Die deutschen (Sprach-)Lemminge

Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Lemminge sind kleine graue Nagetierchen. Sie gehören zur Kategorie der Wühlmäuse und haben die Eigenart, in großen Gruppen zu wandern. Dabei folgen die jeweils Hinteren den weiter vorne Rennenden offensichtlich blind. Oft genug sogar ins eigene Unglück. Dieses seltsame Massen-Verhalten wird im täglichen Leben gern als Sprachbild benutzt, wenn von Mitläufertum oder Nachahmungs-Formen die Rede sein soll. Auf den öffentlichen, staatlichen Betrieb gemünzt, hatte der hessische SPD-Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff 1932 dazu den Begriff „politischer Herdentrieb“ geprägt folder icon download for free. Also die Bereitschaft sogar größerer gesellschaftlicher Gruppen, sich (vielleicht auch nur vorgeblich) populären oder erfolgreich erscheinenden Handlungsweisen anzuschließen. Man kennt dieses Phänomen – zum Beispiel die Wechselwirkung von Meinungsumfragen und Zustimmungswerten – nicht zuletzt aus dem Vorfeld von Wahlen.

Seit geraumer Zeit schon wird unsere Republik allerdings von den Bemühungen einer Bewegung überzogen, die vor allem zwei Ziele verfolgt: Erstens müssten „endlich“ gesellschaftliche Minderheiten – besonders solche, die sich hinsichtlich ihres Geschlechts nicht sicher seien – als „normal“ anerkannt und dieses (zweitens) durch eine spezielle sprachliche Herausstellung erkennbar gemacht werden. Das eine ist mittlerweile als „Identitätspolitik“ in das Tagesgeschehen eingegangen, das andere als „Gendern“ – mit spezieller Berücksichtigung der in der Buchstaben-Kombination LGBT zusammengefassten Geschlechtsgenossen und -genossinen windows games for free. Mithin der Lesbierinnen (L), Schwulen (G), Bi-Sexuellen (B) und Trans-Geschlechtlichen (T), wobei unter „T“ (kurz gefasst) Männer verstanden werden, die sich in Wirklichkeit als Frauen fühlen, und umgekehrt.

Keineswegs nur im „Netz“ tobt nun – ebenfalls schon seit geraumer Zeit – geradezu ein Glaubenskrieg. Und, wie immer, wenn es um Glauben und Überzeugungen geht, sind auch diese Auseinandersetzungen mit höchst unappetitlichen verbalen Begleiterscheinungen garniert. Natürlich geht es dabei auch um die etwa 60, vom Deutschen Schwulenverband aufgelisteten, angeblichen Geschlechtszuweisungen (neben und zusätzlich zu „männlich“ und „weiblich“). Aber wirklich hart treffen die verschiedenen Glaubens-Heere vor allem auf einem kulturellen Schlachtfeld zusammen. Nämlich auf dem Gebiet, wo nichts Geringeres auf dem Spiel steht als der Erhalt oder die Verstümmelung des wichtigsten Kulturträgers überhaup: die zu schreibende und zu sprechende Sprache musik lizenzfrei herunterladen.

Für den (oder die), der (oder die) die deutsche Sprache in ihrer ganzen Vielfalt, mit ihren breit gefächerten Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer regionalen Buntheit liebt, ist diese Diskussion der reinste Horror. Wobei die ganze Jongliererei mit Sternchen, Über-, Unter-, Schräg- und Mittelstrichen, einem einzigen oder vielleicht doch lieber Doppelpunkt und einer daran geknüpften femininen Endung häufig der reinste Unsinn ist, wie zum Beispiel Ärzt:In. Wie wurde denn schon in der Vergangenheit ein weibliches Mitglied der medizinischen Zunft genannt? Na klar doch – Ärztin! Was also soll der demonstrative Doppelpunkt und das groß geschriebene „I“ dahinter? Aber wenigstens laden manche besonders fantasievollen Begriff-Schöpfungen mitunter wenigstens zum Schmunzeln ein; wie etwa der Vorschlag einer Teilnehmerin an einer der zahllosen Talkshows zu diesem Thema, man solle doch ihre maskulinen Berufskollegen (um die Geschlechter-Gerechtigkeit zu fördern) besser „Journalisterich“ nennen download viagogo app.

