Corona und Pocken – Roman und Wirklichkeit

Von Wolfgang Bergsdorf

Autor Wolfgang Bergsdorf

Niemand kann uns vorwerfen, wir hätten in den vergangenen Jahren nichts dazugelernt. Im Gegenteil: Jeder staunt doch darüber, dass wir – zum Beispiel – alle Pandemie-Experten sind und Wörter dechiffrieren können, von deren Existenz wir noch vor zwei Jahren Ahnung hatten. „Corona“ (abgesehen von der mexikanischen Biermarke) gehört dazu, ferner „Inzidenz“, „Virusvarianten“ und manch andere mehr. Deren häufiger Gebrauch signalisiert unseren jeweiligen Gesprächspartnern unsere Kompetenz bei der Analyse und im Kampf gegen das uns alle bedrohende Virus herunterladen. Täglich werden wir mit unendlich vielen Zahlen zur Entwicklung der Seuche lokal, national und weltweit überschüttet. Wir können tagesaktuell die Sieben-Tage-Inzidenzwerte der USA (300), Frankreichs (150) oder Deutschlands (unter 80) ebenso vergleichen wie die Impfquoten der Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalens (62,2 und 70,9), deren machtpolitisch erbittert konkurrierende Ministerpräsidenten Markus Söder und Armin Laschet nun bis zur Bundestagswahl am 26. September einen Burgfrieden geschlossen haben.

Einstmals eine „Strafe Gottes“

Nicht wenige Zeitgenossen steigern ihre „epidemische“ Kompetenz durch die Lektüre „epidemischer“ Literatur. Wenn man in schwierigen Zeiten lebt, hält man Ausschau nach Büchern, die ebenfalls schwierige Zeiten behandeln. Denn der Mensch sucht nach Anknüpfungsfäden für die eigene Orientierung betriebssystem windows 2000 kostenlos downloaden. Die Corona-Bedrohung dürfte einer der Gründe sein für die erstaunlich große Nachfrage nach einem alten Roman, den vielen von uns noch aus der Schulzeit kennen. Der Franzose Albert Camus brachte 1947 „Die Pest“ heraus, die in der algerischen Hafenstadt Oran spielte. Die Hauptfigur, Dr. Bernhard Rieux, kämpfte gegen die Rattenplage, welche die verheerende Seuch auslöste und eine hermetische Abriegelung der Stadt zur Folge hatte. Wie auch im heutigen Geschehen fehlte es nicht an Stimmen, die die Epidemie als Strafe Gottes für die Süden der Menschen verstanden wissen wollten. Diese Rolle viel im Roman dem Jesuitenpater Paneloux zu, während der verhinderte Selbstmörder Couttard die Pest mit seltsamer Genugtuung verfolgte tox herunterladen. Ist es nicht auffällig, wie sehr man diese Haltung auch heute wieder findet – bei manchen Corona-Leugnern und Impf-Gegnern!?

Es gibt selbstverständlich auch in der zeitgenössischen deutschen Literatur Werke, die sich mit Epidemien beschäftigen. Eines der interessantesten stammt von Steffen Kopetzky. Der schrieb, unter dem Titel „Monschau“ (Rowolt – Berlin, 2021), einen als Liebesroman verkleideten Tatsachenbericht über den Pockenausbruch in dem Nordeifel-Städtchen. Alles, was uns gegenwärtig täglich beschäftigt – also testen, isolieren, impfen, die Politik kritisieren -, wird von dem Autor dieses Werkes souverän anhand des authentischen Falles von 1962 durchgespielt facebook chronicle.

Hohe Todesrate bei Pocken

Im Mittelpunkt des damaligen Geschehens steht Günter Stütten (1919 – 2003), Dermatologie-Professor an der Medizinischen Akademie Düsseldorf. Zur Bekämpfung der hochansteckenden Seuche machte er sich auf den Weg nach Monschau, zusammen mit dem seinerzeit noch nicht approbierten Arzt Nikos Spiriakis (im wirklichen Leben: Constantin E. Orfarnos), der später ebenfalls Medizinprofessor wurde. Der Roman beginnt mit der Kapitelüberschrift „Variola“. Was wie ein italienischer Mädchenname klingt, ist tatsächlich die wissenschaftliche Bezeichnung des Pockenvirus, das 1962 zum letzten Mal in Deutschland aktiv war fotos von icloud auf pc herunterladen apple. Zur Einordnung: Die Todesrate bei Pocken beträft 30 Prozent, bei Covid19 waren es bisher weltweit 1,3 Prozent.

Proben des in Monschau grassierenden Virus wurden im Münchener Institut für Vergleichende Tropenmedizin untersucht und von den Experten als besonders „kontaktfreudig“ identifiziert. Für den damaligen Kreis Monschau bedeutete der Ausbruch 50 Fälle von Haus-Quarantäne mit 90 betroffenen Personen. Dazu für große Quarantäne-Einrichtungen wie die Volksschule in Lammerath, die dortige Berufsschule, das evangelische Jugendheim in Monschau, ein Schützenheim in Kalterherberg und das Alpenvereins-Heim in Rohren. Hier lebten jeweils rund 60 Personen in strengster Isolation. Schwestern, Rotkreuzhelferinnen und -helfer, Polizeibeamte, Haus- und Amtsärzte standen sozusagen „in vorderster Front“ gegen das Virus, das mittlerweile auch sieben Schwestern und sechs Ärzte angesteckt hatte bilder von icloud auf pc downloaden. Darunter waren auch drei Hausärzte, die normalerweise für die medizinische Versorgung der Dörfer um Monschau herum zuständig waren. Der Romanautor konnte diese tatsächlich geschehenen Details in sein Werk

