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Auch Weihrauch räuchert

 Von Gisbert Kuhn

Autor Gisbert Kuhn

Früher ist alles besser gewesen? Da war das Essen nicht durch Chemie vergiftet? Das Wasser sauber? Die Luft rein? Das Familienleben intakt? Alles ziemlich dummes Zeug. Früher (sagen wir: vor vielleicht 70 Jahren) wurden die Menschen bei uns im Durchschnitt 60 bis 70 Jahre alt; heute muss man schon 105 Lenze auf dem Buckel haben, um vom Bundespräsidenten einen Glückwunsch zu bekommen. So sehr ist die Zahl der Hundertjährigen während des vergangenen Dezenniums in die Höhe geschnellt! Der Rhein war vergiftet; heute leben sogar wieder Lachse darin. In den Industrieballungen, etwa an Rhein und Ruhr, war die Wäsche schwärzer als zuvor, wenn man sie nach dem Waschen im Freien aufhing. Natürlich galt auch der (zumindest halbe) Samstag als Arbeitstag. Und wer von einer 35-Stunden-Woche gesprochen hätte, wäre ausgelacht worden. Sozialleistungen, wie zum Beispiel Grundsicherung, Wohngeld, Schulgeldfreiheit oder kostenloser Kindergarten – sämtlich Hirngespinste von hoffnungslosen Spinnern.

Nein, früher ist ganz sicher nicht alles besser gewesen. Aber vieles – ja, fast alles – war anders. Und zwar über einen sehr langen Zeitraum. Die Welt war gespalten. In Ost und West. In gut oder böse. Je nachdem, wer in welchem Lager lebte oder (richtiger noch) das Sagen hatte. Afrika und Asien spielten nur insofern eine Rolle, als diese Kontinente in unseren Staatsbudgets unter dem Rubrum „Entwicklungshilfe“ verbucht waren. China – du liebe Zeit, das war doch dort, wo selbst in Peking allesfalls mal ein Fahrrad auf den Straßen zu sehen war. Wer erinnert sich, dass noch in den 80-er Jahren der Fernschreiber (was das war, kann bei wikipedia nachgelesen werden!) das zuverlässigste Kommunikationsmittel war? Mit dem man sogar von Moskau und aus dem Kaukasus Reportagen in den Westen absetzen konnte.

Dass ein 17-jähriges schwedisches Mädchen einen amerikanischen Präsidenten zur Weißglut bringen könnte – ein solch abwegiger Gedanke wäre freilich nicht bloß vor 70 Jahren nicht aufgekommen, sondern hätte sogar noch vor vielleicht 1 Jahrzehnt ein homerisches Gelächter ausgelöst. Und zwar weltweit, rund um den Globus. Tatsächlich aber ist genau das jetzt passiert. Praktisch vor den Augen der ganzen Welt. Diese unlängst auf dem so genannten Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos abgelaufene Episode um Donald Trump und Greta Thunberg offenbart mehr als nur die gespiegelte Selbstbeweihräucherung eines hypereitlen Großmachtpolitikers und den Zweitaufguss eines messianisch angelegten Donnerwetters der mittlerweile von etlichen hunderttausend Menschen (vor allem in Europa und besonders in Deutschland) schon fast zu einer zweiten Jeanne d´Arc stilisierten Klimaretterin. Dieser Vorfall dokumentiert vielmehr ganz simpel das Ende dessen, woran wir uns in der Vergangenheit unter dem Begriff „Politik“ im weitesten Sinne gewöhnt hatten.

Man mag es betrachten und auch nennen wie man will. Die einen höhnen „Klimahysterie“, die anderen wähnen den Weltuntergang schon während der Lebzeiten der nächsten Generation. Unstreitig, indessen, ist doch, dass sich zunehmend unversöhnliche Blöcke in der Gesellschaft gegenüber stehen. Und dass nicht nur die Bereitschaft zum gegenseitigen Zuhören immer mehr abnimmt, sondern offensichtlich auch die Fähigkeit dazu. Doch unabhängig davon – wie kommt es, dass ein junges, freitags allein mit einem Pappschild und der Aufschrift „Schulstreik für das Klima“ vor der Schule sitzendes Mädchen mit einem Mal eine derartige Masse junger Menschen über die Grenzen hinaus hinter sich zu scharen vermag? Und mehr noch – dass die dahinter steckende, einfache Botschaft inzwischen so mächtig dröhnt, dass die Mächtigen in den Staatsführungen sich gezwungen sehen, auf sie zu hören und zu reagieren?

Ob die Bewegung von Dauer sein wird, ist ungewiss. Sie ist es vor allem deshalb, weil bisher vor allem guter Wille und gutes Wollen, Glaube an das vermeintlich Richtige und (oftmals nicht ungezügelte) Angst vor der Zukunft dahinter stecken. Ausstieg aus der Kohle – bei natürlich gleichzeitig gesicherter Energie. Ausstieg aus der Kernkraft – aber bei selbstverständlich unverändert hoher Produktivität und sozialer Sicherheit. Digitalisierung und (logisch: kostenfreier) Zugang ins totale Netz. „Schließlich sind wir – so habe wir es jedenfalls immer von unseren Eltern gelernt – ein reiches Land. Das wird sich doch wohl leisten können, alles auf einmal und möglichst sofort umzusetzen!“ Wie hatte der Lübecker Lyriker Emanuel Geibel einst über das „deutsche Wesen“ geschrieben? An diesem solle „einmal noch die Welt genesen“.

Richtig ist ganz sicher, dass der Raubbau an „Mutter Erde“ nicht so weiter gehen darf wie in den vergangenen 150 Jahren. Zumindest unstreitig sollte auch sein, dass irgendwann damit begonnen werden und irgendjemand damit beginnen muss. Warum also nicht Deutschland, besser noch Europa. Ersteres wird nicht leicht, und Zweiteres noch viel schwerer sein. Und zwar nicht nur, weil politische und Machtinteressen mitspielen, sondern ganz einfach weil der wirtschaftliche und soziale Zustand der Gesellschaften so unterschiedlich ist. Irgendwann einmal werden das auch jene Eiferer des guten Wollens begreifen müssen, die sich zurzeit noch im Begriff „Aktivisten“ sonnen. Der Glaube, im Recht zu sein, verschafft Wohlgefühl und verströmt nicht selten Weihrauch. Aber auch dieser räuchert am Ende ein und macht unempfindlich gegen außen. Deshalb: Besser ihn gar nicht erst aufkommen lassen.

Bemerkungen und Kommentare bitte direkt an gisbert.kuhn@rantlos.de