Was dagegen wirklich sprachlos, ja wütend macht, ist der lauthals propagierte Anspruch einer gesellschaftlichen Minderheit mit einem wahrscheinlich deutlich hinter dem zweiten Kommastrich rangierenden Bevölkerungsanteil, nicht nur die Sprache und das Schriftbild bestimmen und reglementieren zu dürfen, sondern – darüber hinaus – auch noch die Deutungshoheit über das zu erhalten, was „politisch erlaubt“ bleibt und überhaupt noch sprechen erlaubt ist. Es ist ja keineswegs nur eine Frage von Mehrheit und Minderheit. Selbstverständlich haben Angehörige von Minoritäten, was auch immer sie von Majoritäten unterscheidet, dieselben Rechte und entsprechend Schutz vor Diskriminierung wie alle anderen. Aber sich als „Opfer der Gesellschaft“ zu gerieren, daraus dann vielleicht sogar eine „höhere Moral“ zu konstruieren und aus dieser Position dann auch noch eine Art kultureller Revolution auszurufen – das ist schon stark.

Noch einmal – es geht bei diesem Gefecht nicht zuvorderst über Zahlen und Größenordnungen. Obwohl die Geschichte und Erfahrung lehren, dass gut organisierte Minderheiten gegenüber unsortierten und nicht selten uninteressierten Mehrheiten meistens obsiegen Download skype. Und zwar auch wegen des oben erwähnten „politischen Herdentriebs“. Wer will schließlich nicht auf der Gewinnerseite stehen, wenn doch ganz offensichtlich von den geistigen Eliten im Land Entwicklungen von möglicherweise geschichtlicher Bedeutung in Gang gesetzt werden? Geistige Eliten! Ja, das ist das Zauberwort! Der mit angeblicher Entdiskriminierung von Frauen und sexuellen Randgruppen begründete Anschlag auf die deutsche Sprache mit Sternchen, diversen Strichen, mit verwunderlichen Klickgeräuschen bei TV-Moderatoren und Radiosprechern erfolgt ja nicht etwa aus der Tiefe des gesellschaftlichen Raumes. Er geht vielmehr aus von den Universitäten und den dort studierenden Söhnen und Töchtern der in aller Regel selbst schon mit akademischer Bildung gesegneten, gutverdienenden oberen Mittelschicht, deren vielleicht einmal vorhandene Wurzeln ins Milieu der Industriearbeiter allerdings längst verdorrt sind.

Lifestyle-Linke nennt Sahra Wagenknecht, die herausstechende Politikerin der „Linken“, diese – gewiss nicht nur in ihren Augen – vom mühsamen Alltagsleben abgehobenen, ebenso selbstgefühlten wie selbsternannten und selbstgefälligen „Opfer“ der Gesellschaft empire total war kostenlosen vollversion. „Da, wo eine Reinigungskolonne ihre Putzkräfte rekrutiert oder ein Lieferdienst seine Pizza-Austräger, fragt niemand nach Diversity; die dürfte in diesem Bereich ohnehin übererfüllt sein“, urteilt Wagenknecht in ihrem neuen Buch „Die Selbstgerechten“, in dem sie gnadenlos mit den einstigen Arbeiterparteien, mehr aber noch mit den „Grünen“ abrechnet. Ihr zentraler Vorwurf: Diese alle hätten längst vom Boden abgehoben und den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Damit hat sie sich dort freilich keine Freunde gemacht. Genauso wenig, übrigens, wie vor ihr schon der SPD-Mann und einstige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, für den sich die jetzige (Mit-) SPD-Chefin Saskia Eskens sogar fremdschämen zu müssen meinte, als dieser seiner Partei vorhielt, mit ihrem Eintreten fürs Gendern und die so genannte Identitätspolitik völlig an der Lebenswirklichkeit in Deutschland vorbei Politik zu machen. Für diese, fraglos nahe an der Realität angesiedelte, Beschreibung der Lage musste Thierse ordentlich Prügel einstecken.

