--- Anzeige ---
Homepage-Baukasten von Host Europe

Brüchige Vorlese-Kultur

Fünfzehn Minuten täglich wirken Wunder

Autor Dieter Buchholtz

Vorlesungen an der Uni halten nicht wenige Fachleute schlicht für anachronistisch – insbesondere im digitalen Zeitalter. Bekanntermaßen bleibt vom frontal vermittelten Wissensstoff bei den Studenten nur wenig wirklich hängen. Genau das Gegenteil passiert bei Kindern. Erkenntnisse belegen, dass durch nahestehende Menschen Vorgelesenes insbesondere in ganz jungen Jahren von den Heranwachsenden sehr intensiv aufgenommen und verarbeitet wird. Vermittelt werden auf diese Weise emotionale und intelektuelle Fähigkeiten, die dann für das zukünftige Leben tief verankert bleiben.

Um eines vorwegzunehmen: Die heimische Vorlesekompetenz kann im Kern und bei den in diesem Land herrschenden Rahmenbedingungen wohl kaum an Kitas und Grundschulen weitergegeben werden. Hier herrschen Personal- und Geldmangel. Daraus resultiert eine Unzahl von Stressfaktoren. Zu denen sich auch noch seitens der Eltern eine zunehmende Abgabemetalität gesellt. Auf den Punkt gebracht: Vorgelesen zu bekommen auf dem Schoß von Mama oder Papa wirkt einfach tiefer als es in den Wuselräumen der Kinderbetreuungseinrichtungen möglich ist.

Auch eigene Geschichten gehören dazu

An diesem Punkt wird in aller Regel das Argument gezogen, dass die Eltern oder eben Alleinerziehende doch kaum Zeit hätten. Mutter und/oder Vater seien mit der Existenzsicherung mehr als beschäftigt, lautet dann nicht selten die Entschuldigung. Nun gut, das kann man bedingt gelten lassen. Rein statistisch bietet sich eine teilweise Rettung an. Denn immerhin haben 21 Millionen Menschen in Deutschland Enkel. Wenn das kein Potential ist. Wir wissen, dass es für insbesonder die kleinen Kinder ein unschätzbarer Reichtum ist, wenn Opa und/oder Oma einfach für sie da sind. Wenn die lebenserfahrenen Erwachsenen vorlesen und dazu auch noch selbst erlebte Geschichten erzählen. Fachleute sagen, dass die tägliche Geschichte, speziell vor dem allabendlichen Einschlafen, als eine sehr wertvolle Viertelstunde all das erfülle, was für ein Kind ein wertvolles Lebenskapital sei.

Vor diesem Erkenntnishintergrund wiegen Defizite natürlich doppelt schwer. Hier könnten Opa und Oma liebevoll aushelfen. Denn eine aktuelle Studie belegt, dass knapp ein Drittel der Eltern von Zwei- bis Achtjährigen eher nicht vorlesen. Mit anderen Worten: 1,7 Millionen Kinder in dieser Altersspanne bekommen diesen Impuls nicht. Hier produzieren Eltern schon sehr früh deutlich eingeschränkte Startbedingungen für ihren Nachwuchs. Das Nicht-Vorlesen findet sich erfahrungsgemäß häufiger in Lebensumständen mit niedrigerem Bildungsabschluss.

Apps können sehr gut helfen

Aber dennoch sollten die gefühlten Barrieren für das Vorlesen nicht zu hoch bewertet werden. Denn für die Experten zählt nicht nur das Vorlesen aus einem Buch. Sie akzeptieren auch, wenn zu einem Wimmelbuch ohne Text Geschichten erzählt werden, wenn aus Prospekten und Katalogen zitiert wird oder wenn Apps und E-Reader zum Einsatz kommen. Hilfreich ist beispielsweise auch eine kostenlose App von der Stiftung Lesen und der Deutsche Bahn Stiftung. Sie stellt in „Einfach vorlesen“ jede Woche für unterschiedliche Altersgruppen eine neue Geschichte zur Verfügung.

Väter sind häufiger Lese-Muffel

Man könnte hier einfach feststellen: Geht doch. Aber der Blick in Details der genannten Studie offenbart bedauerlicherweise weitere Ungereimtheiten in der löchrigen Vorlesekultur. Denn mehr als jeder zweite Vater ist ein Vor-Lese-Muffel. Die Mütter schaffen es besser mit nur einem Anteil von 27 Prozent derer, die wenig oder gar nicht vorlesen. Die Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen, Simone Ehmig, appelliert daher: „Die Väter sind elementar wichtig als Lesevorbilder und Impulsgeber, vor allem für Jungs, die in einer Lesewelt aufwachsen, die nach wie vor eher weiblich dominiert ist“.

Also viel zu tun für engagierte Opas und Omas. Und es muss dabei wirklich nicht bei Null angefangen werden. Denn das Deutsche Zentrum für Altersfragen stellt fest, dass bereits rund 30 Prozent aller Großeltern in Deutschland bei der Betreuung der Kinder helfen. Im Durchschnitt kommen sie dabei auf gut acht Stunden in der Woche. Ganz sicher können sie dann mehrheitlich auch jeden Tag mal eine Viertelstunde für das Vorlesen abzwacken. Und sehr wichtig ist beispielsweise auch, dass allein das Zeigen und Kommentieren von einfachen Bilderbüchern schon für Babys wirksame Impulse für das Gehirn vermittelt.

Teilweise dramatische Defizite

Und wen das noch nicht überzeugt hat, der sollte sich einfach Ergebnisse der Vorlesestudien der letzen Jahre zu Gemüte führen. Danach sind Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wurde, erfolgreicher in der Schule. Vorlesen hat also längerfristige soziale Bedeutung. Denn diese Kinder bemühen sich stark, andere in die Gemeinschaft zu integrieren. Dazu haben sie einen ausgeprägteren Gerechtigkeitssinn. Vier von fünf Kindern, denen regelmäßig vorgelesen wurde, fällt das Lesenlernen in der Grundschule leicht.

Zweifelsfrei kann festgestellt werden, dass die Ergebnisse der Lesestudie insgesamt und insbesondere die herausgefilterten Defizite in einzelnen Bereichen dramatische Ausmaße haben – ganz speziell für die spätere Entwicklung der Kinder. Und es muss klar gesagt werden: Dies kann nicht auch noch von den Erzieherinnen und Erziehern in den Kitas und den Grundschulen geleistet werden. Hier sind in hohem Maße Eltern und ganz sicher auch Großeltern gefragt. Denn die Experten bestätigen uns: Wir stehen einfach nicht gut da in Deutschland. Ein Fünftel der Kinder kann nicht richtig lesen und schreiben. Und das hat ursächlich auch damit zu tun, dass den Kindern früher nicht vorgelesen wurde. Und weiter: 6,2 Millionen Menschen im erwerbstätigen Alter können nicht gut lesen und schreiben. Das ist für eine Nation, die so hohe Ansprüche an allgemeine und formale Bildung stellt, ein vernichtendes Zeugnis.

Die schlichte Lösung: Vorlesen geht überall!

 

Übrigens:

  • Am 15. November 2019 ist bundesweiter Vorlesetag!
  • Alle Ergebnisse sowie Vorleseempfehlungen für Kinder zwischen zwei und acht Jahren finden Sie unter: www.stiftunglesen.de/vorlesestudie

 

Für Kommentare: dieter.buchholtz@rantlos.de