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Politiker-Vertrauen im K.O.

von Dieter Buchholtz

Angst als schlechter Ratgeber

Autor Dieter Buchholtz

Als Knirps in den ersten Nachkriegsjahren erlebte ich amerikanische Soldaten immer wieder als freundliche Menschen. Aus ihren offenen Jeeps wurden uns mal Kaugummi, mal Schokolade zugeworfen. Viele Farbige waren unter den GIs, die ein noch offeneres Herz für die Kinder des ehemaligen Feindes im Zweiten Weltkrieg hatten. Manchmal machten wir in kleiner Kinderhorde auch große Beute.

In den Folgejahren wurden die USA ein Sehnsuchtsland, nicht zuletzt für viele deutsche Auswanderer – im wesentlichen Wirtschafts-Migranten. Der Lebensstil, die fest verwurzelte Demokratie, die Wirtschaftsmacht, die massenhaft kulturellen Impulse schwappten anregend in das sich langsam aufrappelnde Deutschland. Irgendwie hielten die Amerikaner als Weltmacht unentwegt ihre schützende Hand über das zerrissene Old Germany. Diese transatlantische Besatzungsmacht nahm uns auch ein Stück der Angst, um trotz aller vorangegangenen Katastrophen die Ärmel für eine hoffnungsvolle Zukunft hochzukrempeln.

Es geht noch schlimmer

Doch im Laufe der Folgejahre bekam diese enge Verbundenheit immer wieder und weitere Risse. Der Vietnamkrieg ist einer der grausamen Ursachen  dafür. Wachsende Amerikakritik begleitete von da an das deutsch-amerikanische Verhältnis.

Am 11. September 2001 rollte von Europa (und sicherlich besonders von Deutschland) aus nochmals eine die Risse übertünchende solidarische Symphatie-Welle an die Adresse der Amerikaner. Der entsetzliche terroristische Massenmord in New York kostete nicht nur knapp 3000 Menschen das Leben. Er erzeugte auch eine riesige Gefühlswelle. Die wiederum veränderte die Parameter von politischer Angst in vielen Ländern. Damals haben wir doch gedacht: Schlimmer geht es nicht mehr.

Offensichtlich aber geht es, in gewisser Weise und auf andere Art, noch schlimmer. Sehen wir doch seit 20 Monaten einen unkalkulierbaren US-Präsidenten dabei zu, wie er Grundzüge der deutsch-amerikanischen Freundschaft, wie er demokratische Grundsätze, wie er mühsam erreichte internationale Verträge kaputt trumpelt.

Überforderte Politiker

Mir ist das morgentliche spöttische Lachen über die neuesten Kapriolen dieses Narzissmus-first-Mannes nach wenigen Wochen intensiver Beobachtung im Gesicht erfroren. Dieser haarsträubende politische Unsinn der getwitterten Marke Donald ist einfach nicht mehr zu toppen. Daher wundert es nun auch nicht, dass in einer aktuellen Studie der R+V-Versicherung an der Spitze der sieben größten Ängste die Angst vor einer gefährlicheren Welt durch die Trump-Politik steht. 69 Prozent der Befragten sehen das so. Damit ist es in Deutschland Mehrheitsmeinung, dass dieser Polit-Cowboy (nichts gegen redliche Hirten) eine globale Gefahr darstellt.

Hinzu kommt: Den Bürgerinnen und Bürgern hierzulande bereitet es extreme Sorgen, dass die Politiker überfordert sind. Da braut sich etwas zusammen, was in der Tat politische Explosivkraft hat. Denn worauf sollen sich die Menschen denn stützen, wenn sie zu 63 Prozent Angst davor haben, dass wir beispielweise vermehrt Spannungen durch den Zuzug von Ausländern bekommen und Deutschland mit seinen Behörden als überfordert angesehen wird. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die ohnehin schon schlechten Noten für Politiker seit 2001 immer wieder neue vergleichsweise hohe Negativwerte erreicht haben.

Ängste zwischen Terror und Finanzen

Angesichts dieser politischen Horror-Szenarien wirkt es nicht erleichternd, wenn man im Rückblick erkennt, dass die Ängste in unserer Gesellschaft kein neues Phänomen sind, sondern sich bereits über die vergangenen knapp 20 Jahre (und auch schon davor) an unterschiedlichen Ereignissen festgemacht haben. 2003 sahen sich die Deutschen durch Insolvenzen beunruhigt, vom Reformstau in den Sozialsystemen und von über vier Millionen Arbeitslosen. Die Angst vor weiteren Terroranschlägen nach New York stieg deutlich an. 2010 waren Finannzmarkt- und Währungskrisen sowie Rettungsschirme für überschuldete EU-Staaten die Angsttreiber. 2016 trieben die harten Auseinandersetzungen über die Flüchtlingskrise den Furchttindex in die Höhe.

Wenig Angst vor Scheidungen

So gesehen, ist es nur einer kleiner Trost, wenn die Deutschen verständlicherweise zwar große Terrorangst haben, aber trotzdem nur zu 28 Prozent fürchten, selbst Opfer einer Straftat zu werden. Noch weiter hinten auf der Angstliste steht im Rahmen der Lebensbrüche beispielsweise eine Scheidung. Nur 18 Prozent fürchten sich davor. Erstaunlich, wenn es doch fest im demoskopischen Bewusstsein der Gesellschaft verankert ist, dass gut ein Drittel der Ehen geschieden wird.

Mit anderen Worten: Angst erwächst auch in hohem Maße über die Medien. Hier fokussieren sich Ereignisse in einem besonderen Maße. Und die müssen täglich verarbeitet werden. Wie zuvor gezeigt, verändern sich die Parameter dafür im Laufe der Jahre immer wieder. Themen poppen hoch,  verschwinden dann wieder oder nähern sich im Ranking der Bedeutungslosigkeit. Irgendwie folgen die Angstspitzen keiner direkt erkennbaren Logik. Das, wiederum, macht auch Angst – sollte zumindest zu denken geben.

Hoffnung auf ein Goodbye Mr. Trump

Trotz aller globalen bis lokalen Dramatik ist und bleibt Angst ein schlechter Ratgeber. Deshalb habe ich einfach Angst, dass Angst zum bestimmenden Maßstab für politisches Handeln wird. Die völlig überzogene und populistisch herbeigeschriene Dominanz der angeblichen Flüchtlingsbedrohung in unserem Land ist ein unsägliches Beispiel dafür.

Bezogen auf den derzeitigen amerikanischen Präsidenten verordne ich mir immer wieder ein Abklingen der Angst. Schwer genug. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass die demokratischen Regeln auch in den USA Bestand haben und dass es bald heißt: Goodbye Mr. Trump. Dann könnte ich mich wieder auf einen Kaugummi von einem US-Soldaten freuen. Und ich würde im Gegenzug ein dickes Stück Schwarzwälder-Kirsch-Torte als deutsche Spezialität spendieren.