Tatsächlich weisen über viele Monate hinaus schon praktisch sämtliche Umfragen aus, dass die überwältigende Mehrheit im Lande für die Gender-Spielereien mit der deutschen Sprache überhaupt nichts übrig hat und darüber hinaus die Geschlechterteilung in Männer und Frauen augenscheinlich als ausreichend und „normal“ erachtet lieder herunterladen samsung. Was sie freilich keineswegs daran hindert, auch jenen vollen Respekt entgegenzubringen, die anders fühlen und entsprechend leben wollen. Hier, allerdings, kommen nun die anfangs erwähnten Lemminge ins Spiel. Denn: Ungeachtet der beschriebenen deutschen Stimmungslage erfuhren die in ihren Blasen munter und lautstark agierenden Gender-Apostel ordentlich Zulauf. Die Zahl der Unis lässt sich längst nicht mehr an zwei Händen abzählen, die von den Studierenden bei ihren Arbeiten den Sternchen/Striche-Kunstsprachenquark verlangen und im Falle einer Weigerung (Beispiel Uni Kassel) mit Punkteabzug drohen. Warum hat eigentlich nicht schon längst einer (oder eine) den Rechtsweg beschritten? Schließlich hatte doch der Bundesgerichtshof (BGH) schon 2018 die Verpflichtung zum Gendern für Dienstleister verneint download vcr player for free.

Und wie die Lemminge rennen auch immer mehr Kommunen dem (zwar optisch komisch anzusehenden, phonetisch stotternd klingenden, aber offensichtlich) als cool, fortschrittlich und modern geglaubten gendermainstream hinterher. Bremen, Hamburg, Hannover, Greifswald, Rostock, Köln und zuletzt auch Bonn – sie alle haben, ihre Mitarbeiter mehr oder minder verpflichtend, „Leitfäden“ für offizielle Schreiben und den Binnengebrauch erlassen. Man wolle damit sicherstellen, begründet Bonns grüne Oberbürgermeisterin Katja Dörner die richtungsweisende Entscheidung, dass sich alle Mitbürger (und natürlich auch Mitbürgerinnen) „angesprochen und mitgenommen“ fühlen können. Gleichgültig welcher politischen Meinung, Hautfarbe, Religion, sexueller Ausrichtung. Im Übrigen sei es ja „nur“ ein „Leitfaden“. Kein städtischer Beamter, Angestellter oder Arbeiter sei gezwungen, ihn zu befolgen download anstoss 1. In diesem letzten Satz steckt freilich sogar eine echte Portion Perfidie. Schließlich weiß jeder, der sich auch nur ein wenig auskennt im öffentlichen „Beförderungswesen“, welche Chancen aufs Fortkommen sich jemand ausrechnen kann, der sich einem „Ratschlag“ von oben widersetzt.

Noch ist, freilich, nicht alles Wasser den Rhein hinuntergeflossen. Will sagen, es regt sich Widerstand im Land. Auch natürlich in den „Netzen“. Er wird aber auch aus überraschend sprudelnden Quellen gespeist, die eine sehr viel nachhaltigere Wirkung erzielen. Wer hätte, zum Beispiel, geglaubt, dass ausgerechnet die publizistische Speerspitze der politischen Linken in Deutschland, die Tageszeitung (TAZ), mit einem außerordentlich kritischen Artikel das sprachwirksame „lifestyle“-Milieu aufmischen würde. „Gendern als Ausschlusskriterium“ greift das Blatt die mit dem Kulturkampf verbundene Absicht an, die Gesellschaft in „gut“ (nämlich wir) und „böse“ (all die anderen) zu spalten audible titel downloaden. Die TAZ kommt zu dem Schluss, dass die „Symbolkämpfe“ in der Sackgasse gelandet seien. Wörtlich: „Die Idee, mit dem Gendersternchen eine diskriminierungsfreie Gesellschaft zu erzwingen, ist gescheitert. Die Gendersprache schließt zu viele aus“. Zudem hätten die Gegner „einfach keine Lust, sich ihre natürlich gewachsene Sprache zergendern zu lassen”.

Dieser, in ihrer Prägnanz einfachen und in ihrer Richtigkeit nicht zu überbietenden Erkenntnis, ist nichts hinzuzufügen. Es gibt noch Hoffnung für die Sprache Goethes und Schillers. Die Lemminge können getrost umkehren.