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Deutschsein ist klasse

Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Dass es ganz einfach klasse ist, deutsch und Deutscher (Weiblichkeitsform selbstverständlich inbegriffen) zu sein, ist ja nicht ganz neu. Man denke nur an den Lübecker Lyriker Emanuel Geibel und sein 1861 erschienenes Gedicht „Deutschlands Beruf“, das mit den Worten endet: „Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen“. Gut, später (zum Beispiel während der 12 Jahre, in denen der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland allerdings nur einen „Fliegenschiss der Geschichte“ zu erkennen vermag) hatten die damals Mächtigen hierzulande den Geibel´schen Genesungswunsch offensichtlich gründlich missverstanden. Doch mittlerweile scheint sich die dichterische, den Erdball umspannende, Aufforderung zwischen Flensburg und Konstanz, Aachen und Cottbus durchaus wieder wachsender Beliebtheit zu erfreuen.

Und wie! Nehmen wir als Beispiel die nun schon seit Monaten an den Freitagen zelebrierten Schülerschulstreiks zugunsten des Klimas. Leider (oder eher dummerweise) sind die nicht in Deutschland erfunden worden, sondern von  einem 16-jährigen schwedischen Mädchen. Macht aber nichts, denn eine Sache wird erfahrungsgemäß ja ohnehin erst wirklich rund, wenn sie in den Händen der Richtigdenker und Zupacker liegt. Und wo leben die? Na, hier! Wo denn sonst? Und das geht dann so: Am Anfang steht die – unanfechtbar – richtige Erkenntnis, dass der auf der wirtschaftlichen Sonnenseite der Erde lebende Teil der Menschheit nicht nur sündhaft leichtfertig, sondern geradezu raubrittermäßig mit der Ausbeutung und dem Verbrauch kostbarer Rohstoffe umgegangen ist – und dies noch immer tut.

Dem folgt das (nicht für die damit beschäftigten Wissenschaftler und Forscher) plötzliche bürgerliche Erschrecken, dass die Natur diese Art von industriellem wie konsumtivem Umgang mit den von ihr zur Verfügung gestellten Schätzen nicht ungestraft hinnimmt, sondern sich wehrt. Zum Beispiel mit dem Abschmelzen des Polareises, mit zum Teil katastrophalen Wetterkapriolen wie Hitze und Dürre, Regenfluten und Orkanen selbst in den gemäßigten Klimazonen. So weit ist alles richtig und auch die daraus gezogene Lehre vernünftig, dass „man“ (im Sinne von „jeder“) etwas dagegen tun müsse.

Nun, freilich, wird die ganze Sache „deutsch“. Deutschsein wiederum, das hat in den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts schon der geniale Satiriker Kurt Tucholsky erkannt, bedeutet offensichtlich nicht nur eine Sache um ihrer selbst willen (Bismarck) zu betreiben, sondern sie zu übertreiben. Was heißt das? Nun: Begeistert von der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg gehen – Dank sei den modernen Kommunikations- und Mobilisierungsmedien – regelmäßig  zehntausende Schüler während der Schulzeit demonstrierend auf die Straße, um „der Politik“ Dampf zu machen auf dem Gebiet des Klima- und Naturschutzes. Ganz offensichtlich mit Erfolg.

Denn die Protest- und Demonstrationswellen trugen bei den fast zeitgleichen Europa- und deutschen Landtagswahlen eine Partei in ungeahnte Höhen, die seit Jahrzehnten das Klimathema auf ihre Fahnen geschrieben hat – die Grünen. Meinungsumfragen machen ihnen sogar Hoffnung, stärkste Kraft im Lande zu werden. Ja, eine der beiden Führungsfiguren, Robert Habeck, stürmt auf der Beliebtheitsskala sogar an der bis dahin unangefochten führenden Bundeskanzlerin vorbei. Was den denkenden Zeitgenossen dabei freilich nachdenklich macht und  auch ein wenig ratlos zurücklässt, ist Folgendes: Natürlich ist der Einsatz zur Rettung von Natur, Umwelt, „normalem“ Klima, vernünftigem Umgang mit Rohstoffen usw. absolut wert, unterstützt zu werden. Dass es dabei auch zu Verschiebungen im politischen Kräftesystem kommen kann, ist logisch, auf alle Fälle nichts Ungewöhnliches.

Insofern ist der „grüne“ Höhenflug nachvollziehbar. Wenigstens im Prinzip. Aber gilt das auch für die so genannte Öffentlichkeit? Die demonstrierenden Schüler begründen die Verletzung der Schulpflicht mit der „guten Sache“.  Dieses Argument weiter gedacht und – vor allem – verfolgt, würde vermutlich außerordentlich unschöne Folgen für das Funktionieren des öffentlichen Lebens in einem auf den Ausgleich der unterschiedlichsten Interessen aufgebauten demokratischen Staates nach sich ziehen. Es gibt schließlich ziemlich viele „gute Sachen“ und entsprechende Forderungen an Staat und Politik. Zumal „man“ (egal ob einzeln oder als Menge) sich gern der Unerbittlichkeit hingibt, wenn ein gutes Gewissen dahinter steht.

Diese Unerbittlichkeit bedient sich – wie auch aktuell zu beobachten – in aller Regel zweier Forderungen. Einmal der Sache – hier: Klima. Zweitens der Zeit – hier: sofort. Das wiederum schafft sich einen eigenen Zeitgeist. Beweis: Nahezu alle Umfragen weisen seit einigen Wochen als wichtigste Themen aus: Klima und Umwelt. Viele Probleme, die vorher Angst, Sorge, Wünsch oder Bedenken auf der Werteskala der Bürger dominierten, rutschten mit einem Schlag in den Schatten der neuen „Bedrohung für uns, unsere Kinder und Kindeskinder“. Ausstieg aus der Braunkohle – „natürlich sofort“! Frage: Wie und womit sollte die daraus entstehende Energielücke geschlossen werden? Schon gar, falls die Automobilität tatsächlich die Straßen füllen sollte. Antwort: …?

Weiter: Es ist wahr und unbestreitbar, dass Klima, Natur und Umwelt die Markenzeichen der Grünen sind. So war es eigentlich auch natürlich, dass sie sich an der Verteidigung des berühmten Hambacher Forsts beteiligten. Wie gesagt: Eigentlich. Denn vor drei Jahren, damals Koalitionspartner der Sozialdemokraten in der nordrhein-westfälischen Landesregierung, hatten sie noch den Weiterbetrieb des Tagebergbaus mitbeschlossen. Sei´s drum. Die Menschen sind bekanntlich lernfähig, und es ist auch nicht verboten, seine Meinung zu ändern…  

Wie gesagt, es geht um eine gute Sache. Und sich einer solchen anzunehmen, ist ja klasse. Das tun nun auch abertausende Landsleute. Womit wieder einmal bewiesen wäre, Deutschsein ist klasse. Wenn da nur nicht eine kleine Nebensächlichkeit wäre. Nämlich die (überflüssige?) Frage, woher denn das Geld kommen soll, um – außer der nationalen, aber doch wohl weltweit gewollten –  Klimarettung all die anderen Kleinigkeiten zu bezahlen, auf die auch kaum jemand verzichten möchte: Innere und äußere Sicherheit, Verkehrsinfrastruktur, Renten, Gesundheitswesen, Bildung und noch einiges mehr. Die Antworten darauf stehen aus. Aber irgendwie wird das ja wohl gehen. Emanuel Geibel hat es schließlich (siehe oben) schon vor 158 Jahren vorhergesagt.

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