

Zieht man den Trend in Orten und Städten zu immer mehr 30-Zonen und immer schärferen Umweltmaßnahmen mit ein, so könnte man diese Signale im verkehrstechnischen Mikrokosmos auch auf den Makrokosmos der großen Straßennetze übertragen. Denn es muss doch nicht sein, dass auf der Autobahn rechts 80 Km/h gefahren und links außen dann mit 180 Km/h gerast wird. Solche Geschwindigkeitsdiskrepanzen sind nicht selten Ursache für aggressives und und damit risikoreiches Fahren.

Und wer immer noch weiter ungebremst auf das Gaspedal drücken will, sollte sich wenigstens die jüngsten Äußerungen des Umweltbundesamtes zu Herzen nehmen. Der Präsident der Behörde, Andreas Troge, plädiert für eine Höchtgeschwindigkeit von 120 Stundenkilometern auf unseren Autobahnen. Gegenüber der „Berliner Zeitung“ macht Troge deutlich, dass der Kohlendioxid-Ausstoß um 30 Prozent verringert werden könne. Weniger Unfälle und Staus sind dann wohl dazu noch sehr wichtige Nebeneffekte.

Wieviel Gänsehaut für Gäste muss es denn sein?

Auf den Punkt gebracht: Wir Deutschen sind ja Weltmeister im Bemeckern vieler Symptome. Das Meckern über die EU seit ihrer Gründung gehört traditionsgemäß dazu. Es ist aber schwer zu verstehen, dass wir in vielen Fällen sehr EU-hörig sind. Sich jedoch der Mehrheit auf den europäischen EU-Straßen anzupassen, kommt wohl nicht ins verkehrspolitische Kalkül.

Seit den Abgasbetrügereien großer deutscher Automarken ist wohl auch das Argument unbrauchbar geworden, dass Autobahnen und Landstraßen Teststrecken für libidinöse Autofanatiker und deren Fahrzeuglieferanten sind. Wir können auch nicht stolz darauf sein, dass EU-Bürger aus anderen Ländern auf unseren Rennstrecken eine Gänsehaut bekommen.

Knöllchen-Überraschungen bei EU-Reisen

Ich denke, angesichts der Fahrzeugentwicklung in Richtung Elektro-Technik und autonomer Autos  wäre eine einheitliche EU-Maßnahme zur Verkehrsregelung in allen zukünftig 27 Ländern der Gemeinschaft wünschenswert und könnte dann vielleicht auch die sich abzeichnenden großen Verkehrsveränderungen vorwegnehmend begleiten. England wird vielleicht froh sein, dass der Inselstaat dank Brexit nicht seinen geliebten Linksverkehr umsteuern muss.

Wer jetzt in den Urlaub fährt, kann immer noch in vielen EU-Ländern mit dem Euro bezahlen. Die meisten Touristen finden es als wohl angenehmen, dass sie nicht in jedem Land ihr Geld in eine Landeswährung wechseln müssen – und im Anschluss zu Hause sich Kästen mit den Restmünzen und oft auch -scheinen stapeln. Schwieriger und oft folgenreicher ist es dann schon, wenn in jedem Land andere Tempo-Limit-Regelungen bestehen. Auch Vergehen aus Unwissenheit können dann nicht selten sehr hohe Strafen nach sich ziehen. Vielleicht findet die EU bald den Mut, eine EU-einheitliche Verkehrsregelung anzusteuern. Derzeit aber wette ich darauf keinen Euro.

Dieter Buchholtz

 


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