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Auf dem Weg nach Absurdistan?

 

 Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Sind wir auf dem Weg nach Absurdistan? Wir – Deutschland und zumindest ein Teil der Deutschen? Wie wäre sonst die Aufregung zu verstehen, die um ein Witzchen der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer (übrigens seit Jahren schon im Saarland während der närrischen Session auf der Bühne) im Karneval zu verstehen? Dass Humor so eigene Sache ist, sollte man doch eigentlich wissen. Und dass nicht jeder über jeden Spaß lachen kann, ist auch nichts Neues. Aber dass im ganzen Land – vor allem, natürlich, im „Netz“ ein mit dem Einsatz praktisch aller verbalen Waffen geführter Krieg tobt, weil es jemand wagt, sich über Auswüchse des gegenwärtigen Gender-Hypes lustig zu machen, raubt einem doch schon fast den Atem.

Über die süffisante Bemerkung der Politikerin zur angeblichen Notwendigkeit von neutralen (?) Toiletten für „diverse“ Mitbürger (also solche, die – vom Bundesverfassungsgericht anerkannt – sich weder als Männer noch als Frauen verstehen) wäre  vor noch nicht allzu langer Zeit wohl geschmunzelt worden. Heute reichen die Reaktionen von Beschimpfungen über das Verlangen nach Entschuldigung bis zur Forderung nach Rücktritt. Kündigt sich hier am Ende sogar eine Staatsaffäre an? Zumal ja auch dieser Eklat um den rheinischen Barden Bernd Stelter nicht vergessen werden darf. Erlaubte der sich doch glatt, über die (wahrscheinlich nicht nur seiner Meinung nach) Inflationierung von Doppelnamen lustig zu machen. Eine unerhörte Diskriminierung! Meinte zumindest eine eigens zum Kölner Karneval angereiste, kostümierte Frau aus Weimar. Mit einem Doppelnamen, logisch.  Also stürmte sie – beleidigt – auf die Bühne, nahm sich den verdutzten Sänger ordentlich vor und wurde dadurch (zumindest in Weimar und Umgebung) eine Berühmtheit. Denn (erwartungsgemäß) tobte wieder das „Netz“, und auch in den gedruckten Medien hauten die Kommentatoren mit der notwendigen Abscheu und Empörung gehörig in die Tasten. Der Weg nach Absurdistan kann nicht mehr lang sein.

 Tatsächlich könnte man fast meinen, der zeitlich begrenze Fasching sei nahtlos in einen permanenten Gesinnungs-Karneval übergegangen. Aber nein, was sich da täglich abspielt, ist wirklich ernst gemeint. Zwar wird dafür ziemlich viel öffentliches Geld ausgegeben, und der Mehrwert will sich den allermeisten Zeitgenossen nicht so recht erschließen, doch der Aufwand ist beträchtlich. Es geht um die Attacke auf die deutsche Sprache. Das Ganze natürlich eingebettet in das laute Wehklagen über angebliche unverändert bestehende gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen. Im Klartext: Es gibt Männer und Frauen (Normalität). Von diesen fühlt sich eine Minderheit, zum eigenen Geschlecht hingezogen. Sie nennen sich selbst Schwule und Lesben, und ihre Lebens- und Liebesweise wird mittlerweile zum Glück von den meisten Mitbürgern akzeptiert (Semi-Normalität). Und dann ist da noch jene Mini-Minorität, die sich biologisch weder hier noch dort zuhause fühlt. Immerhin ist auch diese Gruppe mittlerweile vom Verfassungsgericht anerkannt und darf sich im Pass „divers“ bezeichnen.

