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Das harte Los, Deutscher zu sein

 Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Vor wenigen Tagen war bei facebook ein Eintrag zu lesen, in dem ein Mann in durchaus wohlgesetzten Worten (also nicht in dem zumeist üblichen Hass/Schimpf/Jammer/Vorwurf-Kauderwelsch) schrieb, es sei Deutschland „noch nie so schlecht gegangen“ wie im Jahre 2018. Und er begründete diese Feststellung mit dem Schuldenberg von Kommunen, maroden Schulgebäuden, Straßen- und Brückenschäden, der wachsenden Kluft zwischen arm und reich, fehlenden bezahlbaren Wohnungen sowie der brisanten Flüchtlings- und Asylbewerber-Problematik. Keine Frage, nicht eines dieser Themen war an den Haaren herbeigezogen oder wäre nicht etwa der Erwähnung und Diskussion wert. Im Gegenteil: Es ist ein Skandal, dass – zum Beispiel der Zustand vieler Schulen – es in manchen Bereichen überhaupt so weit gekommen ist.

Doch da steht immer noch die apodiktische Behauptung, diesem Deutschland sei es „noch nie so schlecht gegangen“ wie gerade jetzt. Auf mehrfaches Nachfragen nach seinem Alter schrieb der „Poster“, er sei Jahrgang 1975. Nun hat sich niemand auf der Welt ausgesucht, wann und wo er geboren wurde. Schon das verbietet an sich von vornherein jegliche Attitüden etwa von rassischer Überlegenheit. Aber so wie Alter kein naturgegebenes Privileg ist, so wenig ist Jugend ein Verdienst. Und schon gar kein Freibrief dafür, beim Malen seines eigenen Welt- und Lebensbildes bestimmte geschichtliche Vorgänge, Geschehnisse oder Entwicklungen kurzerhand außer Acht zu lassen. Um beim Beispiel zu bleiben: Unser, nach eigenen Angaben, heute 43 Jahre alter Facebooker hat (zu seinem Glück) die Not- und Mangelzeit der frühen Nachkriegsepoche nicht zu erleben brauchen. Aber einen auch nur einigermaßen gebildeten Menschen kostet es keine Mühe, sich bei Zeitzeugen kundig zu machen; ganz abgesehen von  den Informationsmöglichkeiten über die modernen, elektronischen Medien. Hätte er es getan, wäre ihm der peinlich wirkende Satz möglichweise nicht in den Computer geflossen.

„Deutsch sein“, hat der „Eiserne Kanzler“ Otto von Bismarck einmal gesagt, heiße, „eine Sache um ihrer selbst willen treiben“. Kurt Tucholsky, der begnadete Satiriker und Zyniker der 20-er Jahre im vorigen Jahrhundert, wandelte diese Feststellung durch eine kleine Wortveränderung nicht weniger treffend wie folgt um: „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen übertreiben“. Das kann, wie die ja noch nicht allzu lang zurück liegende Geschichte gezeigt hat, durchaus zu Hybris und zerstörerischem Tun führen. Es kann der Welt aber genauso ein Volk präsentieren, das sich ganz offensichtlich in einem Dauer-Lamento wohlfühlt. Die vom Schicksal und der Geschichte ja nun wirklich nicht verwöhnten Iren haben sich selbst bei Katastrophen noch Mut machen können mit der gegenseitigen Versicherung,  es hätte auch noch schlimmer kommen können. Wenn dagegen in dem nicht selten sogar im Übermaß geordneten Deutschland auch nur ein wenig etwas aus der gewohnten Spur zu laufen droht, wird zumeist ziemlich schnell das Klagelied angestimmt: „Schlimmer kann es wohl wirklich nicht mehr werden“.

Es ist offensichtlich wirklich ein hartes Los, Deutscher zu sein. Die Wirtschaft brummt zwar, ungeachtet einiger Bremsspuren. Die Problematik des, vor allem 2015 erfolgten, Massenzustroms von Menschen aus teilweise völlig anderen Kulturen und Lebensbereichen ist unübersehbar und hat zu mitunter heftigen Spannungen in der Gesellschaft geführt. Aber ist er nicht, umgekehrt, zugleich auch Beweis für die Attraktivität des Landes? Es stimmt auch, dass die massiven weltweiten politischen Verwerfungen besonders seit dem Ende der West/Ost-Spaltung, die rasante Entwicklung neuer Informationstechnologien und der Digitalisierung die Verarbeitungs-Fähigkeit vieler Menschen überfordern. Doch das ist grenzüberschreitend, trifft also nicht nur die Bürger hierzulande.

