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Die Neu-Religiösen

Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Die Kirchen verzeichnen Jahr für Jahr neue Austrittsrekorde. Damit unterscheiden sie sich kaum von anderen Großorganisationen, die einstmals  vielen Menschen Sicherheit, Geborgenheit  und so etwas wie innere Heimat boten. Die Gewerkschaften gehören dazu, für nicht Wenige gewiss auch Parteien. Das ist vorbei. Also vorbei für die genannten „alten“ (im Sinne von „überholten“) Institutionen. Denn anti- oder ohne-kirchlich heißt ja nicht anti-religiös. Die Menschen möchten keineswegs auf „Glauben“ verzichten. Sie suchen sich dafür einfach Ersatzreligionen. Am liebsten solche, die sie jederzeit ohne Formalitäten auch wieder verlassen  können.

Der Elektromobil-Glaube

Nun kann ja kein einigermaßen vernünftiger Mensch bestreiten, dass auf dieser Erde einiges in Unordnung geraten ist. Die Häufung extrem heißer Sommer in gemäßigten Zonen wie Mitteleuropa, kaum noch für Kreatur und Natur angenehme Landregen, stattdessen immer mehr zerstörerische Unwetter – das alles ergibt Grund genug, um besorgt zu sein. Und, nicht zuletzt, sollte es Weckruf genug sein für Technik, Industrie und Wirtschaft, die Erfindungsgenies und Entwicklungsgeister zu mobilisieren, um mit modernstem Gerät diese Entwicklungen zu stoppen und über die Zeit vielleicht sogar umzukehren.

Denn zu meinen, man könne für die unaufhörlich wachsende Erdbevölkerung mit Konsumverzicht hier und  veränderte  Mobilitätsformen da eine gesunde Umwelt schaffen,  erfordert schon einen starken Glauben. Oder, direkter gesagt, das wird nicht funktionieren. Zumindest nicht ohne entsprechende Technik. Und tatsächlich scheint ja ein kleines Wunder geschehen zu sein – die Rettung der Menschheit liegt in der Elektromobilität. Von Tag zu Tag jedenfalls wächst die Zahl der Jünger, also der Gläubigen.  Die entscheidende Frage scheint demnach nicht, ob damit dem für Klima und Umwelt grauslich-schädlichen Kohlendioxid – natürlich bei Wahrung der gewohnten Mobilität -wirklich der Garaus gemacht wird, sondern wer auf dem Feld der Innovation die Nase vorn hat und auf dem Weltmarkt da große Geld macht.

Was steckt hinter der Dose?

Na gut, im Moment gibt es noch ein paar kleinere Probleme, zum Beispiel mit den Zapfsäulen. Es sind, theoretisch, noch immer zu wenige an den Tank- und sonstigen Stellen, und es dauert auch noch viel zu lang, bis die Batterie geladen ist. Aber man braucht sie ja halt auch real noch nicht so wirklich. Und so richtig weit fahren kann man ebenfalls nicht. Aber das, sagen die E-Jünger, sind Kinderkrankheiten. Wichtig ist allein: Der „Sprit“ kommt aus der Steckdose.  Und das ist gut für die Umwelt. Ein Hoch damit auf diese Technik. Wie bitte, was soll denn die Frage, was hinter der Dose komme? Die Wand, das sieht man doch. Und dahinter? Oder kommt der Dosenstrom etwa aus dem Putz

Natürlich könnte man dieses unsinnige Kasperle-Spiel noch endlos weiterführen. Doch die dahinter steckende Realität ist leider bizarr. Denn da wetteifern die gutgläubigen Elektro-Gläubigen mit jenen anderen Tausenden, die mittlerweile seit Monaten schon einem schwedischen Mädchen folgen und dieses schier wie eine Heilige verehren. Das Ziel ist, kein Zweifel, höchst ehrenwert – die Rettung des Weltklimas. Damit aber sind wir wieder bei der Wand mit Strom. Unsere heutige Versorgung kommt aus einem Energie-Mix: Kohle, Wind und Wasser (also erneuerbar) und Kernkraft. Über den Ausstieg aus Kohle und Kernkraft besteht zur Zeit Einigkeit. Trotzdem laufen so genannte „Aktivisten“ von Zeit zu Zeit immer wieder Amok gegen Braunkohle.

Irgendwie wird es schon gehen

Jeder mit dieser Frage befasste Wissenschaftler wird bestätigen, dass in einem Land wie Deutschland sichere Energie das A und O für den Weiterbestand von Wirtschaft und Wohlstand ist. Im Moment und für die anstehende Zeit nach dem Ende der Braunkohle-Verstromung müsste die Kernenergie sogar noch ausgebaut werden, um wenigstens die Grundlast zu garantieren. Insbesondere dann, wenn die Zahl der elektrisch betriebenen Fahrzeuge tatsächlich in die Höhe schnellen sollte. Merkwürdigerweise allerdings redet im Moment alle Welt nur von Co2 und Elektromobilität, doch ein Verkaufsrenner sind diese Fahrzeuge bislang nicht geworden. Das mag vielleicht damit zusammenhängen, dass bis vor etwa zwei Jahren das Thema in der deutschen Gesellschaft noch überhaupt nicht existent war, um dann ganz plötzlich als eine Art Ersatzreligion entdeckt  zu werden.

Warum erinnert einen das so sehr an den begnadeten Satiriker Kurt Tucholsky? Ganz einfach, weil der einen berühmten Satz des Komponisten Richard Wagner aus dessen Schrift Deutsche Kunst und deutsche Politik „Deutschsein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen treiben“ ebenso kurz wie genial umgedichtet hat in „…um ihrer selbst willen übertreiben“. Denn wer kann denn ausschließen, dass dieses, einer gewissen  Sprunghaftigkeit nicht abgeneigte, Volk nicht vielleicht eines kurzen Tages entdecken könnte, dass nicht Elektromobilität, sondern der Wasserstoffmotor die Lösung aller Probleme für die Umwelt ist? Auch daraus ließe sich sicher schnell wieder eine Ersatzreligion basteln.

Jetzt hat Greta Thunberg beschlossen, demnächst an Bord der emissionsfreien Hochseeyacht „Malizia II“  (Fliegen kommt für sie wegen des Schadstoffausstoßes der Maschinen ja nicht infrage) nach Amerika zu segeln, um auch dort Klimafreunde um sich zu scharen.  Ihr eine glückliche und gut verlaufende Überfahrt zu wünschen, ist wirklich keine Häme, weil gerade im August über dem Atlantik Hurrikan-Gefahr besteht.  Und bei einem  über zwei Wochen gehenden Törn kann eine Menge passieren.

Kommentar und Zuschriften bitte am gisbert.kuhn@rantlos.de