So weit, so schwierig. Bei rund 80 Millionen Einwohnern fallen diese randgesellschaftlichen Mitbürger allerdings nicht sonderlich ins Gewicht. Aber sie haben eine rührige Lobby, und die macht richtig Rabatz. Und hat, nicht ohne erste „Landgewinne“, einen Generalangriff auf die Sprache gestartet. Das heutige, über viele Generationen gewachsene und gesprochene, Deutsch, sagt diese Druck-Kolonne, sei ungerecht, vor allem frauenfeindlich und spiegle nicht die Wirklichkeit im Lande wider. Deshalb also müssten über und in vielen Hauptwörtern unbedingt die Sternchen, Schrägstriche, Unterstriche usw. stehen, mit dem weiblichen „in“ dahinter. Das ist die reinste Sprachverhunzung, wird aber gefördert, geschürt und „wissenschaftlich“ unterfüttert von inzwischen zahlreichen Universitäts-Lehrstühlen, die ihrerseits natürlich staatlich und damit durch die Steuerzahler finanziert werden. Mit anderen Worten: Wir alle schauen nicht nur mehr oder weniger fasziniert zu, wie die eigene Sprache Stück für Stück vor die Hunde geht. Nein, wir bezahlen auch noch dafür. Gendergerecht nennt man dieses umgenudelte Deutsch mit großem „Binnen-I“, Schrägstrich-Annex, Sternchen-Anhang und was nicht noch alles mehr.

Vor wenigen Tagen hat der in Dortmund ansässige „Verein Deutsche Sprache“ (VDS) in einem fast schon dramatischen Aufruf „Schluss mit dem Gender-Unfug” gefordert. Dieser „Aufruf zum Widerstand“ wurde sofort von mehr als 100 namhaften Wissenschaftlern, Schriftstellern, Kulturschaffenden unterschrieben; inzwischen ist die Zahl der Unterzeichner noch viel größer. Angeprangert werden solch „lächerliche Sprachgebilde“ wie Die Radfahrenden oder Die Fahrzeugführenden. Als Unsinns-Beispiel gilt ferner, dass sogar der Große Duden der angeblichen Sprachgerechtigkeit halber als eigene Stichworte Luftpiratinnen und Idiotinnen aufgenommen hat. Dem VDS ist es mit seinem Protest bitterernst. Er spricht bereits von einer „Gender-Ideologie“, die „auf dem Vormarsch zur Staatsdoktrin“ sei.

Übertriebene Sorge von berufs- und hobbymässigen Sprachästheten? Viel Lärm um nichts, also? O nein! Erst vor kurzem hat die Stadt Hannover ihre Verwaltung angewiesen, den gesamten schriftlichen Verkehr in „gendergerechtem Deutsch“ zu erledigen. Also mit Sternchen, Schräg- und Unterstrichen sowie abenteuerlichsten Begriffsverrenkungen. In Dortmund wird ebenfalls darüber nachgedacht, und auch in den Parlamenten gehen bereits etliche gender-sprachliche Sämlinge auf. Ob dagegen der Weckruf aus Dortmund die Mehrheitsgesellschaft aufrütteln wird, damit das Vergehen an der Sprache als wichtigstem Kulturträger gestoppt werde?

Die Hoffnung darauf ist groß, der Glaube daran indessen klein. Findet der Gendersprachen-Kreuzzug doch in einer Zeit statt, in der es um die Sprach- und Ausdrucksfähigkeit von Schülern in Deutschland immer schlechter bestellt ist. Erst kürzlich lösten Lehrerverbände, Sprachwissenschaftler und Philologen  Alarm aus wegen der immer mehr abnehmenden Lese- und Schreib-, Verständnis- und Ausdrucksfähigkeit der Schüler. Und in Betrieben (also dort, wo es Arbeit gibt), nicht zuletzt in den qualifizierten Handwerks-Unternehmen, klagt man über immer mehr junge Leute, die zwar Ausbildungsplätze suchten, aber einfach nicht ausbildungsfähig seien, weil sie u. a. nicht einmal die Grundrechenarten oder die Rechtschreibung beherrschten.

An diesem Punkt ist Absurdistan endgültig erreicht. Ein Land und seine Bevölkerung besitzen so gut wie keine Rohstoffe – bis auf einen: Bildung. Und sie leben vom Erzeugen und Verkaufen hochentwickelter Produkte. Trotzdem erlauben sie sich den Luxus, wichtige Energien zu vergeuden mit sinnlosem Gelaber und regelrechten Kriegen um Worte und Doppelnamen. Der alte römische Senator Marcus Tullius Cicero hatte schon lange vor unserer Zeitrechnung geklagt: „O tempora, O mores. Quem rem publicam habemus“ – O Zeiten, O Sitten. Was haben wir bloß für einen Staat“. Leider ist weit und breit kein moderner Cicero zu sehen…