Ein rigoroser Kampf

Es gab – trotz der damaligen Dramatik – nur sehr wenig Tote, weil die Bekämpfung des Virus außerordentlich rigoros geführt wurde. Schon zu Ostern konnte Entwarnung gegeben werden. Die (fiktive) weibliche Hauptrolle Vera, Erbin des einzigen Industriebetriebs in Monschau, dessen leitender Ingenieur den Erreger aus Indien eingeschleppt hatte, konnte das Osterfest mit dem griechischen Arzt bei dessen Mutter in Athen feiern. Der Dermathologie-Professor Günter Stüttgen wurde 1963 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Steffen Kopetzky ist nicht zuletzt deshalb ein spannender Roman gelungen, weil er es versteht, die Rahmenbedingungen des Alltagslebens in den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Erinnerung zu rufen weihnachtsgrüße kostenlos downloaden. Das Kriegsende lag gerade einmal 17 Jahre zurück. Keiner wollte über den Krieg sprechen, obgleich seine Nachwirkungen noch überall zu spüren und oft genug auch zu sehen waren. Die Menschen genossen den wachsenden Wohlstand und hatten sich im industriellen Aufbruch eingerichtet. Alle handelnden Personen rauchten Kette, natürlich auch die Ärzte. Besonders interessant ist die Hauptfigur, Günter Stüttgen, die auch von im vorherigen Buch des Autors eine tragende Rolle gespielt hatte. Kopetzkys, ebenfalls als „Roman“ etikettierter, Bericht über die von November 1944 bis Februar 1945 tobende blutige Schlacht im Hürtgenwald (vgl deezer musik downloaden kostenlos. rantlos „Die Hölle im Hürtgenwald“) trägt den Titel „Propaganda“ und erschien 2019.

Kein Heldenepos von Hemingway

In diesem Werk folgt der Ich-Erzähler John Glueck, ein deutschstämmiger Amerikaner, dem Weg des damals schon berühmten Schriftstellers Ernest Hemingway 1944 durch ganz Frankreich bis in die Nordeifel, um dessen Blick auf die Geschehnisse des Krieges kennenzulernen. Unter dem Eindruck des in den Wäldern der Eifel tobenden Erlebten verzichtete der Schriftsteller auf das von ihm eigentlich geplanten Heldenepos über die militärischen Leistungen der amerikanischen Einheiten app store pou kostenlos herunterladen. Übrigens ist Hemingway (1899 – 1961) nicht der einzige US-Autor, der an dieser verlustreichen Schlacht teilnahm. Auch J. D. Salinger (1919 – 2010), der sehr gut Deutsche sprach, und der in Andernach geborene Charles Bukowski (1920 – 1994) haben die dortigen Schrecken erlebt.

Besondere Verdienste erwarb sich in jenen Kriegstagen der deutsche Sanitätshauptmann Günter Stüttgen. Er vereinbarte – entgegen dem Befehl Hitlers – auf eigene Faust mehrere Feuerpausen, damit Hunderte verwundeter deutscher und amerikanischer Soldaten medizinisch versorgt werden konnten. Als er wenige Tage später den Verbandsort Treiborn kampflos den Amerikanern übergab und sich im Eupener Land versteckte, wurde er von einem Kriegsgericht in Abwesenheit degradiert und zum Tode verurteilt Download free plotter files. In dem Roman „Monschau“ findet der junge griechische Kollege eine Kopie dieses Urteils und warnt seinen Chef rechtzeitig vor dem Anschlag eines früheren Scharfschützen, der den Richterspruch noch nachträglich „vollstrecken“ wollte. Viele Jahre nach dem Krieg fahndeten amerikanische Veteranen erfolgreich nach dem „german doctor“ der Schlacht im Hürtgenwald. Stüttgen wurde mit einer der höchsten US-Verdienstmedaillen geehrt.

Kunst und Gesellschaft

Wer 2021, dem Jahr des 100. Geburtstag des Künstlers Joseph Beuys, Belletristik veröffentlicht, ohne auf diesen Bezug zu nehmen, ist selber Schuld. Steffen Kopetzky hingegen schreibt über Günter Stüttgen, dieser habe an der Düsseldorfer Kunstakademie den Vortrag eines neu berufenen Professors der Bildhauerei gehört, in dem es nicht um Skulptur oder Plastik im herkömmlichen Sinne ging. Vielmehr habe der Künstler, der wegen einer Kriegsverletzung stets einen Hut trug, die gesellschaftliche Bedeutung der Kunst in den Mittelpunkt gestellt. „Soziale Plastik“ nannte der Künstler seine Idee. In der Demokratie trage jeder Mensch nicht nur Verantwortung für die Gesellschaft, sondern er gestalte sich auch wie der Bildhauer seine Skulptur.

Der Zufall will es, dass auch Beuys seinen Stüttgen hatte – nämlich Johannes Stüttgen, Meisterschüler des Künstlers. Der hatte sich einst zwischen einem Studium der Theologie bei Josef Ratzinger (dem späteren „deutschen“ Papst Benedikt XVI) und dem der Bildhauerei bei Joseph Beuys zu entscheiden. Aber das ist eine andere Geschichte, die allerdings einen Autor wie Steffen Kopetzky reizen könnte.

Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf (Jg. 1941) ist Politikwissenschaftler mit profunden Kenntnissen vom wirklichen Politikgeschehen. Er war Büroleiter des damaligen CDU-Chefs Helmut Kohl, später nacheinander Chef der Inlandsabteilung des Bundespresseamts und der Kultur-Abteilung im Bundesinnenministerium. Von 2000 bis 2007 war Bergsdorf Präsident der Universität Erfurt.