Müsste daraus nicht eigentlich ein Impuls zum Aufbruch erwachsen? Eine Bereitschaft, die Herausforderungen anzunehmen und in Dynamik umzuwandeln? Es lohnt sich, noch einmal die berühmte Berliner „Ruckrede“ nachzulesen, mit der Roman Herzog, der damalige Bundespräsident, 1997 versucht hatte, seine Mitbürger aufzurütteln. Es müsse, forderte das seinerzeitige Staatsoberhaupt, ein Ruck durch das Land gehen. Man müsse Abstand nehmen, von liebgewordenen Besitzständen. Stattdessen herrsche überwiegend Mutlosigkeit im Land, Krisenszenarien würden gepflegt, ein Gefühl der Lähmung liege über unserer Gesellschaft. Hat sich daran seitdem wirklich etwas geändert?

An der Schwelle zum Jahr 2019 hat das Hamburger Meinungsforschungsinstitut Ipsos die Stimmungslage der Deutschen erfragt. Und das Ergebnis ist nicht erfreulich. Ganze 17 Prozent der repräsentativ Befragten geben an, sie sähen dem neuen Jahr „mit großer Zuversicht und Optimismus“ entgegen. Vor einem halben Jahrzehnt waren es noch 45 Prozent. Im Bericht des Instituts liest sich das so: „Eine breite Mittelschicht lebt derzeit nach dem Paternoster-Prinzip. Sie fährt mit dem Fahrstuhl nach oben, ist aber sicher, dass es auch wieder abwärts geht, sobald man oben angekommen ist“. Anders formuliert: Die Menschen haben durchaus den Eindruck, dass es ihnen gut geht. Aber statt sich dessen zu erfreuen, überwiegt die Angst, dieser Zustand könne sich wieder ändern. Das klingt so, als würde sich ein bergauf stampelnder Radfahrer über diese Mühsal mehr freuen als über die erholsame Abfahrt, die hinter dem Hügel wartet. Kein Wunder, dass der Zukunftsforscher Horst Opaschowski meint, „das Krisengefühl der Deutschen braucht keine Krise“.

Trübe Aussichten also im Land zwischen Rhein und Oder, Flensburg und Konstanz? Zum Glück nicht ganz. Denn zumindest die junge Generation – und auf die kommt es schließlich an – ist offensichtlich deutlich zuversichtlicher gestimmt als es die Älteren sind. Wenigstens den Umfragen zufolge. Immerhin gab sich mehr als ein Viertel der unter 20-Jährigen als Optimisten zu erkennen. Erneut Zitat Opaschowski: „Ein etwas jugendlicherer und positiver gestimmter Blick in die nahe Zukunft täte den Deutschen gut“. Und dazu besteht ja auch begründeter Anlass. Innovation und Phantasie blühen schließlich nicht nur in Silicon Valley oder in den Kinderlaboren Chinas. Leider zumeist nur als Kurzmeldung (aber immerhin) finden sich in den heimischen Medien nahezu täglich Meldungen über atemberaubende Entwicklungen, die im Rahmen von „Jugend forscht“ getätigt werden. Und auch die Berichte über unternehmerische Neugründungen durch Teenager lassen häufig genug staunen.

Wir sind zu Recht stolz auf den Sozialstaat und seine Errungenschaften. Was freilich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr in den Hintergrund getreten ist, sind früher einmal unbestrittene Prinzipien wie die Subsidiarität. Sie bedeutet (sehr einfach ausgedrückt) im Prinzip, dass jedes Individuum zunächst einmal selbst für sich und sein Fortkommen Verantwortung trägt. Selbstverständlich immer nur gemäß seinen Fähigkeiten. Wer dazu nicht (oder nicht ausreichend) in der Lage ist, hat dann – ebenso selbstverständlich – Anspruch auf die von der Gesellschaft aufzubringende Solidarität. Steigender Wohlstand und ein, durchaus auch durch die Politik gefördertes, Anspruchsdenken haben diesen „Motor“ allerdings mehr und mehr absterben lassen. Die Folge: Der Ruf nach dem Staat und dessen angeblich allumfassender Alimentationspflicht wird fast immer und überall sofort laut. Ist es Zufall, dass die Zahl der Interessengruppen mittlerweile schier unübersehbar geworden ist?

Wenn es also tatsächlich ein so hartes Los ist, in Deutschland zu leben, dann mag es in der Tat kein Wunder sein, dass manche im Ernst glauben, es sei dem Land „noch nie so schlecht“ gegangen wie heute.