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Angst vor der Angst

von Dieter Buchholtz

Ängstlicher Bürger als Leitfigur?

Autor Dieter Buchholtz

Die „German Angst“ ist so etwas wie unser Markenzeichen. Wir sind Meister in Befürchtungs-Rethorik. Wir sind notorische Bedenkenträger. Wir befürchten auf jeden Fall immer das Schlimmste. Wir sind alarmistisch, weil wir eben alle möglichen Gefahren sehr früh sehen. So weit, so ängstlich.

Wir wissen aber auch, dass Angst ein schlechter Ratgeber in fast allen Fällen ist.

Nun können wir aber – sozusagen aus deutscher Sicht – locker und oft auch ungefragt auf viele Auslöser hinweisen, die uns fast täglich in Angst und Schrecken versetzen. Es zieht der USA-Trump seine Truppe aus Syrien zurück, schafft ein Machtvakuum und ist Mitauslöser für die türkischen Kriegshandlungen eines Erdogan. Diese Krisenregion wird innerhalb weniger Tage in höchstem Maße destabilisiert. Grausamer geht es fast nicht mehr – und neue Flüchtlingsströme setzen sich wieder in Bewegung.

„Kulturgut Angst“ als Treiber?

Innenpolitisch hat uns der rechtsextremistische Terroranschlag von Halle gezeigt, dass wir in diesem Feld auch in der Verbindung mit dem grassierenden Antisimetismus vielleicht noch mehr Angst haben sollten als bisher.

Global wird uns immer deutlicher gemacht, dass wir uns vielleicht in eine Klimakatastrophe hinein manövrieren. Die erkennbaren Indizien dafür dürfen uns schon Angst einflößen.

Und so könnten wir immer weiter unser “Kulturgut Angst“ ausdehnen und zum wachsenden Treiber für unsere Wahrnehmungen und letztlich auch für die Politik machen.

Wandel in 25 Jahren

Umso erstaunlicher ist es, dass unsere Gesellschaft sich so wenig fürchtet wie seit 25 Jahren nicht mehr. Das haben Demoskopen festgestellt. Sie legten 2446 Personen 22 Angst-Themen vor. Teilweise haben die Ergebnisse selbst Fachleute überrascht. Stark abgenommen haben die Ängste in den Feldern Terrorismus (-15%), Naturkatastrophen und Wetterextreme (-15%), Gefährliche Welt durch Trump-Politik (-14%), Überforderung der Politiker (-14%), Kosten für Steuerzahler durch durch EU-Schuldenkrise (-14%). In den Spitzenwerten stehen Themen wie Überforderung des Staates durch Flüchtlinge (56%), Spannungen durch Zuzug von Ausländern (55%) und im Mittelwert beispielsweise Pflegefall im Alter (45%).

Unter dem Strich bleiben nach wie vor große Angst-Themen. Sie sind zweifelsfrei auch immer ein Spiegelbild der momentanen Stimmung in unserer Gesellschaft. Wie aber auch in diesem Fall finden solche Umfragen  in Jahresabständen statt. Somit gibt es verlässliche und damit repräsentative Stimmungsbilder zu den Wahrnehmungen von Bürgerinnen und Bürgern in unserem Land.

Nährboden für „Ismen“ wächst

Beim Thema Angst scheint sich zweifelsfrei abzuzeichnen, dass der ängstliche deutsche Zeitgenosse nicht mehr unbedingt die absolute Leitfigur darstellt. Darin steckt aber auch ein Stück – vielleicht blauäugiger – Hoffnung.

Denn natürlich gibt es noch eine Reihe weiterer Ängste wie beispielsweise die Unsicherheit, wieviel Rente man später einmal bekommen wird. Hier schwebt die pauschale Angst vor dem wirtschaftlichen Abrutschen, also konkret vor der Altersarmut. Wenn sich aber derartige Ängste weiter verfestigen, dann droht von dieser Seite durchaus das Gefühl extremer sozialer Benachteiligung. Hier wächst in Folge und wohl unkalkulierbar der Nährboden für Rechtsextremismus und Populismus.

Und davor kann man einfach nur Angst haben.

 

Für Kommentare: dieter.buchholtz@rantlos.de